{"id":28864,"date":"2014-06-09T19:45:32","date_gmt":"2014-06-09T18:45:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=28864"},"modified":"2014-06-10T10:01:51","modified_gmt":"2014-06-10T09:01:51","slug":"schwere-und-leichtigkeit-mit-meinem-tod-endet-mein-ich-wie-geht-ihr-mit-dem-gedanken-an-eure-eigene-sterblichkeit-um","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/schwere-und-leichtigkeit-mit-meinem-tod-endet-mein-ich-wie-geht-ihr-mit-dem-gedanken-an-eure-eigene-sterblichkeit-um\/","title":{"rendered":"Schwere und Leichtigkeit: Mit meinem Tod endet mein Ich. Wie geht ihr mit dem Gedanken an eure eigene Sterblichkeit um?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_28869\" aria-describedby=\"caption-attachment-28869\" style=\"width: 128px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28869\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/dunkelmunkelhimself.jpeg\" alt=\"Prof. Christian Spannagel aka Dunkelmunkel (fotos: dunkelmunkel)\" width=\"128\" height=\"128\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28869\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Christian Spannagel aka Dunkelmunkel (fotos: dunkelmunkel)<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Unser Gastautor <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Spannagel\" target=\"_blank\">Christian Spannagel <\/a>ist Professor f\u00fcr Mathematik an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Heidelberg. In seinem Blog &#8222;<a href=\"http:\/\/cspannagel.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">CSPANNAGEL, DUNKELMUNKEL &amp; FRIENDS<\/a>&#8220; erl\u00e4utert Professor Spannagel aka Dunkelmunkel <a href=\"http:\/\/cspannagel.wordpress.com\/2014\/06\/08\/schwere-und-leichtigkeit\/\" target=\"_blank\">sein Verh\u00e4ltnis zum Tod<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong>In den letzten Monaten haben mich verschiedene Dinge gedanklich besch\u00e4ftigt, ohne bislang zu \u201cmentalen Blogartikeln\u201d herangereift zu sein. Dazu z\u00e4hlen unter anderem die Themen\u00a0<em>Menschenbild, Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und\u00a0Reflexion<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p>Demn\u00e4chst werde ich ein paar Artikel dazu schreiben, und beginnen m\u00f6chte ich heute mit einem Thema, das wunderbar zur Atmosph\u00e4re des\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wave-gotik-treffen.de\/\" target=\"_blank\">Wave-Gotik-Treffens<\/a>\u00a0passt.<\/p>\n<p><strong>Das Thema lautet:\u00a0Tod.<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema Tod ist f\u00fcr mich eine ganz wesentliche Grundlage, weil die eigene Sterblichkeit letztlich alles bedingt. Denn: ich bin Atheist. Ich glaube an keinen Gott. Ich habe ein\u00a0stofflich gepr\u00e4gtes Weltbild, eine Seele gibt es nicht. Meine eigene Gehirnaktivit\u00e4t und damit auch\u00a0mein Denken und F\u00fchlen enden mit meinem Tod. Mich selbst gibt es nur bis zu diesem Zeitpunkt. Mit meinem Tod endet mein Ich.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Der Moment meines Todes wird mein ganz pers\u00f6nlicher Moment sein, in dem ich vollkommen auf mich selbst zur\u00fcckgeworfen sein werde. Die Welt und das ganze Drumherum wird in diesem Moment vermutlich vollkommen irrelevant f\u00fcr mich sein. Ich und nur ich werde in diesem Moment die Schwelle ins Nichts \u00fcberschreiten. Welch ein Moment!<\/p>\n<p>Kleiner anekdotischer Exkurs: Als ich Darmstadt als Tutor bei der\u00a0Klausuraufsicht unterst\u00fctzen\u00a0durfte, erz\u00e4hlte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die alleine Aufsicht in einem anderen Raum gemacht hat, eine kleine Begebenheit. Der Professor lief von Raum zu Raum, um nach dem Rechten zu sehe. Als er bei ihr in den Raum kam, stellte\u00a0er fest, dass au\u00dfer ihr niemand Klausuraufsicht machte. Sie bemerkte seine Irritiation und sagte: \u201cIch bin alleine.\u201d Er antwortete: \u201cSind wir das letzten Endes nicht alle?\u201d Damals hab ich kurz gelacht, einfach weil\u2019s witzig war. Es gibt aber kaum eine Aussage mit mehr Tiefe als diese. Letzten\u00a0Endes\u00a0bin ich allein auf der Welt. Und insbesondere gehen werde ich alleine.<\/p>\n<p>Mein Leben ist endlich. Anschlie\u00dfend kommt unendlich lange nix. Was ist \u2013 zeitlich gesehen \u2013 ein endliches Leben gegen die Unendlichkeit des Nicht-Seins? Oh man! Ein endliches Leben, dann unendliches Nichts. Unendlichkeit ist verdammt viel l\u00e4nger, und gesamtzeitlich gesehen ist mein eigenes Leben eigentlich nur ein Wimpernschlag oder ein Furz oder so (halt was sehr kurzes).\u00a0Wie kostbar ist also die eigene Lebenszeit!<\/p>\n<p>Wenn ich im Sterben liegen werde (und aus oben genannten Gr\u00fcnden dauert das hoffentlich noch recht lange), dann will ich mir nicht vorwerfen, mein Leben nicht gelebt zu haben. Das will ich mir am Ende nicht vorwerfen! Das bedeutet aber: Ich kann das Leben nicht herausschieben. Jede Minute Lebenszeit ist kostbar. Der Gedanke ans Sterbebett hat Konsequenzen auf: jetzt.