{"id":32534,"date":"2015-05-25T18:14:55","date_gmt":"2015-05-25T17:14:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=32534"},"modified":"2015-05-25T23:08:21","modified_gmt":"2015-05-25T22:08:21","slug":"ist-der-is-ueberhaupt-noch-zu-stoppen-ein-mieses-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/ist-der-is-ueberhaupt-noch-zu-stoppen-ein-mieses-spiel\/","title":{"rendered":"\u201eIst der IS \u00fcberhaupt noch zu stoppen?\u201c  &#8211; Ein mieses Spiel &#8230;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_32535\" aria-describedby=\"caption-attachment-32535\" style=\"width: 304px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/syria_palmyra.gif\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-32535\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/syria_palmyra.gif\" alt=\"Konflikte an der &quot;Grenze&quot; zwischen dem sunnitischen Arabien und der \u00f6stlich davon gelegenen schiitischen Welt auf Tausende Kilometer eskaliert\" width=\"304\" height=\"171\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32535\" class=\"wp-caption-text\">Die Konflikte an der &#8222;Grenze&#8220; zwischen dem sunnitischen Arabien und der \u00f6stlich davon gelegenen schiitischen Welt sind auf Tausende Kilometer eskaliert.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wer geglaubt haben sollte, die dschihadistisch-salafistische Terrormiliz \u201eIslamischer Staat\u201c (IS) habe ihre gr\u00f6\u00dfte Zeit schon hinter sich, ist in der letzten Woche eines Besseren belehrt worden. <\/strong><\/p>\n<p><em>(von Dr. Werner Jurga, Duisburg)<\/em><\/p>\n<p>Am letzten Freitag, den 15. Mai 2015, hat der IS die irakische Gro\u00dfstadt Ramadi eingenommen. Ramadi hat mehrere Hunderttausend Einwohner und liegt am Euphrat auf der Stra\u00dfe, die Bagdad mit Syrien verbindet. Mit der Eroberung Ramadis durch den sog. \u201eIslamischen Staat\u201c hat die Bedrohung Bagdads durch den IS dramatisch zugenommen. Da am letzten Wochenende auch der letzte Grenz\u00fcbergang dem IS in die H\u00e4nde gefallen ist, existiert faktisch keine Grenze zwischen dem Irak und Syrien \u2013 f\u00fcr den IS ein gro\u00dfer strategischer Vorteil.<\/p>\n<p>Im Irak kontrolliert der IS mindestens ein Drittel, in Syrien mittlerweile mehr als die H\u00e4lfte des Staatsgebiets. Am Mittwoch hat der IS Palmyra erobert. Die Oasenstadt liegt im Zentrum Syriens &#8211; etwa 200 Kilometer entfernt vom Gro\u00dfraum Damaskus. Strategisch ebenso wichtig wie das irakische Ramadi kommt Palmyra dar\u00fcber hinaus als Unesco-Weltkulturerbe und eine der wichtigsten antiken St\u00e4tten im Nahen Osten eine gro\u00dfe symbolische Bedeutung zu. Deshalb wurde in den hiesigen Medien relativ ausf\u00fchrlich \u00fcber die Einnahme Palmyras durch den IS berichtet. Die IS-Propaganda liefert das n\u00f6tige Bildmaterial: K\u00e4mpfer in Montur und Pose des IS, wie sie vor den S\u00e4ulen der Kulturst\u00e4tte posieren. Wir ahnen, dass es den Ruinen an den Kragen geht.<\/p>\n<p>Der Bev\u00f6lkerung, die schutzlos zur\u00fcckgelassen werden musste, geht es keinen Deut besser als den Kultursch\u00e4tzen. Bilder zeigten Stra\u00dfen, die von Blut rot gef\u00e4rbt sind. Augenzeugenberichten zufolge soll der IS unverz\u00fcglich Dutzende Menschen \u00f6ffentlich hingerichtet haben. In den hiesigen Medien wird relativ \u2013 jedenfalls im Vergleich zu anderen Kriegsgebieten in der Region oder auf dieser Welt insgesamt &#8211; umfangreich \u00fcber den Vormarsch des IS sowohl in nordwestliche wie in s\u00fcd\u00f6stliche Richtung berichtet. Die USA gelten nicht nur als die eigentlichen Verursacher, sondern inzwischen auch als notorische Versager in diesen Konflikten im Irak und in Syrien, die vermutlich irgendwie zusammenh\u00e4ngen \u2013 wegen des IS oder der Geographie oder so.