{"id":35710,"date":"2016-06-27T21:08:57","date_gmt":"2016-06-27T20:08:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=35710"},"modified":"2016-06-27T21:11:41","modified_gmt":"2016-06-27T20:11:41","slug":"das-liberale-buergertum-laesst-schiessen-die-harburger-reichstags-stichwahl-am-17-august-1878-und-ihr-blutiges-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/das-liberale-buergertum-laesst-schiessen-die-harburger-reichstags-stichwahl-am-17-august-1878-und-ihr-blutiges-ende\/","title":{"rendered":"Das liberale B\u00fcrgertum l\u00e4sst schie\u00dfen. Die Harburger Reichstags-Stichwahl am 17. August 1878 und ihr blutiges Ende"},"content":{"rendered":"<div class=\"layout_full block\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/webgrumbrecht.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"658\" \/><\/p>\n<div id=\"reader-kopf\" class=\"ce_text block\">\n<p><em>(1) August Grumbrecht 1811 &#8211; 1883: Nationalliberaler Frontmann der industriellen Interessen des Harburger B\u00fcrgertums<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"ce_text block\">\n<p><strong><br \/>\nVerlust der politischen Macht \u2013 das ist die Kulisse, in\u00a0der die herrschenden Eliten in Deutschland die Nerven verlieren und zur Gewalt greifen. Es folgen dann aufeinander parlamentarische und exekutive Rechtsentwicklung, Stra\u00dfengewalt, Verfassungsbruch, Polizeiwillk\u00fcr und juristische Verfolgung in unvorhergesehenem Ausma\u00df und atemberaubender Geschwindigkeit. So geschehen 1878 und 1932\/33. Dass heute eine \u00e4hnliche Entwicklung m\u00f6glich ist, wollen erst wenige erkennen.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Der Gastbeitrag von Dr. Christian Gotthardt ist <a href=\"http:\/\/www.harbuch.de\/index.php\/frische-themen-artikel\/das-liberale-buergertum-laesst-schiessen.html\" target=\"_blank\">zuerst auf der Lokalgeschichts-Website &#8222;harbuch&#8220; erschienen<\/a>.)<\/em><\/p>\n<h3>Vorgeschichte<\/h3>\n<p>Ein nach demokratischen Grunds\u00e4tzen gew\u00e4hltes Parlament gab es in Deutschland erst seit der Bismarckschen Reichseinigung, als Norddeutscher Reichstag seit 1867 und als Deutscher Reichstag seit 1871. Wie demokratisch das damalige allgemeine, gleiche und direkte M\u00e4nnerwahlrecht und seine Handhabung wirklich waren, ist ein Thema f\u00fcr sich und soll hier nicht weiter beleuchtet werden.<a href=\"http:\/\/www.harbuch.de\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Nur soviel: Bismarck konnte in seiner Zeit als Gesandter des preu\u00dfischen K\u00f6nigs in Paris lernen, wie virtuos der franz\u00f6sische Wahlkaiser Louis Bonaparte III. das allgemeine Wahlrecht nutzte, um sein Regime und die Macht der alten Eliten zu erhalten. Bismarck tat es ihm nach: Der deutsche Reichstag Baujahr 1871 wurde zum Instrument der deutschen Kaisermacht des preu\u00dfischen Hofes. Vor allem diente er der politischen Verzwergung dessen notwendigen B\u00fcndnispartners, des wirtschaftlichen Riesens B\u00fcrgertum. Bismarcks Kalk\u00fcl dabei: Wenn Volkes Stimme z\u00e4hlt, wird die traditionalistische und nationalistische Massenmobilisierung der Landbev\u00f6lkerung durch Regierung und Adel dem b\u00fcrgerlichen Liberalismus als der unsympathischen politischen Vertretung des egoistischen Unternehmertums stets den Rang ablaufen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegung (deren universale historische Bedeutung der geniale