{"id":35945,"date":"2016-08-21T09:56:18","date_gmt":"2016-08-21T08:56:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=35945"},"modified":"2016-08-22T18:06:41","modified_gmt":"2016-08-22T17:06:41","slug":"hartmut-traub-alanus-hochschule-und-rudolf-steiner-jeder-mensch-ein-wissenschaftler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/hartmut-traub-alanus-hochschule-und-rudolf-steiner-jeder-mensch-ein-wissenschaftler\/","title":{"rendered":"Hartmut Traub, Alanus Hochschule und Rudolf Steiner: Jeder Mensch ein Wissenschaftler!"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-35948\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Alanus2016082101.jpg\" alt=\"Alanus2016082101\" width=\"700\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Alanus2016082101.jpg 700w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Alanus2016082101-300x152.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><strong>Die anthroposophische \u201eAlanus Hochschule f\u00fcr Kunst und Gesellschaft\u201c k\u00e4mpft um eine Anerkennung der \u201eWaldorfp\u00e4dagogik\u201c als Erziehungs-\u201eWissenschaft\u201c[1]. Dazu mu\u00df zun\u00e4chst f\u00fcr Rudolf Steiner, Begr\u00fcnder der \u201eAnthroposophie\u201c und Waldorfschulen, ein neues, positives und\u00a0neutrales\u00a0Image erschaffen werden: weg vom \u201everst\u00f6renden\u201c Esoteriker Steiner, hin zum bedeutenden Philosophen Steiner[2]. Hartmut Traub, Lehrbeauftragter der Alanus Hochschule, hielt dazu im Mai 2016 einen Vortrag, in dem er Steiner wie gew\u00fcnscht \u201ewissenschaftlich-philosophisches\u00a0Denken\u201c bescheinigt.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Der Beitrag von <a href=\"http:\/\/www.ruhrbarone.de\/waldorflehrer-werden-%E2%80%93-am-%E2%80%9Eseminar-fur-waldorfpadagogik-berlin%E2%80%9C\/23428\" target=\"_blank\">Andreas Lichte<\/a> ist zuerst <a href=\"http:\/\/hpd.de\/artikel\/jeder-mensch-wissenschaftler-13429\" target=\"_blank\">auf der Website des hpd<\/a> erschienen.)<\/em><\/p>\n<p>In seinem Vortrag <a href=\"https:\/\/waldorfblog.wordpress.com\/2016\/08\/10\/wissenschaft-mythos-und-andere-unproduktive-etikettierungen-hartmut-traub-zu-heiner-ullrich\/\" target=\"_blank\">\u201eWissenschaft, Mythos und andere unproduktive Etikettierungen &#8230;\u201c<\/a> zitiert Hartmut Traub auf 15 Seiten nicht ein einziges Mal Rudolf Steiner, und das, obwohl er Steiners\u00a0\u201eAnthroposophie\u201c die einzigartige Eigenschaft zuspricht, Mythos und Wissenschaft in sich zu vereinen, Zitat Traub, Seite 7:<\/p>\n<p>\u201eDer vermeintlich mythologische Charakter der Anthroposophie ist danach die veranschaulichende, didaktisch methodologisch explorierte Weiterentwicklung des philosophischen Denkens, das selbst\u00a0in der \u2018Hochphase\u2019 der Anthroposophie sein mythologiekritisches Potential nicht verliert (Traub 2014, S. 149ff.).<\/p>\n<p>Das Mythologische wird bei Steiner somit weder reflexiv verwissenschaftlicht, noch verh\u00fcllt es das wissenschaftliche Denken, sondern dem Mythologischen ist das wissenschaftlich-philosophische\u00a0Denken explizit immanent. Und das hei\u00dft, die Anthroposophie ist ihrem Wesen und Anspruch nach kein mythologisches Denken, und schon gar keine R\u00fcckkehr zum Mythos, sondern die\u00a0weiterentwickelte, veranschaulichte und methodologisch didaktisierte Philosophie Rudolf Steiners.\u201c<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzer der Anthroposophie wie Hartmut Traub vermeiden, Rudolf Steiner selber sprechen zu lassen, es sei denn, in kurzen, sinnentstellenden Zitaten.<\/p>\n<p>Wo ist in Steiners Aussagen das \u00a0\u201ewissenschaftlich-philosophische Denken\u201c, die \u201eweiterentwickelte, veranschaulichte und methodologisch didaktisierte Philosophie Rudolf Steiners\u201c?