<\/p>\n<p>Der IS scheint gleichsam \u201eunaufhaltsam&#8220; zu expandieren \u2013 wom\u00f6glich nicht nur in diesem, wenn auch nicht mehr nationalstaatlich, so doch wenigstens einigerma\u00dfen lokal abgrenzbaren Machtvakuum. Schlie\u00dflich wenden sich in diversen Gegenden Afrikas und Asiens dschihadistische Warlords von der einst als \u201eTerrornetzwerk\u201c gef\u00fcrchteten Al Qaida ab, um dem Kalifen Ibrahim ihre ewige Treue zu schw\u00f6ren. U.a. auch in Libyen, wo die Krieger von Abu Bakr al-Baghdadi \u2013 so hie\u00df der Kalif, bevor er sich zu einem solchen ernannt hatte \u2013 die K\u00fcste inklusive der Schlepperindustrie kontrollieren sollen. Wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass von dort <strong>auch<\/strong> heilige Krieger ins gottlose Europa geschmuggelt werden.<\/p>\n<p>Somit stehen wir \u2013 m\u00f6glicherweise gottlosen, aber ganz bestimmt doch v\u00f6llig unbeteiligten \u2013 Europ\u00e4er vor zwei bangen Fragen. Erstens: ist dieser \u201eIslamische Staat\u201c \u00fcberhaupt noch zu stoppen? Und zweitens: kann der IS auch auf Europa \u00fcberschwappen? Fangen wir mit Frage Zwei an, denn sie ist deutlich unkomplizierter. Ihre Antwort lautet: es ist nicht mehr die Frage, ob der IS in Europa Fu\u00df fassen kann. Ihm ist es l\u00e4ngst gelungen. Man denke an die diversen Terroranschl\u00e4ge und Anschlagsversuche, die auf das Konto des IS gehen. Noch wichtiger \u2013 ja okay: nicht unbedingt f\u00fcr uns, aber objektiv, gemessen etwa in der Zahl der Toten und Get\u00f6teten, schon. Europa ist ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Rekrutierungsgebiet f\u00fcr Dschihadisten aller Art.<\/p>\n<p>Hunderte Deutsche, Tausende Europ\u00e4er k\u00e4mpfen heute im \u201eIslamischen Staat\u201c, also in einem Gebiet, das wir noch den zerfallenden Staaten Syrien und Irak zurechnen, f\u00fcr die Sache des Kalifen. Insofern ist der IS ist in gewissem Sinne schon &#8222;auf Europa \u00fcbergeschwappt&#8220;; bekanntlich gilt die Angst der Innenminister \u2013 und nicht nur ihre \u2013 einem etwaigen \u201eZur\u00fcckschwappen\u201c, also den R\u00fcckkehrern mit Kriegserfahrung, von denen einige als desillusioniert, andere aber als v\u00f6llig verroht und zu allen entschlossen betrachtet werden. Dummerweise wei\u00df man nie so ganz genau, wer zu welcher Gruppe zu z\u00e4hlen ist. Es ist v\u00f6llig klar: Europa ist vom IS-Terror in vielf\u00e4ltiger Weise betroffen. Wir leben nicht auf einem Handtuch.<\/p>\n<p>Deutlich komplizierter liegen \u2013 wie gesagt \u2013 die Dinge in Bezug auf Frage Nummer Eins. Deshalb die Antwort vorweg: der \u201eIslamische Staat\u201c ist nicht unaufhaltsam, er ist zu stoppen, und nicht einmal der gegenw\u00e4rtige (verbreitete?) Eindruck, der IS befinde sich umstandslos in der Offensive und habe die Initiative, bildet das Geschehen im Nahen und Mittleren Osten ad\u00e4quat ab. Vielmehr ergibt sich dieses Bild, wenn die B\u00fchne nur halb beleuchtet wird. Es wird n\u00e4mlich nicht in Rechnung gestellt, dass der Krieg zwischen dem IS und seinen Feinden in den Gro\u00dfkonflikt zwischen dem sunnitischen Arabien und der \u00f6stlich davon gelegenen schiitischen Halbmond eingebettet ist .<\/p>\n<p>Die Gesamtbetrachtung ergibt, dass der Konflikte an der &#8222;Grenze&#8220; zwischen dem sunnitischen Arabien und der \u00f6stlich davon gelegenen schiitischen Welt auf Tausende Kilometer eskaliert &#8211; die schiitische Sichel vom Mittelmeer zum Golf. Westlich angrenzend die sunnitische Gegensichel. Die gro\u00dfe Mehrheit der Muslime ist der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam zuzurechnen. Im Iran, Irak und in Bahrain stellen die schiitischen Muslime sogar die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Diese Zone mit einem hohen Anteil schiitischer Muslime hat in etwa die Form einer Mondsichel und erstreckt sich vom persischen Golf \u00fcber den Iran bis in den Libanon, wo die Schiiten in etwa ein Drittel der Bev\u00f6lkerung stellen.<\/p>\n<p>Gewiss zeigt die gegenw\u00e4rtige Expansion des IS den zentralen, definierenden Hauptkonflikt des Nahen und Mittleren Ostens, in den auch alle anderen Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten sowohl \u201eRichtung\u201c Mittelmeer als auch \u201eRichtung\u201c Golf einm\u00fcnden. Vom Libanon bis zum Jemen also auch im \u201eZentrum\u201c &#8211; immer haben auch die Vorm\u00e4chte Saudi-Arabien (Sunniten) und Iran (Schiiten) ihre Finger mit im Spiel. Und selbstverst\u00e4ndlich auch die Amerikaner und die Russen. Die \u201ekleine Besonderheit\u201c in Sachen \u201eAnti-IS-Koalition\u201c: sie wird gef\u00fchrt von den USA und den Saudis, den Hauptgegnern der schiitischen Kr\u00e4fte. Sie sollen hier die aggressivste sunnitische Miliz bombardieren.