<\/p>\n<p>Also: es ist mein Leben, jede Minute ist kostbar, und ich muss mich darum bem\u00fchen, mein Leben so zu gestalten, wie ich mein Leben leben m\u00f6chte. Das bedeutet also: nicht vor sich herd\u00fcmpeln in seinem Leben, nicht faul sein, sondern loslegen mit der bewussten Lebensgestaltung. Darin steckt eine gro\u00dfe Radikalit\u00e4t!<\/p>\n<p>Neben Radikalit\u00e4t steckt\u00a0au\u00dferdem das ungute Gef\u00fchl darin, dass man diesem Anspruch vielleicht nicht gewachsen ist. Schaffe ich das denn? Was, wenn ich zu viel Zeit f\u00fcr Sinnloses verschwende? Oh, und wenn ich \u00fcber so etwas nachdenke: wieder eine Minute weg! Die Zeit stoppt nie, gnadenlos l\u00e4uft sie weiter.\u00a0Tick \u2013 tack \u2013 tick \u2013 tack \u2013 \u2026<\/p>\n<p>Ich glaube, ich habe einen ganz guten Weg f\u00fcr mich gefunden, damit umzugehen. Eine Metapher f\u00fcr diesen Weg ist der\u00a0<em>Schalksnarr<\/em>. Warum? Er steht f\u00fcr eine wunderbare Kombination\u00a0aus Ehrlichkeit und Humor. Ehrlichkeit zu sich selbst ist wichtig,\u00a0damit man\u00a0seine eigenen W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse zun\u00e4chst einmal wahrnehmen\u00a0und dann auch ernst nehmen kann. Man muss sein Wesen kennen, wenn man sein Leben sich selbst gem\u00e4\u00df gestalten m\u00f6chte. Die Frage lautet letztlich: Wer bin ich? Was ist meine Wahrheit? Meine pers\u00f6nlichen Themen, die ich f\u00fcr mich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum herausgearbeitet habe, sind beispielsweise\u00a0Atheismus, Identit\u00e4t\u00a0und Polyamorie. Das war zum Teil sehr hart und schmerzhaft. Die Besch\u00e4ftigung mit bislang ignorierten pers\u00f6nlichen Wahrheiten ist nie angenehm \u2013 so lange hat man sie f\u00fcr sich totgeschwiegen! Man hat aber die Wahl: bequem sein und irgendwie leben (so wie man aufgewachsen ist und so, wie alle um einen herum leben, unreflektiert halt) oder Aufwand treiben und sein eigenes Wesen verwirklichen. Nur letzteres w\u00fcrde mich gl\u00fccklich machen. Nur bei letzterem Weg w\u00fcrde ich am Ende (siehe oben) sagen k\u00f6nnen: gut gemacht! Also: ehrlich zu sich selbst sein und sich mit seinen eigenen Wahrheiten befassen.<\/p>\n<p>Neben Ehrlichkeit ist Humor die zweite wichtige Komponente des Schalksnarren. Vieles im Leben kann man nicht beeinflussen, und die Tragik der eigenen Endlichkeit w\u00e4re unertr\u00e4glich, wenn es sie hier\u00a0nicht geben w\u00fcrde: Humor,\u00a0Spa\u00df, Witz. Die tragischen Dinge sehen, Wahrheiten ehrlich auf den Punkt bringen, aber bitte mit einer Prise Humor. Und damit ist nicht schwarzer Humor gemeint, auch nicht Zynismus. Es ist mehr die Aufforderung zur Leichtigkeit: Lasst uns Spielen! Lasst uns\u00a0Party machen! Lasst uns tanzen!<\/p>\n<p>Neulich hab ich ein Wort aus der Jugendsprache gelernt (uaaah, wenn ich das schon lese: \u201cJugendsprache\u201d): YOLO! Das bedeutet: \u201cYou only live once!\u201d Und sagen tut man es, wenn man irgendwas tut, was man normalerweise nicht tut. Und wenn ihr mal eine YOLO-Aktion macht und irgendjemand fragt euch, was f\u00fcr einen Sinn das hatte, dann antwortet: Es muss nicht alles Sinn machen, Hauptsache, es hat Spa\u00df gemacht.<\/p>\n<p>Der Schalksnarr schafft es, unbequeme Wahrheiten so zu verkaufen, dass sie mit Humor akzeptiert werden. Genau so sollte man sich selbst seine eigenen Wahrheiten vermitteln. Schwere durch Leichtigkeit leichter machen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28868\" aria-describedby=\"caption-attachment-28868\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-28868 size-full\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/dunkelmunkelhut.jpg\" alt=\"dunkelmunkelhut\" width=\"400\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/dunkelmunkelhut.jpg 400w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/dunkelmunkelhut-300x270.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 85vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28868\" class=\"wp-caption-text\">Der Schalksnarr schafft es, unbequeme Wahrheiten so zu verkaufen, dass sie mit Humor akzeptiert werden.<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201cGut gemacht! \u201d kann ich schon heute\u00a0zu mir sagen. Ich bin zufrieden, wie ich selbst mit mir und meinem Leben in den letzten Jahren umgegangen bin. Das f\u00fchlt sich gut an.\u00a0Wenn es so weiter geht und wenn sich diese Einsch\u00e4tzung nicht \u00e4ndert, dann werde ich am Ende vielleicht das gleiche Gef\u00fchl haben wie heute, und damit k\u00f6nnte ich gl\u00fccklich gehen. Und genau das will mich mir zum Ziel setzen: Jeden Tag dieses Gef\u00fchl zu haben, dass alles so wie es ist, genau richtig ist.<\/p>\n<p>Wie sind eure Gedanken dazu? Wie geht ihr mit dem Gedanken an eure eigene Sterblichkeit um?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Gastautor Christian Spannagel ist Professor f\u00fcr Mathematik an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Heidelberg. 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