<\/p>\n<p>Um zu konkretisieren, wie weit sich Hartmut Traubs Interpretation von Rudolf Steiner entfernt, h\u00f6ren wir, was Steiner wirklich selber sagt, ein f\u00fcr ihn typisches Zitat:<\/p>\n<p>\u201e(\u2026) Und so kann man sagen: Die Wei\u00dfen k\u00f6nnen \u00fcberallhin, k\u00f6nnen heute sogar nach Amerika hin\u00fcber. Alles dasjenige, was an wei\u00dfer Bev\u00f6lkerung in Amerika ist, das ist ja von Europa gekommen.\u00a0Da kommt also das Wei\u00dfe hinein in die amerikanischen Gegenden. Aber es geschieht ja etwas mit dem Menschen, wenn er von Europa, wo er dazu nat\u00fcrlich gebildet ist, da\u00df er alles im Innern\u00a0entwickelt, nach Amerika hin\u00fcberkommt. Da ist es so, da\u00df gewisserma\u00dfen schon etwas sein Hinterhirn in Anspruch genommen werden mu\u00df. In Europa, sehen Sie, hat er als Europ\u00e4er haupts\u00e4chlich\u00a0das Vorderhirn in Anspruch genommen. Nun, in Amerika, da gedeihen diejenigen, die eigentlich zugrunde gehende Neger einmal waren, das hei\u00dft sie gedeihen nicht, sie gehen zugrunde, die\u00a0Indianer. Wenn man dahin kommt, da ist eigentlich immer ein Kampf zwischen Vorderhirn und Hinterhirn im Kopf. Es ist das Eigent\u00fcmliche, da\u00df wenn eine Familie nach Amerika zieht, sich niederl\u00e4\u00dft,\u00a0dann bekommen die Leute, die aus dieser Familie hervorgehen, immer etwas l\u00e4ngere Arme. Die Arme werden l\u00e4nger. Die Beine wachsen auch etwas mehr, wenn der Europ\u00e4er in Amerika sich\u00a0ansiedelt, nicht bei ihm selber nat\u00fcrlich, aber bei seinen Nachkommen. Das kommt davon, weil die Geschichte mehr durch das Mittelhirn hindurch nach dem Hinterhirn sich hinzieht, wenn man als\u00a0Europ\u00e4er nach Amerika kommt. (\u2026)\u201c[3]<\/p>\n<p>\u201eTypisch\u201c an der oben vorstellten Textpassage ist, dass Rudolf Steiner seine Zuh\u00f6rer bzw. Leser mit \u201eunerh\u00f6rten\u201c geistigen Tatsachen \u00fcberrascht. Das kann Steiner, da er Einblick in die \u201eAkasha-Chronik\u201c, ein geistiges Weltenged\u00e4chtnis in der \u201e\u00c4therwelt\u201c (\u201eakasha\u201c, Sanskrit: \u00c4ther) hat. In dieser \u201eChronik\u201c seien alle Ereignisse der Geschichte, alle Taten, Worte und Gedanken der Menschheit enthalten, die dem \u201eGeistesforscher\u201c \u2013 also ihm selber \u2013 zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Steiner sagt \u00fcber seine Rolle als \u201eSeher\u201c: \u201eMeinen Schauungen in der geistigen Welt hat man immer wieder entgegengehalten, sie seien ver\u00e4nderte Wiedergaben dessen, was im Laufe \u00e4lterer Zeit an Vorstellungen der Menschen \u00fcber die Geist-Welt hervorgetreten ist (&#8230;) Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll bewusst, sind Ergebnisse eigenen Schauens\u201c[4]. Und: \u201eDas m\u00fcssen wir uns immer wiederum vor die Seele stellen, dass wir nicht aus Urkunden sch\u00f6pfen, sondern dass wir sch\u00f6pfen aus der geistigen Forschung selbst und dass wir dasjenige, was aus der Geistesforschung gesch\u00f6pft wird, in den Urkunden wieder aufsuchen (&#8230;) Was heute erforscht werden kann ohne eine historische Urkunde, das ist die Quelle f\u00fcr das anthroposophische Erkennen\u201c[5].<\/p>\n<p>Das \u201eanthroposophische Erkennen\u201c bezeichnet Steiner selber als \u201eOkkultismus\u201c:<\/p>\n<p>\u201eNun glaubt die Wissenschaft, da\u00df das Herz eine Art von Pumpe ist. Das ist eine groteske phantastische Vorstellung. Niemals hat der Okkultismus eine solch phantastische Behauptung\u00a0aufgestellt wie der heutige Materialismus. Das, was die bewegende Kraft des Blutes ist, sind die Gef\u00fchle der Seele. Die Seele treibt das Blut, und das Herz bewegt sich, weil es vom\u00a0Blute getrieben wird. Also genau das Umgekehrte ist wahr von dem, was die materialistische Wissenschaft sagt.