{"id":28278,"date":"2014-04-29T16:01:50","date_gmt":"2014-04-29T15:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=28278"},"modified":"2014-05-02T20:50:41","modified_gmt":"2014-05-02T19:50:41","slug":"die-wirtschaft-als-achillesferse-makrooekonomische-problemstellungen-der-regierung-brandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/die-wirtschaft-als-achillesferse-makrooekonomische-problemstellungen-der-regierung-brandt\/","title":{"rendered":"Die Wirtschaft als \u201eAchillesferse\u201c? Makro\u00f6konomische Problemstellungen der Regierung Brandt"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Vorbemerkung:<\/strong> In der einschl\u00e4gigen Literatur wird Willy Brandt oft als innen- und vor allem wirtschaftspolitisch &#8222;wenig talentiert&#8220; dargestellt, selbst von Historikern und Schreibern, die ihm eigentlich wohlgesonnen waren &#8211; Gregor Sch\u00f6llgen oder Peter Merseburger. Da ich meine Bachelor-Arbeit \u00fcber Willy Brandt demn\u00e4chst vor einem wissenschaftlichen und historisch interessierten Publikum am <span class=\"null\">14. Mai um 19 Uhr im <a href=\"http:\/\/www.muenster.de\/stadt\/villa-ten-hompel\/veranstaltungen.html#mai\" target=\"_blank\">Geschichtsort Villa ten Hompel <\/a>in <\/span>M\u00fcnster vorstelle, habe ich als Anreiz die folgende vereinfachte Zusammenfassung erstellt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Wirtschaft als \u201eAchillesferse\u201c? Makro\u00f6konomische Problemstellungen der Regierung Brandt<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_26789\" aria-describedby=\"caption-attachment-26789\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26789\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/BrandtGuillaume.jpg\" alt=\"Brand und Guillaume\" width=\"512\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/BrandtGuillaume.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/BrandtGuillaume-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26789\" class=\"wp-caption-text\">Brandt und der Leiter der Landespolizeischule Hann. M\u00fcnden Hankeln. Am linken Bildrand G\u00fcnter Guillaume. (foto: beuermann)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vierzig Jahre ist es nun her, dass Willy Brandt, veranlasst durch die Guillaume-Aff\u00e4re, seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rte. Vorausgegangen war eine Phase der Erosion seiner Autorit\u00e4t und Anerkennung, die durch verschiedenste Komponenten beeinflusst war und eher als die Guillaume-Aff\u00e4re allein als urs\u00e4chlich f\u00fcr Brandts R\u00fccktritt gelten kann.[1]<\/strong><\/p>\n<p>Zu den Problemen, die Willy Brandt und sein Kabinett belasteten, geh\u00f6rten die extrem hohe Erwartungshaltung der Bev\u00f6lkerung und daraus resultierende Entt\u00e4uschungen, Differenzen zwischen Parteifl\u00fcgeln und innerhalb der Regierung, Brandts bisweilen zaghafter Regierungsstil sowie gesundheitliche und psychische Probleme.<\/p>\n<p>Hinzu kamen Problemstellungen im makro\u00f6konomischen und wirtschaftspolitischen Bereich, die von manchen Historikern und Brandt-Biographen, darunter Gregor Sch\u00f6llgen und Peter Merseburger, als urs\u00e4chlich f\u00fcr die Machterosion Brandts und die Schwierigkeiten im Kabinett angesehen werden. So schrieb Wolther von Kieseritzky, die Wirtschaft sei die \u201eAchillesferse\u201c der Regierung Brandt gewesen.[2] Eine Einsch\u00e4tzung, die sich auch in vielen Publikationen wiederfindet, die anl\u00e4sslich Brandts 100. Geburtstages im vergangenen Jahr erschienen sind. Es hat sich das Bild von Brandt als \u201eAu\u00dfenkanzler\u201c manifestiert, der f\u00fcr Innenpolitik und vor allem Wirtschaftspolitik nichts \u00fcbrig gehabt habe und auf diesem Feld auch weniger f\u00e4hig gewesen sei. Im Folgenden soll nun untersucht werden, ob dieses Bild einer genaueren Untersuchung standh\u00e4lt und inwiefern die Wirtschaft tats\u00e4chlich ein problematisches Feld f\u00fcr die Regierung Brandt dargestellt hat.<!--more--><\/p>\n<p>Dazu lege ich zun\u00e4chst die Ausgangssituation des Jahres 1969 dar, bevor ich die Wirkungen ausgew\u00e4hlter Probleme des makro\u00f6konomischen und wirtschaftspolitischen Bereichs, z.B. geringere Steuereinnahmen und daraus resultierende Kabinettstreitigkeiten und R\u00fccktritte, hohe Inflationsraten, die erste \u00d6lkrise und den \u00d6TV-Streik, auf die Regierung und die Autorit\u00e4t Brandts untersuche. Daran schlie\u00dft sich die Einsch\u00e4tzung eines wirtschaftspolitischen Papiers von Helmut Schmidt an, das dieser im April 1974 unter amtlicher Geheimhaltung einen engen Kreis von Spitzenpolitikern hat zukommen lassen, bevor ich im Schlussteil ein abw\u00e4gendes Fazit formuliere.