{"id":28505,"date":"2014-05-16T21:26:01","date_gmt":"2014-05-16T20:26:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=28505"},"modified":"2014-05-17T15:08:00","modified_gmt":"2014-05-17T14:08:00","slug":"marion-bei-den-mexis-teil-32-guatemala-ein-land-eine-gesellschaft-und-eine-frau-maria-antonieta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/marion-bei-den-mexis-teil-32-guatemala-ein-land-eine-gesellschaft-und-eine-frau-maria-antonieta\/","title":{"rendered":"Marion bei den Mexis, Teil 32 &#8211; Guatemala &#8211; ein Land, eine Gesellschaft und eine Frau: Maria Antonieta"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Artikel ist der 32. Teil <a href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?author=23\" target=\"_blank\">einer pers\u00f6nlichen Serie<\/a> \u00fcber das Leben in Mexico und Mexico-City. Wir lesen allerdings heute die Geschichte einer gualtemaltekischen Frau, die eng verwoben ist mit der Erz\u00e4hlung \u00fcber die sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse in Guatemala, diesem wundersch\u00f6nen zentralamerikanischen Land. Viel Spa\u00df!<\/em><\/p>\n<p><strong>Hola a todos!<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_28550\" aria-describedby=\"caption-attachment-28550\" style=\"width: 299px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-28550 size-full\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1antonieta.jpg\" alt=\"Antonieta\" width=\"299\" height=\"551\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1antonieta.jpg 299w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1antonieta-162x300.jpg 162w\" sizes=\"auto, (max-width: 299px) 85vw, 299px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28550\" class=\"wp-caption-text\">Maria Antonieta h\u00e4lt mit diversen Arbeiten ihre Familie \u00fcber Wasser. Eine davon ist es eben, den paar Touristen, die nach Chil\u00e1sco kommen, zum Wasserfall zu f\u00fchren. Denn im Gegensatz zur Behauptung im Reisef\u00fchrer, w\u00fcrde man den Weg nie allein finden. Aber es lohnt sich: Weniger wegen des Wasserfalls (der zwar sch\u00f6n, aber bei weitem nicht so spektakul\u00e4r wie im Reisef\u00fchrer beschrieben, ist), sondern, weil Maria Antonieta sehr viel zu erz\u00e4hlen hat. Die meisten Guatemalteken tun das nicht und verhalten sich gegen\u00fcber Fremden eher distanziert. Und das aus verschiedenen Gr\u00fcnden.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Maria Antonieta ist eine kleine, drahtige Frau, die mit einem unheimlichen Tempo vorangeht. Ihr Alter l\u00e4sst sich schwer sch\u00e4tzen: Sie kann alles zwischen 39 und 49 sein. Kennengelernt habe ich sie im kleinen Dorf Chil\u00e1sco, rund 200 Kilometer nord\u00f6stlich der guatemaltekischen Hauptstadt.<\/strong><\/p>\n<p>In meinem Reisef\u00fchrer aus Deutschland stand n\u00e4mlich, man k\u00f6nne von hier aus eine wundersch\u00f6ne Nebelwald-Wanderung zu einem der l\u00e4ngsten Wasserf\u00e4lle Zentralamerikas machen. Man m\u00fcsse sich nur bei einem Posten einschreiben, umgerechnet 2,50 Euro zahlen und schon k\u00f6nne man auf eigene Faust loslaufen.<\/p>\n<p>Nun standen wir in der Dorfmitte, kein Hinweis nirgends auf einen Wasserfall und lie\u00dfen uns von den Bewohnern anschauen, die in ihren Hauseing\u00e4ngen sa\u00dfen. Wir fielen schon deswegen auf, weil es auf der staubigen Stra\u00dfe kein weiteres Auto gab. Wir fragten, wo denn der Weg zum Wasserfall sei. Und die vorherige Beh\u00e4bigkeit l\u00f6ste sich in Betriebsamkeit auf.<\/p>\n<p>Als Erstes kamen zwei Chicos auf ihren Fahrr\u00e4dern. Dann sagte uns ein Mann, Moment, gleich k\u00e4me noch eine Frau und wir entschieden uns, dass uns die Frau zeigen sollte, von wo aus wir starten k\u00f6nnen. Wir fuhren mit ihr wieder aus dem Ort heraus. An einem Feldweg standen noch ein paar H\u00e4user. Dort konnten wir auf einem Grundst\u00fcck das Auto abstellen und wir entschieden uns, die Frau doch als Begleiterin mitzunehmen. Denn wohin es gehen sollte, konnte man auch von hier aus nicht erkennen.<\/p>\n<p>Maria Antonieta preschte voran, in Gummischlappen, Rock und Bluse. Ihre langen Haare klemmte sie w\u00e4hrend des Gehens mit einer Klammer zusammen. Wir fragten nach dem Kassenh\u00e4uschen. Maria Antonieta sch\u00fcttelte den Kopf. Das g\u00e4be es nicht mehr. Der Plan, den Wasserfall touristisch zu nutzen sei furchtbar schiefgegangen.