\u201c[6]<\/p>\n<p>Das Prinzip, jedem bekannte\u00a0\u2013 auch wissenschaftlich anerkannte \u2013Tatsachen als \u201efalsch\u201c hinzustellen, um das genaue Gegenteil als \u201ewahr\u201c zu erkl\u00e4ren, zieht sich wie ein roter Faden durch Rudolf Steiners Werk. Falls es Steiners Ziel war, sein Publikum durch seine \u201eOriginalit\u00e4t\u201c zu verbl\u00fcffen, so ist ihm das zweifellos gelungen. Wirkliche Anerkennung bekam daf\u00fcr aber erst der Steiner-Plagiator Joseph Beuys mit seinem <a href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Joseph_Beuys#Zitate_mit_Quellenangabe\" target=\"_blank\">in die (Kunst-) Geschichte eingegangenen Zitat<\/a> \u201eIch denke sowieso mit dem Knie\u201c.<\/p>\n<p>Dieses vermeintlich originelle Zitat Beuys\u2019 geht auf Rudolf Steiners anthroposophische Deutung des Denkvorganges zur\u00fcck, Zitat Steiner: \u201eDas Schlie\u00dfen, das Schl\u00fcsse bilden, h\u00e4ngt nun zusammen mit den Beinen und F\u00fc\u00dfen. Nat\u00fcrlich werden Sie heute ausgelacht, wenn Sie einem Psychologen sagen, man schlie\u00dft mit den Beinen, mit den F\u00fc\u00dfen, aber das letztere ist doch die Wahrheit &#8230;\u201c[7] In meinem Artikel <a href=\"http:\/\/hpd.de\/artikel\/10024\" target=\"_blank\">\u201eGegenteil-Tag, 365 Tage im Jahr\u201c<\/a> findet sich dazu eine ausf\u00fchrlichere Herleitung.<\/p>\n<p>Wenn Steiner sich selber vehement von der \u201ematerialistischen\u201c Wissenschaft abgrenzt, die Anthroposophie offensichtlich gegen elementare Prinzipien der wissenschaftlichen Methode verst\u00f6\u00dft \u2013 wie stellt man \u201eIntersubjektivit\u00e4t\u201c bei einem Hellseher her? \u2013, ist es von Hartmut Traub und der Alanus Hochschule doch sehr gewagt, Rudolf Steiner \u201eWissenschaftlichkeit\u201c zu bescheinigen. Aber wenn es nur um Image und Reputation geht, k\u00f6nnte man sich doch auch hier auf den Gro\u00df-K\u00fcnstler Joseph Beuys beziehen, der sagte ja bekanntlich: \u201eJeder Mensch ein K\u00fcnstler\u201c. Mein Vorschlag, als neues Motto f\u00fcr die Alanus Hochschule:<\/p>\n<p>\u201eJeder Mensch ein Wissenschaftler!\u201c. Dann auch Rudolf Steiner.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>[1] siehe dazu: <a href=\"https:\/\/waldorfblog.wordpress.com\/2016\/03\/21\/waldorf-heute-vom-eingeweihtenwissen-zum-akademischen-diskurs-ein-interview-mit-jost-schieren\/\" target=\"_blank\">\u201eWaldorf heute: Vom \u2018Eingeweihtenwissen\u2019 zum \u2018akademischen Diskurs\u2019? Ein Interview mit Jost\u00a0Schieren\u201c<\/a> \u2013 \u201eWaldorfblog\u201c, 21. M\u00e4rz 2016<\/p>\n<p>und meine Kritik von Jost Schierens Interview mit dem Waldorfblog: <a href=\"http:\/\/hpd.de\/artikel\/waldorf-werber-12931\" target=\"_blank\">\u201eProf. Jost Schieren, Alanus Hochschule f\u00fcr Kunst und Gesellschaft: Der Waldorf-Werber\u201c<\/a><\/p>\n<p>[2] siehe dazu auch: <a href=\"http:\/\/hpd.de\/artikel\/11618\" target=\"_blank\">\u201eChristian Clements \u2018kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners\u2019 (SKA): Des Steiners neue Kleider\u201c<\/a><\/p>\n<p>[3] Rudolf Steiner, \u201eVom Leben des Menschen und der Erde \u2013 \u00dcber das Wesen des Christentums\u201c, GA 349, Dritter Vortrag, Dornach, 3. M\u00e4rz 1923, Seite 58<\/p>\n<p>[4] Rudolf Steiner, \u201eGeheimwissenschaft im Umriss\u201c, GA 13, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Vorrede zur 16.\u201320. Auflage, Seite 29f.<\/p>\n<p>[5] Rudolf Steiner, \u201eDas Lukas-Evangelium\u201c, GA 114, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Seite 22 und Seite 20<\/p>\n<p>[6] Rudolf Steiner, \u201eDie Theosophie des Rosenkreuzers\u201c, GA 99, Rudolf Steiner Verlag, Dornach \u2013 Dreizehnter Vortrag, 5. Juni 1907, Seite 148<\/p>\n<p>[7] Rudolf Steiner, \u201eMenschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung\u201c, GA 302, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Taschenbuchausgabe 1996 \u2013 Zweiter Vortrag, Stuttgart, 13. Juni 1921, Seite 29f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die anthroposophische \u201eAlanus Hochschule f\u00fcr Kunst und Gesellschaft\u201c k\u00e4mpft um eine Anerkennung der \u201eWaldorfp\u00e4dagogik\u201c als Erziehungs-\u201eWissenschaft\u201c[1]. 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