<\/p>\n<p><strong>Die Ausgangssituation 1969<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_14786\" aria-describedby=\"caption-attachment-14786\" style=\"width: 191px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-14786\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/brandt20111104.jpg\" alt=\"Das Willy Brand Haus in L\u00fcbeck (foto: zoom)\" width=\"191\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/brandt20111104.jpg 320w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/brandt20111104-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 191px) 85vw, 191px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14786\" class=\"wp-caption-text\">Das Willy Brand Haus in L\u00fcbeck (foto: zoom)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die makro\u00f6konomischen Rahmendaten f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland stellten sich beim Regierungswechsel 1969 als ideal dar. Wachstumsraten von 8 Prozent stand eine minimale Arbeitslosenquote von etwa 0,8 Prozent gegen\u00fcber. Die Inflationsrate betrug zwei Prozent, was von \u00d6konomen gemeinhin als optimal angesehen wird, und hohe Investitionen zeigten den Optimismus der Unternehmer.[3]<\/p>\n<p>Deutschland befand sich in der Endphase einer viele L\u00e4nder Westeuropas erfassenden Phase der Prosperit\u00e4t und des Wirtschaftswachstums, f\u00fcr die sich der Begriff des \u201eWirtschaftswunders\u201c etabliert hat, und die begleitet wurde von einem Integrationsprozess der westeurop\u00e4ischen Volkswirtschaften.[4] Die wirtschaftspolitische Konzeption, auf der das Wirtschaftswunder gr\u00fcndete, war die Soziale Marktwirtschaft, die sich aus den Erfahrungen ihrer \u201eV\u00e4ter\u201c mit der Monopol- und Kartellwirtschaft des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, der Weltwirtschaftskrise sowie der Zeit des Nationalsozialismus ergab. Zentrale Grundpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft waren daher die Freiheit des Einzelnen, Humanit\u00e4t sowie liberale und demokratische Werte.[5] Walter Eucken und die von ihm gepr\u00e4gte ordoliberale Freiburger Schule geh\u00f6rten ebenso zu den V\u00e4tern der sozialen Marktwirtschaft wie Manfred M\u00fcller-Armack, der Lehrst\u00fchle f\u00fcr Wirtschaftslehre in K\u00f6ln und M\u00fcnster innehatte. Allerdings ist der Begriff der sozialen bzw. Sozialen Marktwirtschaft von durchaus unterschiedlicher Bedeutung und kann verschiedene Konzeptionen bezeichnen, wie die Schreibweise, \u201esozial\u201c gro\u00df- bzw. kleingeschrieben, verdeutlicht. Plakativ kann man die unterschiedlichen Auffassungen so beschreiben, dass der Schwerpunkt M\u00fcller-Armacks auf der \u201eVerkn\u00fcpfung von Freiheit mit sozialem Ausgleich\u201c liegt (\u201eSoziale Marktwirtschaft\u201c), indes Eucken eine liberale Wirtschaftsordnung als aus sich selbst heraus sozial ansah (\u201esoziale Marktwirtschaft\u201c).<\/p>\n<figure id=\"attachment_8484\" aria-describedby=\"caption-attachment-8484\" style=\"width: 191px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-8484\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/brandt01.png\" alt=\"Brandt im Brennpunkt.\" width=\"191\" height=\"239\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8484\" class=\"wp-caption-text\">Brandt im Brennpunkt.<\/figcaption><\/figure>\n<p>In K\u00fcrze dargestellt waren dies die Rahmenbedingungen und wirtschaftspolitisch-konzeptionellen Grundlagen eines Booms, der bis heute seinesgleichen sucht. Das reale Pro-Kopf-Einkommen wuchs zwischen 1945 und 1960 um 96 Prozent, zwischen 1950 und 1973 im Jahresdurchschnitt um etwa f\u00fcnf Prozent, wobei insbesondere die Wachstumsraten des BIP in den 1950er Jahren exorbitant waren. Das Einkommen von Besch\u00e4ftigten im industriellen Bereich stieg zwischen 1950 und 1973 um 137 Prozent, der Verbrauch der privaten Haushalte um 300 Prozent. In der Nachkriegszeit Vertriebene sowie Zuwanderer wurden in den Arbeitsmarkt integriert, es herrschte nahezu Vollbesch\u00e4ftigung.[6]<\/p>\n<p>1966\/67 kam es allerdings zu einer kleinen Rezession mit einer Reduktion des Burttosozialprodukts um 0,2 Prozent, Arbeitslosigkeit von 1,5 Prozent und einen R\u00fcckgang der Industrieproduktion. In diese Phase fiel die Umbildung des Kabinetts im Zuge der Formierung der ersten Gro\u00dfen Koalition, wodurch mit Karl Schiller ein keynesianischer \u00d6konom und Sozialdemokrat das Wirtschaftsministerium \u00fcbernahm. Seine Wirtschaftspolitik orientierte sich im Gegensatz zu den liberalen wirtschaftspolitischen Paradigmen seiner Vorg\u00e4nger an einer stark nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik.[7] Deutlich erkennt man diesen Kurswechsel anhand des Stabilit\u00e4tsgesetzes, das antizyklische Instrumentarien und Zielwerte der makro\u00f6konomischen Rahmendaten f\u00fcr die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre vorsah.