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend, dass sie dies sowohl im Vorfeld der Eroberung von Ramadi als auch der von Palmyra \u201evergessen\u201c haben. Dabei w\u00e4re es f\u00fcr die Luftwaffe ein Leichtes gewesen, dem IS einen Strich durch die Rechnung(en) zu machen. V\u00f6llig ungest\u00f6rt konnten die IS-Kolonnen aus Jeeps und Pickups in beiden F\u00e4llen \u00fcber die Hauptverkehrsstra\u00dfen auf die ins Auge gefassten St\u00e4dte zufahren. Es stimmt: dort, wo die \u201eAnti-IS-Koalition\u201c in den letzten Monaten bombardiert hatte, musste der IS seine Taktik \u00e4ndern und seine K\u00e4mpfer in kleineren Einheiten zu den Schlachtfeldern bringen. Davon konnte in den F\u00e4llen Ramadi und Palmyra jedoch keine Rede sein. Hier handelte es sich gleichsam um Eroberungen mit Ansage.<\/p>\n<p>Insgesamt (!) sind aber die schiitischen Kr\u00e4fte nach wie vor in der Offensive. So schrecklich und gr\u00e4sslich die Gel\u00e4ndegewinne des IS auch sind, &#8222;unaufhaltsam&#8220; sind sie nicht. So schickt jetzt, also eine Woche nach der Einnahme durch den IS, beispielsweise der Iran, da sich die USA so desinteressiert zeigten, schiitische Milizen nach Ramadi. Die Rede ist von Tausenden K\u00e4mpfern, die den Auftrag haben, Ramadi \u201ezur\u00fcck zu erobern\u201c. Der Weg zur Front geht durch von Sunniten bewohnte Gebiete; die Schiitenmilizen sollen dort \u00e4hnlich barbarisch mit der Bev\u00f6lkerung umgehen wie der sunnitische IS. Wir werden sehen, wie die Schlacht um Ramadi ablaufen wird. Sicher ist: es wird ein abscheuliches Blutbad.<\/p>\n<p>Im einzelnen ist das alles schwer einzusch\u00e4tzen. Insgesamt l\u00e4sst sich aber feststellen, dass im Gerangel der Anti-IS-Kr\u00e4fte (also USA vs. Iran plus der Westen vs. Russland) beide Seiten &#8211; zynisch gesprochen &#8211; nervenstark sind und eine Einigung nicht \u00fcbers Knie brechen. Das bedeutet: der IS, also die von den Golf-Gelds\u00e4cken ausgestatteten Dschihadisten-M\u00f6rderbanden unter F\u00fchrung der Reste des Saddam-Regimes, k\u00f6nnen weiter ihr Unwesen treiben. Dennoch: die Sunniten sind in der Defensive, in jeder Hinsicht &#8222;kaputt&#8220;, w\u00e4hrend die schiitische Seite mit dem Iran an der Spitze alle Tr\u00fcmpfe in der Hand h\u00e4lt. Deshalb meinen die diversen Anti-IS-Kr\u00e4fte sich &#8211; zynisch gesprochen \u2013 &#8222;Spielereien&#8220; leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es sind \u2013 ernsthaft gesprochen \u2013 sehr harte Machtk\u00e4mpfe. Sie finden auf verschiedenen Ebenen der in diesen Krieg greifenden Konfliktlinien statt. Dem IS Erfolge zu \u201eg\u00f6nnen\u201c, ist dabei eine \u201eKarte\u201c in diesem komplizierten \u201eSpiel\u201c. Die Alternative w\u00e4re, den Iran ungest\u00f6rt expandieren zu lassen. Das werden die Amerikaner nicht wollen und die mit ihnen \u2013 und den Europ\u00e4ern &#8211; verb\u00fcndeten Saudis niemals zulassen. Gleichzeitig wird der \u00d6ffentlichkeit in den USA und hier das Bedrohungsbild vom barbarischen IS vor Augen gehalten. Und tats\u00e4chlich: nichts spricht daf\u00fcr, dass der IS auch nur eine Idee weniger grausam sein k\u00f6nnte, als von ihm selbst und den westlichen Medien dargestellt. Es ist ein verdammt mieses Spiel. Vor allem f\u00fcr diejenigen Menschen, die der IS kriegt oder die vor ihm wegrennen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Werner Jurga, Duisburg, 25. Mai 2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer geglaubt haben sollte, die dschihadistisch-salafistische Terrormiliz \u201eIslamischer Staat\u201c (IS) habe ihre gr\u00f6\u00dfte Zeit schon hinter sich, ist in der letzten Woche eines Besseren belehrt worden. 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