Taktiker Bismarck eigenartigerweise nie begriffen hat) durchkreuzte dieses Kalk\u00fcl. Nach der Vereinigung der lassalleanischen und marxistischen Gruppierungen auf dem Gothaer Parteitag 1875 erfuhr die dort aus der Taufe gehobene \u201eSozialistische Arbeiterpartei Deutschlands\u201c (SAPD) einen unaufhaltsamen Aufstieg. Die Versuche des mit Bismarck verb\u00fcndeten nationalliberalen Besitzb\u00fcrgertums, \u201ekleine Leute\u201c als politisches Fu\u00dfvolk an sich zu binden, mussten nun endg\u00fcltig als gescheitert gelten: Die in den 1860er Jahren gegr\u00fcndeten Bildungs- und Konsumvereine, die \u201egelben\u201c, also unternehmerfreundlichen Gewerkschaften, die nach dem Krieg 1870\/71 herangez\u00fcchteten nationalistischen Kriegervereine hielten die wachsende Proletariermasse nicht mehr von der Partei und den Gewerkschaften der Sozialdemokratie fern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/webrtwahlen.jpg\" alt=\"\" width=\"481\" height=\"346\" \/><\/p>\n<p>Die Nationalliberalen verloren den Massenanhang, die Sozialdemokraten gewannen ihn. Wenn auch die Stimmen f\u00fcr die SAPD nur in einem beschr\u00e4nkten Umfang in Parlamentssitze m\u00fcndeten \u2013 viele gingen bei der herrschenden Mehrheitswahl \u201everloren\u201c, wenn Industriest\u00e4dte geschickt mit l\u00e4ndlichen Regionen \u201everschnitten\u201c waren \u2013 so war doch der Trend deutlich und offenbar unumkehrbar.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung bedrohte Bismarck ebenso wie die Liberalen. Die M\u00f6glichkeit einer Addition der anwachsenden unabh\u00e4ngigen Volksstimme mit den traditionellen Bismarckgegnern (Partikularisten, Katholiken, Linksliberale) bei gleichzeitigem Abschmelzen der Nationalliberalen nagte an der Mehrheit des Regierungslagers. F\u00fcr die mit Bismarck verb\u00fcndeten Nationalliberalen ging es um das politische \u00dcberleben an sich. Zwar konnten sie im Schonraum des preu\u00dfischen 3-Klassen-Wahlrechts ihre Vorherrschaft in den St\u00e4dten und Landesparlamenten noch bewahren. Aber gegnerische Wahlb\u00fcndnisse auf Wahlkreisebene k\u00f6nnten bei Reichstagswahlen schnell die gesamte Fraktion liquidieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/webwahlrecht.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"224\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun zu Harburg. Die Stadt war eine der Keimzellen der deutschen Arbeiterbewegung, mit dem Tischler Theodor York stellte sie einen ihrer damals bekanntesten und wirkungsm\u00e4chtigsten Funktion\u00e4re. Die SAPD konnte im 17. Reichstagswahlkreis (Harburg Stadt und Land) ihren Stimmanteil auf lange Sicht ausweiten. Zwar waren R\u00fcckschl\u00e4ge dabei nicht zu vermeiden gewesen, die 1871er Wahl fand im Taumel des Sieges \u00fcber Frankreich statt, und bei der 1874er Wahl wurden die Sozialisten durch Wahlf\u00e4lschung vermutlich um rund 1000 Stimmen betrogen.[2]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/webyork.