[8]<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Stabilit\u00e4tsgesetz flankierend f\u00fchrte Schiller die \u201eKonzertierte Aktion\u201c ein, bei der durch ein Gremium Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverb\u00e4nde sowie die Deutsche Bundesbank von den Regierungsbeteiligten jeweils in die Wirtschaftsplanung und -koordination miteinbezogen wurden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich folgte auf die Verabschiedung von zwei Konjunkturprogrammen im Jahr 1967 ein erneuter Aufschwung, der zum Teil allerdings auch einer verst\u00e4rkten Auslandsnachfrage zu verdanken war, und bei dem Wachstumsraten von beinahe acht Prozent erreicht wurden, die an fr\u00fchere Jahre des \u201eWirtschaftswunders\u201c erinnerten. Dieser Erfolg Schillers brachte ihm die Gunst breiter Bev\u00f6lkerungsteile, auch der konservativen, ein und belebte den Glauben an die wirtschaftspolitische Globalsteuerung.[9]<\/p>\n<p>Entsprechend optimistisch und nachfrageorientiert waren die wirtschaftspolitischen Implikationen der Regierungserkl\u00e4rung von Willy Brandt, die er nach dem Wahlsieg 1969 abgab, beispielsweise eine Intensivierung der Konzertierten Aktion, \u201eStabilisierung ohne Stagnation\u201c und eine aktive Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p><strong>Differenzen zur Finanzierung der Reformen<\/strong><\/p>\n<p>Der sozialdemokratische Finanzminister Alex M\u00f6ller, der urspr\u00fcnglich Versicherungskaufmann war, wurde mit der Gew\u00e4hrleistung der Finanzierbarkeit der geplanten umfassenden Reformen betraut. Die finanzielle Machbarkeit sei \u201eDreh- und Angelpunkt\u201c des politischen Handelns der sozialliberalen Koalition.[10] Hinsichtlich dieser obersten Pr\u00e4misse gab es schon im September 1970 Streitigkeiten im Parlament zwischen Alex M\u00f6ller und der Opposition bez\u00fcglich einer Ausweitung des Haushaltes um 12 Prozent, die auch M\u00f6ller f\u00fcr richtig hielt. Als allerdings die Steuereinnahmen im Fr\u00fchjahr 1971 niedriger ausfielen als erwartet, ergaben sich Spannungen im Kabinett.[11] Alex M\u00f6ller mahnte zu Haushaltsdisziplin, was zu Konflikten mit Verteidigungsminister Helmut Schmidt und Verkehrsminister Georg Leber f\u00fchrte. In seiner Autobiographie schreibt M\u00f6ller, seine Kollegen seien nicht bereit gewesen, seinen Ma\u00dfnahmen zu folgen, weswegen sich die Situation zuspitzte und er schlie\u00dflich im Mai 1971 zur\u00fccktrat.[12]<\/p>\n<p>Der R\u00fccktritt des gesch\u00e4tzten Alex M\u00f6ller bildete einen zentralen Moment des Stimmungstiefs des Jahres 1971. Das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in das Stabilit\u00e4tsversprechen der Regierung sank von 46 Prozent im Jahr 1969 auf etwa 20 Prozent nach dem R\u00fccktritt des Ministers. Auch der Kanzler Willy Brandt r\u00fcckte in den kritischen Fokus der Medien.[13] Relativierend wurde allerdings bemerkt, dass das Problem des Ressortegoismus ein Problem auch aller fr\u00fcheren Regierungen gewesen sei. Als Reaktion auf den R\u00fccktritt einigte sich der Kanzler z\u00fcgig mit Herbert Wehner darauf, den Wirtschaftsminister Karl Schiller auch mit dem Finanzministerium zu betrauen. Das beherzte Handeln Brandts bewirkte gar einen Reputationsgewinn, trotz der Ersch\u00fctterung des Kabinetts durch ausgebliebene Steuereinnahmen. So erkannte der SPIEGEL einen \u201eneuen Willy\u201c, und Rolf Zundel schrieb in der ZEIT: \u201eIn der Krise zeigte der Kanzler jene Entschlossenheit, die er im normalen Gesch\u00e4ftsgang zuweilen vermissen lie\u00df.\u201c[14] Die \u00f6konomischen Probleme f\u00fchrten in diesem Kontext nicht zu einem Reputationsverlust, sondern stattdessen zu einer verst\u00e4rkten Anerkennung des Kanzlers.<\/p>\n<p>Die Verteilungsk\u00e4mpfe, infolge derer Alex M\u00f6ller zur\u00fcckgetreten war, sollten jedoch auch weiterhin ein Problem darstellen. Im Zuge der hochkonjunkturellen Phase der Jahre 1970, 1971 und 1972 kam es zu Verh\u00e4rtungen in der Konzertierten Aktion, einem Gremium mit Vertretern der Gewerkschaften, der Regierung und Arbeitgeberverb\u00e4nde. Hohe Lohnforderungen der Arbeitnehmervertreter wurden von Schiller abgewiesen mit der Begr\u00fcndung, in Zeiten hoher Wachstums- und Inflationsraten m\u00fcsse einem \u00dcberhitzen der Konjunktur durch antizyklische restriktive Lohn-, Fiskal- und Geldpolitik entgegen gewirkt werden.[15] Doch die Inflationsraten blieben trotz diverser Gegenma\u00dfnahmen auf hohem Niveau bei etwa 4 \u2013 5 Prozent. Zudem entdeckte Schiller im Fr\u00fchjahr 1972 eine Deckungsl\u00fccke im Haushalt und forderte das Kabinett zu Ausgabenk\u00fcrzungen auf.[16] Der Zeitpunkt f\u00fcr solche Forderungen, auch wenn sie in der Sache angebracht waren, wurde allerdings als \u201enicht opportun\u201c angesehen.[17] Soeben war das Misstrauensvotum gegen Brandt abgewehrt worden, und gegen\u00fcber Schiller, der an der \u201eAktion Sparsamer Hausvater\u201c arbeitete, wie es im SPIEGEL hie\u00df, machte sich Unmut breit.[18] Widerwillig wurden die Gelder im Juni 1972 zusammengestrichen und so die bis dahin schwerste Krise des Kabinetts abgemildert. Als es aber nur einen Monat sp\u00e4ter zum Konflikt zwischen dem Bundesbankpr\u00e4sidenten Karl Klasen und Schiller kam, trat der Superminister zur\u00fcck. Gegenstand des Streits war ein w\u00e4hrungstechnisches Problem, n\u00e4mlich wie man auf die Freigabe des britischen Pfunds und der italienischen Lira reagieren sollte. Klasen arbeitete entsprechende Vorschl\u00e4ge ohne das Wissen Schillers aus, und bekam die Zustimmung des Kabinetts. Schiller hingegen fand sich nun in der Isolation wieder und war in seinem eigenen Fachbereich \u00fcberstimmt, sodass er frustriert das Amt niederlegte.