<\/p>\n<p>Die Dorfbewohner h\u00e4tten Angst vor den Ausl\u00e4ndern. Wieso das denn? Sie h\u00e4tten Angst, dass ihnen die Kinder geklaut w\u00fcrden. Was zun\u00e4chst absurd klingt, hat leider einen realen Hintergrund: Allein 2007 wurden in Guatemala 4300 Kinder zur Adoption freigegeben. \u201eHauptabnehmer\u201c sind die USA und Kanada. Aber auch nach Europa gelangen Kinder aus Guatemala &#8211; die meisten nicht legal. Um dem ein Riegel vorzuschieben, wurde im Dezember 2007 ein Gesetz erlassen, dass jede Adoption an eine staatliche Organisation bindet. Kritiker monieren, dass sich seitdem die Korruption lediglich von privaten Anw\u00e4lten zu staatlichen Funktion\u00e4ren verschoben habe. Offizielle Zahlen gibt es aber nicht. Aber der \u201eEinkaufspreis\u201c eines Kindes soll zwischen 30 und 250 US-Dollar liegen. Anw\u00e4lte und Funktion\u00e4re sollen bis zu 70 000 US-Dollar kassieren. Ein Riesengesch\u00e4ft.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28552\" aria-describedby=\"caption-attachment-28552\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-28552 size-full\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2_trachten.jpg\" alt=\"Guatemalteken in Trachten\" width=\"512\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2_trachten.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2_trachten-300x202.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28552\" class=\"wp-caption-text\">Guatemala hat einen 36j\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg hinter sich. Auch wenn 1996 ein Friedensvertrag unterschrieben worden ist, ist ein Misstrauen gegen\u00fcber den Institutionen geblieben. Was auch geblieben ist, ist, dass viele Frauen sich nach wie traditionell kleiden. Nicht nur an Feiertagen. Jedes Dorf hat eine eigene Tracht. Der historische Hintergrund: Die Spanier haben bei ihrem blutigen Eroberungszug die unterschiedlichen Trachten eingef\u00fchrt, damit sie die Bewohner unterscheiden k\u00f6nnen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sind denn Kinder aus dem Dorf verschwunden? Maria Antonieta schwieg und nickte leicht. Hat sie auch Angst? Maria Antonieta sch\u00fcttelte den Kopf. Nein, bereits ihre Eltern h\u00e4tten an ausl\u00e4ndische Besucher Zimmer vermietet. Aber die seien auch nicht aus Chil\u00e1sco gewesen. Hier gebe es viel Streit. Auch um L\u00e4ndereien und Besitzanspr\u00fcche. So habe einer einen Teil des Weges zum Wasserfall f\u00fcr sich beansprucht und mit einem Stacheldrahtzaun gesichert.<\/p>\n<p>Ja, und wie sollen wir dann zum Wasserfall? Einfach \u00fcber den Zaun klettern. Allein bei dem Gedanken wurde mir unwohl. Denn ich habe mir als Zw\u00f6lfj\u00e4hrige bei genau so einer Aktion die Hand aufgerissen. Davon zeugt eine lange Narbe \u00fcber meinen linken Mittelfinger.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28554\" aria-describedby=\"caption-attachment-28554\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-28554 size-full\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/3_fussball.jpg\" alt=\"Marktplatz\" width=\"512\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/3_fussball.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/3_fussball-300x173.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28554\" class=\"wp-caption-text\">Marktszene in Guatemalas zweitgr\u00f6\u00dfter Stadt Quetzaltenango. Guatemalteken sind fu\u00dfballbegeistert wie alle Lateinamerikaner. Auch wenn einer mal Paris \u00a0Saint Germain f\u00fcr einen deutschen Club hielt. Wahrscheinlich wegen einer Verwechslung von Germain und German. Auch die Frage einer Frau, ob man denn Englisch und Deutsch dieselbe Sprache sei, lie\u00df mich kurz verstummen. Aber dann habe ich mich mal wieder gefragt, was ich eigentlich \u00fcber Guatemala wusste, bevor ich dort hingefahren bin.<\/figcaption><\/figure>\n<p>So hing ich dann auch wie ein nasser Sack auf dem Zaun, w\u00e4hrend Maria Antonieta mir nichts, dir nichts dr\u00fcber war. Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit und zig Versuchen, die beste Haltung zum Dr\u00fcberkommen zu finden, war ich dann auch endlich auf der anderen Seite. Nach zweieinhalb Stunden kamen wir an. Endlich die erste Pause. Die Maria Antonieta wohl gar nicht brauchte, denn sie hatte weder Essen und Trinken dabei. Ich bot ihr eine Flasche Wasser an. Maria Antonieta nahm einen Schluck und erz\u00e4hlte: In der Osterwoche h\u00e4tte es ganz gut ausgesehen, Japaner seien dagewesen und einmal habe sie die Tour zweimal an einem Tag gemacht. Das hie\u00df, sie war zehn Stunden unterwegs. Viele Touristen k\u00e4men ja nicht mehr.<\/p>\n<p>Sonst sammelt sie die Dosen, die die Leute so wegschmei\u00dfen. Die Gemeinde zahle ihr je Kilo umgerechnet zwanzig Cent. Keine sinnlose Idee. Ich habe selten ein so zugem\u00fclltes Land wie Guatemala gesehen. Einmal sah ich, wie ein Mann s\u00e4ckeweise M\u00fcll in einen Fluss warf.