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"669\" \/><\/p>\n<p><em>(2) Theodor York 1830 &#8211; 1875: ADAV-Gr\u00fcnder 1863, SDAP-Gr\u00fcnder 1869, SAPD-Gr\u00fcnder 1875, Theoretiker und Praktiker der ersten deutschen Gewerkschaften<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der dennoch realisierte Vormarsch der Sozialisten hatte bis 1877 den Vorsprung des b\u00fcrgerlichen Kandidaten, des nationalliberalen Harburger Oberb\u00fcrgermeisters August Grumbrecht, deutlich geschm\u00e4lert, wenn auch noch nicht bedroht. Dieser war ein erfahrener liberaler Parlamentarier und strategischer Interessenvertreter des Besitzb\u00fcrgertums. Er war Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung 1848\/49, der Hannoverschen St\u00e4ndeversammlung 1850 \u2013 1852 und 1864 &#8211; 1879, des Hannoverschen Provinziallandtags 1867 \u2013 1882, des Preu\u00dfischen Landtags 1867 \u2013 1882 und des Norddeutschen\/ Deutschen Reichstags 1967 \u2013 1878.[3]<\/p>\n<p>Grumbrecht sah sich nach der Reichstagswahl 1877 veranlasst, selbstbewusst und selbstzufrieden festzustellen: \u201eDie Tage der Welfenpartei sind jedenfalls gez\u00e4hlt. Wir w\u00fcnschten sehr, das wir dasselbe auch von der social-demokratischen behaupten k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p>Im Laufe des Jahres 1878 aber wendete sich das Blatt. Bismarck, seit l\u00e4ngerem entschlossen, die Sozialdemokratie durch sch\u00e4rfste Repression schlichtweg auszul\u00f6schen, nutzte die beiden Attentate auf den deutschen Kaiser und preu\u00dfischen K\u00f6nig Friedrich Wilhelm I (durch H\u00f6del im Mai und Nobiling im Juni). Er lie\u00df kurzerhand den 1877 gew\u00e4hlten Reichstag aufl\u00f6sen und sorgte f\u00fcr die programmatische Durchsetzung eines \u201eSozialistengesetzes\u201c im vermuteten k\u00fcnftigen Regierungslager. Dem sprangen wieder die Nationalliberalen bei, zumal sie eine Schw\u00e4chung ihrer Position infolge der Neuwahlen bef\u00fcrchteten; sie neigten nun auch zu einem Verbotsgesetz. Eindeutig dagegen erkl\u00e4rten sich die Kandidaten der oppositionellen hannoverschen Welfenpartei, die aufgrund ihrer Preu\u00dfenfeindschaft und ihrer Anh\u00e4nglichkeit an das (1866 durch Eroberungskrieg von Preu\u00dfen entmachtete) hannoversche K\u00f6nigshaus gerade in den l\u00e4ndlichen Regionen des Harburger Wahlkreises viele Anh\u00e4nger hatte. Tats\u00e4chlich lag der Welfenkandidat Graf Grote[4] im ersten Wahlgang am 30. Juli 1878 so dicht hinter Grumbrecht, dass dieser die absolute Mehrheit und damit das Mandat verfehlte. Als nun die SAPD ihre Anh\u00e4nger dazu aufrief, in der Stichwahl am 17.8.1878 den Sozialistengesetz-Gegner der Welfenpartei zu w\u00e4hlen, wurde es f\u00fcr Grumbrecht richtig eng.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/webgrote.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"573\" \/><\/p>\n<p><em>(3) Adolf von Grote 1830 &#8211; 1898<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Der Wahltag<\/h3>\n<p>Unter dem verharmlosenden Titel \u201eDie Ruhest\u00f6rungen in Harburg\u201c berichtete die preu\u00dfische Provinzial Correspondenz, ein Sprachrohr Bismarcks, vom Wahltag:<\/p>\n<p>\u201eDie am 17. d. Mts. in Harburg vollzogene Stichwahl zwischen dem Kandidaten der nationalliberalen Partei Ober-B\u00fcrgermeister Grumbrecht und dem Kandidaten der partikularistischen Partei Grafen Grote hat bedauerliche Ausschreitungen im Gefolge gehabt. Wie der \u00bbReichs- und Staats-Anzeiger\u00ab meldet, sammelte sich am Abend des Wahltages, nachdem bekannt geworden war, da\u00df der Kandidat der partikularistischen Partei, mit welcher sich hierbei die sozialdemokratischen Elemente vereinigt hatten, eine erhebliche Majorit\u00e4t erzielt habe, eine Volksmenge vor dem Lokal, in welchem das Blatt der partikularistischen Partei verlegt wird,[5] unter Hochrufen auf den Prinzen Ernst August, sowie auf den erw\u00e4hlten Abgeordneten und das Blatt der Partei.