[19] In Hinblick auf die anstehenden Neuwahlen im November 1972 war dies eine mittelschwere Katastrophe f\u00fcr die Regierung. Mit den Worten \u201eim \u00f6konomischen Bereich ist was los\u201c konsultierte Brandt seinen Verteidigungsminister Schmidt, der mit seiner Frau Loki in der T\u00fcrkei weilte.[20] Der FDP wurde in Aussicht gestellt, nach der Wahl das \u201eSuperministerium\u201c erneut aufzuteilen und dem FDP-Politiker Hans Friderichs das Wirtschaftsressort zu \u00fcberlassen, w\u00e4hrend Schmidt Finanzminister werden sollte. Aufgrund dieser durch den R\u00fccktritt hervorgerufenen Krise der Regierung wirkte das zuvor abgewehrte Misstrauensvotum vom April 1972 nicht wie ein Befreiungsschlag. Stattdessen versch\u00e4rfte sich die Situation durch den R\u00fccktritt Schillers. Die Verantwortlichen w\u00fcrden \u201estreiten statt handeln\u201c, wie es in der ZEIT geschrieben wurde, und der SPIEGEL titelte nach dem R\u00fccktritt des Superministers: \u201eSPD \u2013 Die Wahl verloren?\u201c[21] Im Gegensatz zum R\u00fccktritt M\u00f6llers, auf den Brandt konsequent reagierte, machte er im Zuge der durch Schiller verst\u00e4rkten Regierungskrise keine gute Figur. Er habe vor sich hin gelitten, und die \u201eSchiller-Krise\u201c sei zu einer \u201eKrise Brandts\u201c geworden, wie es in der S\u00fcddeutschen zu lesen war.[22] Im Vergleich zum makro\u00f6konomischen Ausgangsproblem war die Krise, in der sich Brandt wiederfand, bemerkenswert tief. Dies resultierte in erster Linie aus dem bisweilen egozentrischen Verhalten des Superministers und anderer Gr\u00f6\u00dfen im Kabinett, wie beispielsweise Helmut Schmidt, sowie aus zunehmend kritischen Presseberichten. Allerdings reichte der Schatten der Krise nicht so weit, dass die Wahl 1972 davon h\u00e4tte verdunkelt werden k\u00f6nnen. Der SPD und vor allem Brandt gelang es, die Krise zu \u00fcberwinden und die Wahl vor allem in den Kontext der Ostpolitik zu stellen. So erreichten die Sozialdemokraten bei den Wahlen im November mit 45,8 Prozent ihr bestes Ergebnis und \u00fcbertrumpften sogar die Union, weshalb sie die sozialliberale Koalition fortsetzen konnten.<\/p>\n<p><strong>Das Problem der Inflation<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits bemerkt werden konnte, war das Thema der Preisniveaustabilit\u00e4t ein permanent schwelendes Problem, das sowohl in der Koalition zu Differenzen f\u00fchrte, von der Opposition instrumentalisiert wurde und auch \u00fcber die Presse der Bev\u00f6lkerung als dr\u00e4ngende Thematik erschien. Lag die Inflationsrate 1969 noch bei optimalen zwei Prozent und entsprach der Zielmarke des Stabilit\u00e4tsgesetzes, stieg sie zun\u00e4chst auf \u00fcber 5 Prozent 1972 und kulminierte Anfang 1974 auf \u00fcber 7 Prozent.[23] Zu Reallohnverlusten kam es infolge stagnierenden Wachstums ab dem Herbst 1973, die in den Jahren zuvor wegen hohen Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes und Lohnsteigerungen verhindert werden konnten. Dabei kamen inflation\u00e4re Impulse sowohl aus dem Inland, wie durch die Entsprechung hoher Lohnforderungen der Gewerkschaften oder der r\u00fcckwirkenden Rentenanpassung, die die CDU\/CSU 1972 initiiert hatte, als auch aus dem Ausland, im Zuge der gesteigerten Dollarexporte der USA und daraus resultierendem Druck auf das System von Bretton-Woods. Wenn auch die \u00f6konomischen Auswirkungen der Inflation zun\u00e4chst nicht das gro\u00dfe Problem waren, sch\u00e4digte es die Glaubw\u00fcrdigkeit der Regierung, die nicht in der Lage war, die selbst auferlegte maximale Inflation von 3 Prozent einzuhalten. In der Presse wurde dem Thema gro\u00dfe Aufmerksamkeit gewidmet. \u201eStaatsbankrott? Finanzkrise in Bonn\u201c titelte der Spiegel am 12. Juni 1972, wobei dieses Szenario von dem um die Stabilit\u00e4t der Finanzen besorgten Karl Schiller selbst verst\u00e4rkt worden war, der die Opposition zur gemeinsamen Politik animieren wollte. Dies wussten die Angesprochenen zu instrumentalisieren: Die Opposition nahm die h\u00f6heren Inflationsraten zum Anlass, der Regierung wirtschaftspolitische Inkompetenz nachzuweisen Rainer Barzel erkannte, \u201edass die Staatsfinanzen zerr\u00fcttet\u201c seien, und sein Parteifreund Althammer sah die \u201eFinanz- und Wirtschaftspolitik\u201c der sozialliberalen Regierung \u201eam Ende\u201c.[24] Im Verlauf der folgenden Monate vor der Wahl 1972 trat das Thema allerdings zugunsten der Ostpolitik verst\u00e4rkt in den Hintergrund, gewann aber nach der Wahl erneut an Relevanz. Helmut Schmidt, dem neuen Finanzminister, gelang es allerdings, einen Teilerfolg zu verbuchen und durch gemeinsame Koordinierung mit anderen europ\u00e4ischen Finanzministern eine Aufwertung der W\u00e4hrung zu beschlie\u00dfen und so den weiteren inflatorischen Zufluss von Dollars einzud\u00e4mmen.