{"id":30473,"date":"2014-11-14T21:50:43","date_gmt":"2014-11-14T20:50:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=30473"},"modified":"2014-11-15T09:03:58","modified_gmt":"2014-11-15T08:03:58","slug":"man-muss-auch-mal-plaudern-duerfen-wider-den-gehorsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/man-muss-auch-mal-plaudern-duerfen-wider-den-gehorsam\/","title":{"rendered":"Man muss auch mal plaudern d\u00fcrfen &#8230; wider den Gehorsam"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_30474\" aria-describedby=\"caption-attachment-30474\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-30474\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GruenGehorsam.jpg\" alt=\"Im Oktober gekauft, drei Mal gelesen (foto: zoom)\" width=\"247\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GruenGehorsam.jpg 320w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GruenGehorsam-222x300.jpg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 247px) 85vw, 247px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30474\" class=\"wp-caption-text\">Im Oktober gekauft, drei Mal gelesen (foto: zoom)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vor mir liegt der schmale Essayband &#8222;Wider den Gehorsam&#8220;, des Psychoanalytikers Arno Gruen. Ich bin zwar kein ausgesprochener Freund von Psychoanalytikern, obwohl ich doch zu seiner Zeit Freud, Fromm, Mitscherlich und sogar den Superspinner Wilhem Reich gelesen habe, aber Arno Gruens B\u00fcchlein gef\u00e4llt mir ausgesprochen gut.<\/strong><\/p>\n<p>Im Klappentext hei\u00dft es: &#8222;Scharfsinnig entlarvt der bedeutende Psychoanalytiker Arno Gruen die Pathologie der freiwilligen Knechtschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Ich liebe diese Dialektik und lese weiter, dass wir selbst &#8222;uns nicht f\u00fcr gehorsam[halten]. Wir erkennen nicht, dass wir unsere Unterdr\u00fccker idealisieren und ihnen dadurch Macht \u00fcber uns verleihen. &#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es sei &#8222;h\u00f6chste Zeit, gegen die Kultur des verschwiegenen Gehorsams zu revoltieren: nur so k\u00f6nnen wir die Demokratie st\u00e4rken und besser miteinander leben.&#8220;<\/p>\n<p>Der Klappentext kann viel behaupten, aber mich hat die erste Seite augenblicklich gefesselt:<\/p>\n<p>&#8222;Wir, die wir uns f\u00fcr so individualistisch halten, verwechseln die Konstruktion einer <em>persona<\/em> mit der eigenst\u00e4ndigen Entwicklung eines Selbst.&#8220;<\/p>\n<p>Folgen Nietzsches &#8222;jasagende[n], sich selbstverleugnende[n] Menschen und daraufhin\u00a0 die alte Wahrheit, die viele von uns kennen, aber die meisten von uns oft vergessen:<\/p>\n<p>&#8222;Die Angst ungehorsam zu sein, f\u00fchrt dazu, sich dem Unterdr\u00fccker unterzuordnen. Indem man sich mit dem Unterdr\u00fccker verbindet, kehrt man seine Gewalt in Verachtung und Liebe um. Rechtsradikale F\u00fchrer gelangen deswegen besonders h\u00e4ufig in Zeiten gesellschaftlicher Umbr\u00fcche an die Macht. Diese F\u00fchrer erwarten Gehorsam und wollen ihn als Gr\u00f6\u00dfe und Zeichen ihrer Macht wiederherstellen oder st\u00e4rken. Dass dies gelingt, zeigt uns: Das Bed\u00fcrfnis nach Gehorsam ist ein grundlegender Aspekt unserer Kultur.&#8220;<\/p>\n<p>Allein das letzte Zitat hat bei mir so viele Assoziationen von der Kindheit bis zur politischen Vergangenheit und Gegenwart ausgel\u00f6st, dass ich das Buch f\u00fcr eine zeitlang beiseite h\u00e4tte legen legen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Warum schl\u00e4gt der Vater, der die Schl\u00e4ge seines Vaters zutiefst verabscheute, sein eigenes Kind?<\/p>\n<p>Warum kann mit auch heute positiv besetzten Sekund\u00e4rtugenden ein Massenmord organisiert werden?<\/p>\n<p>Aus welchem Grund treten gefolterte Gei\u00dfeln &#8222;freiwillig&#8220; zum Glauben ihrer Peiniger \u00fcber?<\/p>\n<p>Warum &#8222;verlieben&#8220; sich Opfer in ihre Folterer?<\/p>\n<p>Gr\u00fcn spannt den Bogen von der individuellen Entwicklung des autorit\u00e4r, mit Gewalt erzogenen Kindes, welches sich die Gewalt einverleibt und selbst zum Gewaltt\u00e4ter wird zu Gewalt und Gehorsam in der heutigen Gesellschaft:<\/p>\n<p>Der autorit\u00e4tsh\u00f6rige Gehorsam, der sich selbst durch Unmenschlichkeit auszeichne, bestehe auf unser Mitgef\u00fchl, die aktuelle Sparpolitik diene dem Gehorsam gegen\u00fcber den\u00a0 Herrschenden. Die Sparsamkeit werde entgegen der \u00f6konomischen Vernunft zu einem moralischen Wert erhoben (S. 87).<\/p>\n<p>Meine Lieblingsstelle ist zur Zeit der von Arno Gruen zitierte Historiker Christopher R. Browning, der den krankhaften Hass des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 untersuchte (S. 54), &#8222;das an der Durchsetzung der &#8222;Endl\u00f6sung&#8220; in Polen w\u00e4hrend der Nazi-Besetzung beteiligt war (ebda).<\/p>\n<p>Gruen auf Seite 55:<br \/>\n&#8222;Normale Menschen&#8220;, so Browning, &#8222;geraten in einen Zustand der Fremdbestimmung, in dem sie nur noch Vollstrecker eines fremden Willens sind. Dabei f\u00fchlen sie sich nicht mehr f\u00fcr den Inhalt ihrer Handlungen pers\u00f6nlich verantwortlich, sondern nur noch f\u00fcr deren m\u00f6glichst gute Ausf\u00fchrung.&#8220;<\/p>\n<p>Ist es nicht immer noch so?<\/p>\n<p>Ich lese das Buch gerade zum zweiten und dritten Mal. Bestellt habe ich es bei:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Gesellschaft\/Wider_den_Gehorsam\/48974\" target=\"_blank\">http:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Gesellschaft\/Wider_den_Gehorsam\/48974<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor mir liegt der schmale Essayband &#8222;Wider den Gehorsam&#8220;, des Psychoanalytikers Arno Gruen. 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