<\/p>\n<p>Die anwachsende Menschenmenge zog dann nach dem Sande \u2013 einem freien Platze im Mittelpunkte der Stadt \u2013 wo vor der Wohnung des Gegenkandidaten [Grumbrecht, Sand 2], sowie vor dem auf demselben Platze belegenen Hause des Herausgebers der nationalliberalen \u00bbHarburger Anzeigen und Nachrichten\u00ab [L\u00fchmann, Sand 25] tumultuarische Auftritte stattfanden. Die Fenster des letztgenannten Hauses wurden durch Steinw\u00fcrfe zertr\u00fcmmert und gegen die Polizeibeamten, welche Ruhe zu stiften suchten, Steine geschleudert. Die Versuche einer g\u00fctlichen Einwirkung auf die Menge von Seiten des Chefs der Polizeibeh\u00f6rde blieben ohne Erfolg.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/websand.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"340\" \/><\/p>\n<p><em>(4) Der Sand um 1902. Das Rathaus mit der Wohnung des Oberb\u00fcrgermeisters im 1. Stock stand links unten au\u00dferhalb des Bildes etwa auf der H\u00f6he des Betrachters. Die Redaktion der Hamburger Anzeigen und Nachrichten befand sich schr\u00e4g gegen\u00fcber, links oben halb verdeckt durch den ersten Baum rechts<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser requirirte daher das von der zum Man\u00f6ver ausger\u00fcckten Garnison zur\u00fcckgelassene nur 10 Mann starke Milit\u00e4rkommando und lie\u00df die Feuerwehr alarmiren, welche gegen 11 Uhr Abends versammelt war und am oberen Theile des Sandes neben den Polizei- und Milit\u00e4rmannschaften Aufstellung nahm. Der Versuch, die Volksmenge durch die Wasserstrahlen einer Feuerspritze auseinander zu treiben, blieb ohne Wirkung. Nachdem die tumultuirende Menge wiederholt vergeblich zum Auseinandergehen aufgefordert worden war, r\u00fcckten Feuerwehr, Polizeimannschaft und Milit\u00e4r mit blanker Waffe und gef\u00e4lltem Gewehr gegen die Menge vor, welche zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde, bis aus einer vom Platze sich abzweigenden Querstra\u00dfe, an deren Eingange neben einem Neubau ein gro\u00dfer Haufe von Mauersteinen lag, Milit\u00e4r und Feuerwehr mit Steinw\u00fcrfen empfangen wurden. Auf diese Weise angegriffen, gab das Milit\u00e4r zun\u00e4chst hoch, dann scharf Feuer. Es gelang darauf, den Platz vollst\u00e4ndig zu s\u00e4ubern und die in angrenzenden Stra\u00dfen gemachten Versuche zu neuen Ansammlungen zu verhindern. Noch vor Tagesanbruch war die Ruhe wieder hergestellt und ist seitdem nicht wieder gest\u00f6rt worden.<\/p>\n<p>Um 8 Uhr fr\u00fch r\u00fcckte das in Harburg garnisonirende Bataillon, welches zur Herbst\u00fcbung nach der Umgegend von Buxtehude ausmarschirt und dort in der Nacht alarmirt worden war, in die Stadt ein. Einige Mitglieder der Feuerwehr, einige Polizeibeamte und ein Gensdarm sind durch Steinw\u00fcrfe kontusionirt. Von den Tumultuanten ist ein Arbeiter get\u00f6dtet, zwei andere sind in Folge der erhaltenen Verletzungen am folgenden Tage gestorben, w\u00e4hrend 19 mehr oder weniger schwer Verwundete sich in \u00e4rztlicher Behandlung befinden. Es haben zahlreiche Verhaftungen stattgefunden und die strafgerichtliche Untersuchung ist im Gange.