[25] Nachhaltigen, direkten Einfluss auf die Reputation des Kanzlers hatten die gesteigerten Inflationsraten allerdings nicht. Gravierender schienen die Grabenk\u00e4mpfe innerhalb der SPD und mit den Jusos zu sein, die aber hier nicht genauer betrachtet werden sollen.<\/p>\n<p><strong>Die erste \u00d6lkrise<\/strong><\/p>\n<p>Am 6. Oktober, dem j\u00fcdischen Friedensfeiertag Jom Kippur, griffen \u00e4gyptische und syrische Streitkr\u00e4fte die Golanh\u00f6hen und den Sinai an, die im Sechs-Tage-Krieg von Israel erobert worden waren, und er\u00f6ffneten damit den vierten israelisch-arabischen Krieg. Da Amerika Israel unterst\u00fctzte, steigerten die OPEC-Staaten den Roh\u00f6lpreis um 17 Prozent und f\u00fchrten einen Lieferboykott gegen\u00fcber Amerika ein. Am 20. Oktober folgte ein Lieferboykott gegen die Niederlande und eine Woche sp\u00e4ter die Ausdehnung der Ma\u00dfnahme auf alle westlichen L\u00e4nder. Der \u00d6lpreis stieg im Laufe des Jahres 1973 um mehr als das Vierfache von 2,59 auf 11,65 US-Dollar pro Barrel, und der Rohstoffindex des Hamburger Weltwirtschaftsarchivs, der auch Roh\u00f6l enth\u00e4lt, stieg um 150 Prozent an.[26] Die \u00d6lkrise verlangsamte die ohnehin schw\u00e4chelnde Konjunktur, und die Arbeitslosenzahlen stiegen rapide an. Als Reaktion auf die Verknappung des Roh\u00f6ls verabschiedete der Bundestag am 9. November 1973 ein Gesetz zur Sicherung der Energieversorgung, das die Autofahrverbote f\u00fcr vier Sonntage im November und Dezember des Jahres festlegte. [27]<\/p>\n<p>Der \u00d6lpreisschock verunsicherte die Regierung, die zu koordiniertem Krisenmanagement herausgefordert war. Hilfsma\u00dfnahmen f\u00fcr sozial Schwache, energiesparende Ma\u00dfnahmen im Verkehrsbereich, Substitution von Erd\u00f6l und Erdgas durch feste Brennstoffe oder die \u201eIntensivierung der Ma\u00dfnahmen zur Sicherung der allgemeinen Rohstoffversorgung\u201c wurden beschlossen, ohne dass dieses Krisenmanagement von der Bev\u00f6lkerung honoriert worden w\u00e4re. Dabei agierte die Bundesregierung alles in allem \u201edurchaus erfolgreich\u201c, wie der Historiker Jens Hohensee in seiner Monographie \u00fcber die \u00d6lkrise feststellt. Auch Willy Brandt selbst befand in seinen Erinnerungen: \u201eGewiss, es wurden Fehler gemacht (\u2026). Dennoch: Die Versorgung mit lebenswichtiger Energie wurde nicht eine Stunde lang unterbrochen. Weder ein sozialer noch ein politischer Notstand trat ein \u2013 und beides waren konkrete Gefahren, die wir ernst zu nehmen hatten.\u201c[28] Mit dieser Einsch\u00e4tzung liegt er durchaus richtig, dennoch trug die \u00d6lkrise zum Ansehens- und Autorit\u00e4tsverlust seiner Regierung bei.<\/p>\n<p>Kritik handelte der Regierung ihre uneinheitliche Informationspolitik ein, was sowohl von Seiten der Presse als auch von der Opposition vehement kritisiert wurde. So werde der Bev\u00f6lkerung \u201eBonner Baldrian\u201c verabreicht, wie in der ZEIT zu lesen war, und der Sprecher der Oppositionsfraktion, Ernst M\u00fcller-Hermann klagte: \u201eDer Arbeitsstil dieser Regierung ist ausgesprochen dilettantisch, und ihre Informationspolitik steht ganz im Schatten der F\u00fchrungslosigkeit des Kabinetts und der Profilsucht seiner Mitglieder.\u201c[29]<\/p>\n<p>Wenn man den extern verursachten \u00d6lschock und die konstruktive und energiepolitisch wirksame Reaktion der Regierung in Betracht zieht, muss Brandt und seinem Kabinett eine mindestens ordentliche Leistung attestiert werden. Die Zust\u00e4nde glitten nicht ins Katastrophale, die Energieversorgung blieb gesichert und es kam nicht zu akuten Versorgungsengp\u00e4ssen. M\u00e4ngel in der Kommunikation wirkten allerdings heftig auf das Kabinett und seinen Kanzler zur\u00fcck, der sich in einem Stimmungstief wiederfand und \u201eschlechte Presse\u201c \u00fcber sich ergehen lassen musste.<\/p>\n<p><strong>\u201eKapitulation des Staates vor seinen Bediensteten\u201c \u2013 Der Tarifstreit im \u00f6ffentlichen Dienst<\/strong><\/p>\n<p>Bereits gegen Ende des Jahres 1973 tat sich f\u00fcr die Regierung Willy Brandts eine weitere Front auf: Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft DAG und die Gewerkschaft \u00d6ffentliche Dienste, Transport und Verkehr \u00d6TV forderten ungeachtet der ohnehin makro\u00f6konomisch angespannten Situation Lohnsteigerungen von 14 bzw. 15 Prozent. Die Forderungen der \u00d6TV hatten einen besonderen Charakter, da sich hier nicht Unternehmer und Arbeitnehmer gegen\u00fcberstanden, sondern eine sozialdemokratische Regierung und die Gewerkschaft f\u00fcr \u00f6ffentliche Dienste. Die Gewerkschafter waren der sozialliberalen Regierung angesichts ungewisser Konjunkturentwicklung, Inflation und Ma\u00dfhalteappellen immer weniger gewogen und die \u00d6TV mit ihrem Vorsitzenden Heinz Kluncker war fest entschlossen, Lohnerh\u00f6hungen von etwa 15 Prozent durchzusetzen. Von Seiten der Regierung wurden solche Forderungen als nicht realisierbar beschrieben: \u201e\u00dcber 10 %, gar 15 %, nachdem soeben erst das 13. Monatsgehalt beschlossen wurde \u2013 dies l\u00e4sst sich vern\u00fcnftigerweise nicht darstellen\u201c, erkl\u00e4rte Willy Brandt im Bundestag Ende November 1973.