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus versuche sie mit anderen Frauen und mithilfe von Mikrokrediten, die sie von der Gemeinde bek\u00e4men, Projekte anzuschieben, meist kleine Handwerksbetriebe. Ich fragte, was denn die M\u00e4nner machen w\u00fcrden. Sie habe einen guten Mann, wehrte sie sofort ab. Er w\u00fcrde auf dem Feld arbeiten. Vieler ihrer Freundinnen und Bekannten h\u00e4tten aber nicht dieses Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Ob sie denn Kinder habe? Sie nickte, l\u00e4chelte auf einmal zaghaft. Wie viele? Neun. Ich verstummte. Daraufhin zeigte sie mir die Anzahl auch noch einmal mit den Fingern. Ich erwiderte, dass ich sie schon verstanden habe. Und dachte: Verstehen tue ich es aber trotzdem nicht. Der J\u00fcngste sei jetzt drei, der \u00c4lteste 26.<\/p>\n<p>Dann sprudelte es aus ihr heraus: Es sei schrecklich. Nicht die Schwangerschaften, nicht die Geburten, sondern, dass sich alle immer streiten m\u00fcssten. Der eine g\u00f6nnt dem anderen die Tortilla nicht. Es \u00fcberstieg meine Vorstellungskraft: Wie soll man denn auch t\u00e4glich so viele satt kriegen? Dann die eine Tochter: Die Lehrer sagten, sie solle studieren und Maria Antonieta hat keine Idee, wie das gehen soll. Ich sage ihnen immer, sie m\u00fcssten Geld verdienen, alles andere geht nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28555\" aria-describedby=\"caption-attachment-28555\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-28555 size-full\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/4_teppich.jpg\" alt=\"4_teppich\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/4_teppich.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/4_teppich-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28555\" class=\"wp-caption-text\">Noch ein kleiner Nachtrag zu Ostern (weil es so sch\u00f6n bunt ist): In Guatemala werden traditionell sogenannte Teppiche aus bunten Holzsp\u00e4nen und weiteren Naturalien auf die Stra\u00dfen gelegt. Eine Sauarbeit, die dann innerhalb von Minuten bei den Prozessionen kaputt getrampelt wird. Wie lange die Katholiken in Guatemala noch die Oberhand haben, ist wom\u00f6glich nur noch eine Frage der Zeit. Mittlerweile soll rund die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung evangelikalen Bewegungen angeh\u00f6ren. W\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges haben US-amerikanische Missionare die Chance genutzt und sind mit Hilfspaketen und der Bibel in die zerst\u00f6rten D\u00f6rfer einger\u00fcckt. Viele haben sich da vom katholischen Glauben abgewendet. Besondere Ironie der Geschichte: Der von 1982 bis 83 amtierende Pr\u00e4sident Rios Montt hatte sich Ende der siebziger Jahre einer evangelikalen Bewegung angeschlossen. In den zwei Jahren seiner Diktatur fiel rund die H\u00e4lfte der Massaker an der indigenen Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des jahrzehntelangen B\u00fcrgerkriegs.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vielleicht gibt es die M\u00f6glichkeit eines Stipendiums, schlug ich z\u00f6gerlich vor. Maria Antonieta schaute mich ein wenig traurig an: Sie sollen ja lernen, aber studieren? Nein, sie m\u00fcssen doch Geld verdienen. Und ich sage den M\u00e4dchen immer: Werdet nicht zur Geb\u00e4rmaschine, so wie ich. Mein Mann wollte ja auch nur zwei, drei. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, warum es dann noch sechs oder sieben mehr geworden sind.<\/p>\n<p>Im Dorf habe ich jedenfalls keine Apotheke oder Arztpraxis gesehen. Und mit dem Wagen in die n\u00e4chste Stadt sind es rund zwei Stunden. Nach der rund f\u00fcnfst\u00fcndigen Wanderung mussten wir einen Preis mit ihr aushandeln. Uns fiel es nicht schwer, ihr umgrechnet 20 Euro zu geben. Vielleicht hatte sie damit mal eine Woche keine Schwierigkeiten, all die B\u00e4uche an ihrem Tisch satt zu kriegen. Maria Antonieta hatte Tr\u00e4nen in den Augen und umarmte uns. Ich war ein wenig besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kurz vor dem Zaun hatte ich ihr meine Narbe am Finger gezeigt. Sie zeigte auf eine Narbe an ihrem rechten Knie. Die sei von einem Sturz an diesem Zaun. Da war sie im achten Monat schwanger. Mit ihrem hoffentlich letzten Kind. Maria Antonieta ist jetzt 45. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es doch keine zehn werden.<\/p>\n<p><strong>Ich hoffe, euch allen geht es gut!<\/strong><br \/>\n<strong> Muchos saludos,<\/strong><br \/>\n<strong> Marion<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist der 32. Teil einer pers\u00f6nlichen Serie \u00fcber das Leben in Mexico und Mexico-City. 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