\u201c<sup>[6]<\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Interessenkonflikte im Regierungslager<\/h3>\n<p>Die Harburger Nationalliberalen hatten sich mit dieser brutalen Reaktion auf eine mehr oder weniger harmlose Volksdemonstration selbst ein politisches Armutszeugnis ausgestellt. Ihre M\u00f6glichkeiten, das Ereignis im Nachhinein noch weiter zu dramatisieren und zu skandalisieren, waren angesichts der Faktenlage und der tragischen Menschenopfer sehr gering. Daher strebten sie danach, das Ganze m\u00f6glichst schnell dem Vergessen zu \u00fcberantworten.<\/p>\n<p>Bismarck sah dies anders. Der \u201eHarburger Aufruhr\u201c, wozu der Vorgang in seiner Darstellung wurde, gab ihm die Gelegenheit, die staatspolitische Gef\u00e4hrlichkeit der hannoverschen Partikularisten (hinter denen England stehe) und der umst\u00fcrzlerischen Sozialisten auf einen Schlag und am gleichen Beispiel zu belegen. Daher auch die reichsweite Erw\u00e4hnung dieser lokalen Vorg\u00e4nge in einer seiner Hauspostillen. M\u00f6glicherweise hatte das Thema f\u00fcr ihn auch eine milit\u00e4rische Dimension, da er es zur Desavouierung der zahlreichen in der s\u00e4chsischen Landesarmee dienenden ehemals hannoverschen Offiziere nutzen konnte.[7]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Das politische Ergebnis<\/h3>\n<p>Der Welfe Graf Grote gewann die Wahl mit 51,5 %. Er behielt seinen Sitz nur f\u00fcr eine Legislaturperiode, als (lutherischer) Hospitant in der Fraktion des katholischen Zentrums \u2013 ob zum Nutzen der Sozialdemokratie, sei dahingestellt. Grumbrecht verlor seinen Sitz im Reichstag, und zwar endg\u00fcltig \u2013 er starb 1883. Bismarck konnte im neugew\u00e4hlten Reichstag schon im Oktober 1878 das Sozialistengesetz mit 221 gegen 149 Stimmen durchbringen.[8]<\/p>\n<p>Die Harburger SAPD wurde in der Folge als Parteiorganisation zerschlagen bzw. gezwungen, sich illegal neu zu formieren. Ihr Leiter blieb zun\u00e4chst der um 1850 geborene Maschinenbauer, sp\u00e4ter Zigarrenarbeiter und Gastwirt David Steffens (Lange Stra\u00dfe Nr. 9), der in dieser Funktion seit Theodor Yorks Tod 1875 amtierte. 1880 war Steffens unter den Delegierten des konspirativen SAPD-Parteitags im schweizerischen Wyden. Unter steter Polizei\u00fcberwachung stehend,[9] sah er sich bald zur Auswanderung gezwungen. Anfang Februar 1881 bestieg er mit Ehefrau Caroline und den beiden Kindern August und Anna die \u201eFrisia\u201c in Richtung New York.[10] Das weitere Schicksal der Familie ist unbekannt.<\/p>\n<p>Die Leitung der \u00f6rtlichen Partei \u00fcbernahm \u2013 vermutlich unmittelbar nach der Abreise Steffens &#8211; der Schuhmacher Heinrich Baerer. Er wurde auch Delegierter auf dem n\u00e4chsten konspirativen Parteitag 1883 in Kopenhagen. Als bekannte Harburger Pers\u00f6nlichkeit wurde er bereits Anfang Januar 1885 aus der Stadt verbannt und lebte bis zum Fall des Sozialistengesetzes mit seiner Familie in Hannover.[11] Der Nachfolger Grumbrechts im Amt des Harburger Oberb\u00fcrgermeisters, Wilhelm Schorcht, ein Anh\u00e4nger der Welfenpartei,[12] unterst\u00fctzte die Familie finanziell, bis der Vater eine wirtschaftliche Basis gefunden hatte.[13] Er soll Baerer bei der Abreise gesagt haben,: \u201eIch kann nichts daf\u00fcr. Wenn ich etwas zu sagen h\u00e4tte, w\u00e4ren Sie nicht ausgewiesen, da ich nur Gutes von Ihnen wei\u00df.\u201c Gemeinsam mit Baerer war auch der Harburger Korbmachergeselle Friedrich Wilhelm Schellenberg verbannt worden.[14] Schellenberg wurde am 19.9.1856 in Bitterfeld geboren. Er zog mit Ehefrau und Kind von Wilstorf nach Buchau bei Magdeburg.