[30] Kompromissvorschl\u00e4ge der Arbeitgeber wurden abgelehnt, w\u00e4hrend der Kanzler immer wieder die Unm\u00f6glichkeit solcher Lohnsteigerungen auch mit Blick auf die Inflation bekr\u00e4ftigte. \u201eZweistellige Ziffern bei den Tarifen beschleunigen die Gefahr einer entsprechenden Entwicklung bei den Preisen\u201c, warnte der Kanzler noch Ende Januar, ohne dass Kluncker sich allerdings davon h\u00e4tte beeindrucken lassen.[31] So kam es am 29. Januar und 4. Februar zu Warnstreiks und Arbeitsniederlegungen noch im \u00fcberschaubaren Ausma\u00df, bevor, entschieden durch eine Mehrheit der Gewerkschaft von 91 Prozent bei der Urabstimmung, vom 11. bis zum 13. Februar hunderttausende Besch\u00e4ftigte im \u00f6ffentlichen Dienst die Arbeit niederlegten. Am 13. Februar knickte die Arbeitgeberseite ein, die L\u00f6hne wurden um elf Prozent, mindestens aber um 170 Mark angehoben, was die Staatskasse mit \u00fcber zehn Milliarden Mark belastete.<\/p>\n<p>Gravierender noch als die finanzielle Dimension war die symbolische Wirkung, die der Sieg der \u00d6TV \u00fcber die Regierung hatte. Rolf Zundel res\u00fcmierte in der ZEIT: \u201eVon einer katastrophalen Schlappe und einem \u00f6konomischen Desaster k\u00f6nnte man wohl nicht reden. Gleichwohl bleibt der Eindruck: Hier hat der Staat kapituliert, wenn auch in kleinen Raten.\u201c[32] Von allen Problemen und Niederlagen, mit denen der Kanzler in den vorausgegangenen Monaten zu k\u00e4mpfen gehabt und die er erlitten hatte, sei das Unterliegen im Tarifstreit mit der \u00d6TV f\u00fcr ihn am empfindlichsten gewesen, schrieb der Spiegel. Brandt erscheine zunehmend hilflos, sein Einfluss auf Partei und B\u00fcrger schwinde zusehends. Der Kanzler selbst f\u00fchlte sich verlassen: Sein zerstrittenes Kabinett war ihm keine Unterst\u00fctzung, und auch von den Gewerkschaften, insbesondere Kluncker, f\u00fchlte er sich im Stich gelassen. Auch Kommunalpolitiker der SPD k\u00fcmmerten sich wenig um die Geldwertstabilit\u00e4t, sondern waren um die Intaktheit der Verh\u00e4ltnisse in ihren St\u00e4dten und Gemeinden besorgt, weshalb auch sie auf eine schnelle Einigung dr\u00e4ngten.[33]<\/p>\n<p>Die durch die Niederlage in den Tarifverhandlungen mit der \u00d6TV manifestierte Regierungskrise bildete bis dahin das tiefste Tal der Kanzlerschaft Brandts, der zu dieser Zeit ernstlich seinen R\u00fccktritt in Erw\u00e4gung zu ziehen schien.<\/p>\n<p><strong>Das Schmidt-Expos\u00e9 \u2013 die Formierung eines neuen \u201eKronprinzen\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Am 15. April gab Helmut Schmidt eine Schrift zur &#8222;aktuellen \u00f6konomischen Problematik unter dem Gesichtspunkt ihrer au\u00dfenwirtschaftlichen Bedingtheiten\u201c heraus, die auszuarbeiten er auf der letzten Sitzung des Parteivorstandes gebeten worden war.[34] In diesem Brevier, das amtlich geheim gehalten wurde und lediglich in sechzehnfacher Ausfertigung an den engsten Regierungskreis ausgeh\u00e4ndigt wurde, behandelt Schmidt die makro\u00f6konomischen Entwicklungen der vergangenen Dekaden und betont die Erfolge der Keynesianischen Wirtschaftspolitik, die die SPD seit ihrer Regierungsbeteiligung umgesetzt habe. Durch diese stehe die Bundesrepublik im internationalen Vergleich hervorragend da. Allerdings zeichnet Schmidt mit Blick auf die Zukunft ein Bild in d\u00fcsteren Farben und eine nahe m\u00f6gliche Entwicklung in drei Akten, von denen der erste Akt mit der \u00d6lkrise begonnen habe. In einem zweiten Akt w\u00fcrden Autarkiebestrebungen und handelspolitischer Bilaterismus nebst Reallohnverlusten auftreten, w\u00e4hrend in einem \u201edritten Akt die demokratischen Strukturen in den Industriegesellschaften\u201c zerbrechen k\u00f6nnten. Wie ist dieses Papier nun im Kontext der vorhergehenden Regierungskrisen und des Machtverfalls des Kanzlers zu bewerten?<\/p>\n<p>Schmidts Biograph Hartmut Soell betont zwar, der Verfasser des Expos\u00e9s habe noch zu Anfang des Jahres 1974 keinerlei Kanzlerschaftsambitionen gehegt.[35] Jedoch gilt das Papier Schmidts als sein \u201eGesellenst\u00fcck als Welt\u00f6konom\u201c, so der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser, und wurde in einer Zeit der makro\u00f6konomischen Ersch\u00fctterungen verfasst.[36] Es liegt die Interpretation nahe, dass das Papier zumindest den positiven Nebeneffekt haben sollte, Schmidts Profil als pragmatischen Wirtschaftsfachmann in Zeiten einer unsicheren makro\u00f6konomischen Gro\u00dfwetterlage zu sch\u00e4rfen und ihn insofern auch f\u00fcr weitere gro\u00dfe Aufgaben zu empfehlen.