[15]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.harbuch.de\/files\/harbuch\/frische%20themen\/1878\/webbaerer.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"600\" \/><\/p>\n<p><em>(5) Heinrich Baerer 1842 &#8211; 1913: der Bebel Harburgs<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung der Harburger Sozialisten ging im Anschluss an diese Ausweisungen an den Harburger Klempner und Gastwirt Friedrich Louis August Renz (geboren 1855) \u00fcber, der die Ortsgruppe dann auf dem n\u00e4chsten Parteitag 1888 in St. Gallen vertrat.[16]<\/p>\n<p>In diesen Jahren war die Struktur der Partei grundlegend ver\u00e4ndert und auf die Besonderheiten des Sozialistengesetzes ausgerichtet worden. Da dies die Parteiarbeit generell unter Strafe stellte, die Kandidatur sozialistischer Pers\u00f6nlichkeiten aber nicht automatisch untersagte, gab sich die Partei die Form unabh\u00e4ngiger, miteinander nicht verbundener Wahlkomitees. Eine Spitzelmeldung aus Harburg an die Politische Polizei in Hamburg berichtete 1885, an der Spitze des Harburger Komitees stehe nun der Former Friedrich Seitz, die Kassierung versehe der Korbmacher Johannes Hinze. Weitere Mitglieder des F\u00fchrungskreises seien der Schneider Heinrich Dubber, der Arbeiter Johann Zobel, der Korbmacher Daustein sowie ein nicht n\u00e4her benannter Peters. Die Anleitung erfolge von Hamburg aus durch den \u201eBezirksf\u00fchrer\u201c im Wahlkreis Hamburg Petersen.[17]<\/p>\n<p>Diese Angaben des Spitzels sind nicht n\u00e4her belegbar, aber zumindest nicht unglaubw\u00fcrdig. Eine Anleitung der Harburger Wahlagitationen von Hamburg aus, also aus einem anderen Wahlkreis, erscheint insofern plausibel, weil Harburg die einzige sozialistische Hochburg im l\u00e4ndlichen 17. hannoverschen Wahlkreis war und nur Hamburg eine noch gr\u00f6\u00dfere politische Autorit\u00e4t hatte. Von den genannten Personen sind mindestens Dubber und Hinze nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes im Jahr 1890 als f\u00fchrende Parteimitglieder in Erscheinung getreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Ein Nachspiel<\/h3>\n<p>Grumbrecht und seine Parteifreunde erwiesen sich auch lange nach ihrer politischen Niederlage als sehr schlechte Verlierer. Sie legten unter Verweis auf mehrere angeblich vorgefallene Wahlmanipulationen von Amtstr\u00e4gern zu Gunsten Grotes einen Protest gegen das Wahlergebnis ein, der die Wahlpr\u00fcfungskommission des Reichstags bis 1880 besch\u00e4ftigte. Aus diesem Vorgang geht allerdings hervor, dass auch den Nationalliberalen selbst Manipulationen vorgeworfen wurden. So habe die gerichtliche Feststellung der Ereignisse am Wahlabend ergeben, dass die Unruhen keineswegs von den \u00f6rtlichen Vertretern der Welfenpartei, sondern von Fabrik- und Eisenbahnarbeitern ausgel\u00f6st worden waren, die unter Aufsicht ihrer Vorgesetzten f\u00fcr Grumbrecht stimmen sollten.[18] Der Wahltag war ein Sonnabend und selbstverst\u00e4ndlich nicht arbeitsfrei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Anmerkungen<\/h3>\n<p>[1] Gotthardt, Christian: Demokratie nach Gutsherrenart, in: Praxis Geschichte 5\/95, S. 17 &#8211; 22.<\/p>\n<p>[2] Gotthardt, Christian: Pyrrhussiege und gl\u00e4nzende Niederlagen. Die K\u00e4mpfe zwischen Liberalen und Sozialisten in den ersten Reichstagswahlen 1867 bis 1878 in Harburg, in: Ellermeyer\/ Richter\/ Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Harburg 1988, S. 206 &#8211; 218.<\/p>\n<p>[3] Vgl. <a href=\"http:\/\/zhsf.gesis.org\/ParlamentarierPortal\/biorabkr_db\/biorabkr_db.php?id=854\">http:\/\/zhsf.gesis.org\/ParlamentarierPortal\/biorabkr_db\/biorabkr_db.php?id=854<\/a>, 26.5.2016.<\/p>\n<p>[4] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adolf_von_Grote\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adolf_von_Grote<\/a>, 18.6.2016.<\/p>\n<p>[5] Der \u201eCourier an der Unterelbe\u201c des Buchdruckers Heinrich Wendt in der M\u00fchlenstra\u00dfe 27, heute Schlossm\u00fchlendamm.<\/p>\n<p>[6] Provinzial-Correspondenz v. 28. August 1878. Die Zahl der Toten erh\u00f6hte sich auf vier, als einer der verhafteten Arbeiter sich in der Zelle erh\u00e4ngte; Truels, Max: Geschriebene Harburgensien, Harburg 1986, S. 89.<\/p>\n<p>[7] Maatz, Helmut: Bismarck und Hannover, Hildesheim 1970.<\/p>\n<p>[8] <a href=\"http:\/\/www.reichstagsprotokolle.de\/Blatt3_k4_bsb00018398_00000.html\">http:\/\/www.reichstagsprotokolle.de\/Blatt3_k4_bsb00018398_00000.html<\/a>, 16.6.2016<\/p>\n<p>[9] Staatsarchiv Hamburg (StAH) S 200 David Steffens.<\/p>\n<p>[10] StAH 331-3 Nr. 5200.<\/p>\n<p>[11] Groschek, Iris: \u201eDem K\u00e4mpfer f\u00fcr des Volkes Rechte.\u201c Heinrich Baerer und die Harburger SPD, Harburg 2013.<\/p>\n<p>[12] Truels 1986, S. 89.<\/p>\n<p>[13] Groschek 2013.<\/p>\n<p>[14] Th\u00fcmmler, Heinzpeter: Sozialistengesetz \u00a7 28, Berlin 1979, S. 66.<\/p>\n<p>[15] Staatsarchiv Stade Rep. 74 Harsefeld Nr. 1789.<\/p>\n<p>[16] Henze, Willibald: Die Delegierten der Parteikongresse der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands unter dem Sozialistengesetz, in: Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaft 8\/1980, S. 365 ff.<\/p>\n<p>[17] StAH 331-3 Nr. 5149\/ 294.<\/p>\n<p>[18] <a href=\"http:\/\/www.reichstagsprotokolle.de\/Blatt3_k4_bsb00018408_00568.html\">http:\/\/www.reichstagsprotokolle.de\/Blatt3_k4_bsb00018408_00568.html<\/a>, 16.6.2016.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Bildnachweis<\/h3>\n<p><em>(1) Hof-Photograf Hermann G\u00fcnther, Berlin; Helms-Museum<\/em><\/p>\n<p><em>(2) Gedenkkarte, um 1875; Internationales Institut f\u00fcr Sozialgeschichte, Amsterdam<\/em><\/p>\n<p><em>(3) Photographie von Leopold Haase &amp; Comp., Berlin, um 1878; Privates Photoalbum Ludwig Freiherr von Aretin (1845-1882); Artikel Adolf Graf v. Grote,\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adolf_von_Grote\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adolf_von_Grote<\/a>, 16.6.2016<\/em><\/p>\n<p><em>(4) Zeitgen\u00f6ssische Ansichtskarte &#8222;Harburg Sand&#8220;, 1902; Helms- Museum<\/em><\/p>\n<p><em>(5) Gedenkkarte, um 1900; 100 Jahre SPD Harburg<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"back\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1) August Grumbrecht 1811 &#8211; 1883: Nationalliberaler Frontmann der industriellen Interessen des Harburger B\u00fcrgertums Verlust der politischen Macht \u2013 das ist die Kulisse, in\u00a0der die herrschenden Eliten in Deutschland die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/das-liberale-buergertum-laesst-schiessen-die-harburger-reichstags-stichwahl-am-17-august-1878-und-ihr-blutiges-ende\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas liberale B\u00fcrgertum l\u00e4sst schie\u00dfen. Die Harburger Reichstags-Stichwahl am 17. 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