<\/p>\n<p><strong>Abschlie\u00dfende Betrachtung<\/strong><\/p>\n<p>Die f\u00fcnf Jahre der Kanzlerschaft Brandts fallen in eine Zeit der makro\u00f6konomischen Wandlungsprozesse, die das Ende des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders markierten. Die Regierung Brandt sah sich mit diversen wirtschaftspolitischen und makro\u00f6konomischen Problemstellungen konfrontiert, die allerdings auf ganz unterschiedliche Weise auf die Autorit\u00e4t des Kanzlers und Anerkennung des Kabinetts wirkten. Steuereinnahmen, die in der H\u00f6he hinter den Erwartungen zur\u00fcck blieben, und daraus resultierende K\u00e4mpfe um Haushaltsmittel zwischen den Ministerien waren jeweils Anlass f\u00fcr zwei Krisen im Kabinett, infolge derer es zu R\u00fccktritten kam. Im Mai 1971 legte der Finanzminister Alex M\u00f6ller sein Amt nieder, was sich jedoch wenig auf die Reputation und Autorit\u00e4t Brandts und die Regierungsarbeit insgesamt auswirkte. Anders beim R\u00fccktritt Karl Schillers 1972, der eine Krise der Regierung Brandt noch vertiefte, sodass eine Fortsetzung ihrer Regierung \u00fcber die folgende Wahl im November des Jahres kaum zu erwarten war. Die Inflation, die ab 1971 ein permanent schwelendes makro\u00f6konomisches Problem darstellte, wirkte sich nicht nachhaltig auf die Autorit\u00e4t des Kanzlers aus. Anders jedoch die \u00d6lkrise des Herbstes 1973. Dieser externe \u00f6konomische Schock beanspruchte die Regierung aufs \u00c4u\u00dferste. Tats\u00e4chlich war ihr Krisenmanagement gelungen und hilfreich, gr\u00f6\u00dfte Engp\u00e4sse wurden vermieden, w\u00e4hrend allerdings die Informationspolitik suboptimal war. So kam es, dass die \u00d6lkrise, obwohl extern ausgel\u00f6st und von der Regierung vergleichsweise gut pariert, durch negative Presse und \u00d6ffentlichkeitswahrnehmung verst\u00e4rkt, sich zu einer Regierungskrise ausweitete, infolge derer Brandt immer weniger \u00fcberzeugen konnte. Noch gravierender war der Machtverlust, den der Kanzler im Zuge der Tarifstreitigkeiten mit dem \u00d6TV hinnehmen musste. Unter anderem vom Finanzminister Schmidt zu einer \u201eharten Linie\u201c bewegt, knickte die Regierung ein und bewilligte Lohnsteigerungen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten im \u00d6ffentlichen Dienst in zweistelliger Prozenth\u00f6he, die vorher kategorisch abgelehnt worden waren. Inwiefern dies \u00f6konomisch problematisch weil inflationstreibend war, wenn etwa zwei Millionen Besch\u00e4ftigte 11 Prozent mehr Lohn bekommen, ist schwierig abzusch\u00e4tzen. Die Wirkung nach au\u00dfen, f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit, war allerdings fatal. Und auch Brandt selbst zeigte sich nach dieser Episode seiner Kanzlerschaft von vielen Mitstreitern und Genossen entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Man kann also die Behauptung, die Wirtschaft habe die \u201eAchillesferse\u201c Willy Brandts gebildet, kaum aufrechterhalten. Auch kann man nicht davon ausgehen, dass schwere Ersch\u00fctterungen der \u00d6konomie zwangsl\u00e4ufig starke Beeintr\u00e4chtigungen der Regierungsarbeit und Reputation Brandts nach sich gezogen h\u00e4tten. Vielmehr war es das Zusammenspiel vielf\u00e4ltiger Faktoren \u2013 Gestaltungswille des Kabinetts, Wohlwollen der Presse, Instrumentalisierung der Opposition und Reaktion des Kanzlers &#8211; von dem es abhing, ob und wie sich wirtschaftspolitische Problemstellungen auf die Autorit\u00e4t des Kanzlers auswirkten. Die Feststellung, die Wirtschaft sei die \u201eAchillesferse\u201c Brandts gewesen, wird diesen komplexen Zusammenh\u00e4ngen und Wirkungsmechanismen nicht gerecht.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>[1] M\u00fcnkel, Daniela: Zwischen Diffamierung und Verehrung. Das Bild Willy Brandts in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit (bis 1974), in: Tessmer, Carsten (Hrsg.): Das Willy-Brandt-Bild in Deutschland und Polen, Berlin 2000, S. 23 \u2013 40, hier S. 37.<\/p>\n<p>[2] Kieseritzky, Wolter von: Einleitung, in: Brandt, Willy: Mehr Demokratie wagen. Innen- und Gesellschaftspolitik 1966 \u2013 1974 (=Berliner Ausgabe, Bd. 7, hrsg. von Grebing, Helga\/Sch\u00f6llgen, Gregor\/Winkler, Heinrich August, Bonn 2001, S. 15 \u2013 83, hier S. 58.<\/p>\n<p>[3] Vgl. Scherf, Harald: Entt\u00e4uschte Hoffnungen \u2013 vergebene Chancen. Die Wirtschaftspolitik der Sozial-Liberalen Koalition 1969 \u2013 19872 (= Kleine Vandenhoeck-Reihe 1516), G\u00f6ttingen 1986, S. 5.<\/p>\n<p>[4] Vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 5. Bundesrepublik und DDR 1949 \u2013 1990, M\u00fcnchen 2008, S. 53 \u2013 60.<\/p>\n<p>[5] Vgl. Prollius, Michael von: Wirtschaftsgeschichte nach 1945, G\u00f6ttingen 2006, S. 50 \u2013 51.<\/p>\n<p>[6] Vgl. Wehler: Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 4), S. 54.<\/p>\n<p>[7] Vgl. Abelshauser, Werner: Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart, M\u00fcnchen 2011, S. 371.<\/p>\n<p>[8] Vgl. Vgl. Gesetz zur F\u00f6rderung der Stabilit\u00e4t und des Wachstums der Wirtschaft, \u00a7 11, Onlinezugriff \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stabg\/index.html\">http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stabg\/index.html<\/a>, zuletzt abgerufen am 26.04.2014.<\/p>\n<p>[9] Vgl. L\u00fctjen, Torben: Karl Schiller (1911 \u2013 1994). \u201eSuperminister\u201c Willy Brandts (= Politik- und Gesellschaftsgeschichte 76), Bonn 2007, S. 235, sowie Thr\u00e4nhardt, Dietrich: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Frankfurt 1996, S. 171.<\/p>\n<p>[10] Vgl. M\u00f6ller, Alex: Genosse Generaldirektor, M\u00fcnchen\/Z\u00fcrich 1978, S. 328.<\/p>\n<p>[11] Vgl. Metzler, Gabriele: Alex M\u00f6ller (1903 \u2013 1985), in: Weber, Reinhold\/Meyer, Ines (Hrsg.): Politische K\u00f6pfe aus S\u00fcdwestdeutschland, Stuttgart 2005, S. 321 \u2013 331, hier 329.<\/p>\n<p>[12] Vgl. M\u00f6ller: Genosse Generaldirektor (wie Anm. 10), S. 482.<\/p>\n<p>[13] Vgl. Zons, Achim: Das Denkmal. Bundeskanzler Willy Brandt und die linksliberale Presse (=Geschichte und Staat 269), M\u00fcnchen 1984, S. 53 \u2013 54.<\/p>\n<p>[14] Vgl. o.V.: Der Kanzler hat sich freigeschwommen, in: Der SPIEGEL 21\/1971, S. 21 \u2013 24, sowie Zundel, Rolf: Abschied von den Bl\u00fctentr\u00e4umen, in: Die ZEIT 21\/1971, S. 1.<\/p>\n<p>[15] Vgl. Abelshauser: Wirtschaftsgeschichte (wie Anm. 7), S. 371.<\/p>\n<p>[16] Vgl. Bracher, Karl-Dietrich\/ J\u00e4ger, Wolfgang\/ Link, Werner: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Bd. 5,1. Republik im Wandel 1969 \u2013 1974. Die \u00c4ra Brandt, Stuttgart 1986, S. 50.<\/p>\n<p>[17] Vgl. ebd.<\/p>\n<p>[18] Vgl. Schreiber, Hermann: Tut nichts! Der Jude wird verbrannt, in: Der SPIEGEL 26\/1972, S. 23 \u2013 25, sowie L\u00fctjen: Karl Schiller (wie Anm. 9), S. 334 \u2013 335.<\/p>\n<p>[19] Vgl. ebd. S. 342, sowie Baring, Arnulf: Machtwechsel. Die \u00c4ra Brandt-Scheel, Stuttgart 1982, S. 681.<\/p>\n<p>[20] Vgl. o.V.: Ein guter Abgang ziert die \u00dcbung, in: Der SPIEGEL 29\/1972, S. 19 \u2013 27, hier S. 19.<\/p>\n<p>[21] Vgl. Stolze, Diether: Selbstbetrug \u2013 bis zur Neuwahl? In: Die ZEIT 23\/1972, S. 25, sowie Der SPIEGEL 29\/1972.<\/p>\n<p>[22] Vgl. Heigert, Hans: Verfall einer Autorit\u00e4t, in: S\u00fcddeutsche Zeitung 154\/1972, S. 4.<\/p>\n<p>[23] Vgl. Bracher: Geschichte (wie Anm. 16), S. 47 \u2013 48, sowie Kloten, Norbert: Erfolg und Mi\u00dferfolg der Stabilit\u00e4tspolitik (1969 \u2013 1974), in: W\u00e4hrung und Wirtschaft in Deutschland 1876 \u2013 1975, hrsg. von der Deutschen Bundesbank, Frankfurt a. M. 1976, S. 643 \u2013 690, hier S. 648.<\/p>\n<p>[24] Vgl. o.V.: Karl, geh doch aus der Defensive raus, in: Der SPIEGEL 25\/1972, S. 21 \u2013 22.<\/p>\n<p>[25] Vgl. Herlt, Rudolf: Ruhe an der W\u00e4hrungsfront? In: Die ZEIT 12\/1973, S. 1.<\/p>\n<p>[26] Vgl. Baring: Machtwechsel (wie Anm. 19), S. 687, Prollius: Wirtschaftsgeschichte (wie Anm. 5), S. 183, Hohensee, Jens: Der erste \u00d6lpreisschock. Die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der arabischen Erd\u00f6lpolitik auf die Bundesrepublik Deutschland und Westeuropa (= Historische Mitteilungen 17), Stuttgart 1996, S. 78.<\/p>\n<p>[27] Vgl. Protokoll der Kabinettssitzung vom 22. November 1973, abgedruckt in: Baring: Machtwechsel (wie Anm. xy), S. 690 \u2013 691.<\/p>\n<p>[28] Hohensee: \u00d6lpreisschock (wie Anm. 26), S. 121, Brandt, Willy: \u00dcber den Tag hinaus. Eine Zwischenbilanz, Hamburg \u00b21974, S. 314.<\/p>\n<p>[29] Vgl. Sommer, Theo: Bonner Baldrian, in: Die ZEIT 48\/1973, S. 1, sowie o.V.: Wachsende Kritik an der Bundesregierung in der Diskussion \u00fcber die Energiekrise, in: S\u00dcDDEUTSCHE ZEITUNG vom 03.12.1973.<\/p>\n<p>[30] Vgl. Brandt, Willy: Erkl\u00e4rung der Bundesregierung zu aktuellen Fragen der Wirtschafts- und Energiepolitik, in: Plenarprotokoll des Bundestages vom 29.11.1973, S. 10 \u2013 15.<\/p>\n<p>[31] Vgl. Baring: Machtwechsel (wie Anm. 19), S. 695.<\/p>\n<p>[32] Vgl. Zundel, Rolf: Mu\u00df der Staat stets kapitulieren? In: Die Zeit 08\/1974, S. 1.<\/p>\n<p>[33] Vgl. o.V.: Willy Brandt: Ihr la\u00dft mich alle allein, in: Der SPIEGEL 08\/1974, S. 19 \u2013 23.<\/p>\n<p>[34] Schmidt, Helmut: Expos\u00e9 zur aktuellen \u00f6konomischen Problematik unter dem Gesichtspunkt ihrer au\u00dfenwirtschaftlichen Bedingtheiten vom 15. April 1974 (amtlich geheim gehalten), Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Depositum Herbert Ehrenberg, 1\/HEAB3000128.<\/p>\n<p>[35] Vgl. Soell, Hartmut: Helmut Schmidt Bd. 2. 1969 bis heute, M\u00fcnchen 2008, S. 306.<\/p>\n<p>[36] Vgl. Abelshauser, Werner: Aus Wirtschaftskrisen lernen. Aber wie? Krisenszenarien im Vergleich, in: Vierteljahreshefte f\u00fcr Zeitgeschichte 04\/2009, S. 467 \u2013 485, hier S. 468.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: In der einschl\u00e4gigen Literatur wird Willy Brandt oft als innen- und vor allem wirtschaftspolitisch &#8222;wenig talentiert&#8220; dargestellt, selbst von Historikern und Schreibern, die ihm eigentlich wohlgesonnen waren &#8211; Gregor &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/die-wirtschaft-als-achillesferse-makrooekonomische-problemstellungen-der-regierung-brandt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Wirtschaft als \u201eAchillesferse\u201c? 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