{"id":27096,"date":"2014-01-16T21:22:15","date_gmt":"2014-01-16T20:22:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=27096"},"modified":"2014-01-16T21:51:49","modified_gmt":"2014-01-16T20:51:49","slug":"wieder-finnentag-gruselig-geht-es-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wieder-finnentag-gruselig-geht-es-weiter\/","title":{"rendered":"Wieder \u201eFinnentag\u201c: Gruselig geht es weiter &#8230;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_27097\" aria-describedby=\"caption-attachment-27097\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Finnish_SS_volunteers_in_Gross_Born.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-27097 \" alt=\"Finnische SS-Freiwillige im Truppenlager Gross Born, 1941.\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Finnish_SS_volunteers_in_Gross_Born.jpg\" width=\"400\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Finnish_SS_volunteers_in_Gross_Born.jpg 400w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Finnish_SS_volunteers_in_Gross_Born-300x191.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 85vw, 400px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-27097\" class=\"wp-caption-text\">Finnische J\u00e4ger, an die auf Finnentagen keiner erinnern will: Angeh\u00f6rige des Finnischen Freiwilligenbataillons der Waffen-SS \u00fcben 1941 f\u00fcr den \u00dcberfall auf Russland (wikipedia***)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Auch in diesem Jahr treffen sich im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt deutsche und finnische Milit\u00e4rs, um ihre gemeinsamen Kampftraditionen abzufeiern. Am 1. M\u00e4rz 2014, dem sogenannten Finnentag, wird eines Finnischen J\u00e4gerbataillons gedacht, das 1915 mit Hilfe des kaiserlichen deutschen Heeres auf dem \u00f6rtlichen Truppen\u00fcbungsplatz aufgestellt, ausgebildet und 1917\/18 mit deutschen Offizieren gegen die russische Armee und die finnische Arbeiterbewegung in die Schlacht geschickt wurde.<\/strong><\/p>\n<p><em>(von unserem Gastautor Georg Blum)<\/em><\/p>\n<p>Die f\u00fcr diesen Anlass entworfene Geschichtslegende wurde an dieser Stelle bereits im letzten Jahr analysiert \u2013 und durch einen w\u00fctenden Kommentar aus dem Lager der Traditionspfleger noch einmal eindrucksvoll dokumentiert (<a href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=22606\" target=\"_blank\">Link<\/a>). Ein Blick auf diese Texte ist unbedingt empfehlenswert: Die Kaltbl\u00fctigkeit, mit der die deutsch-finnische Waffenbr\u00fcderschaft im Lager des \u201eWei\u00dfen Terrors\u201c als Startimpuls f\u00fcr die finnische Unabh\u00e4ngigkeit und eine Demokratie skandinavischen Typs ausgegeben wird, l\u00e4sst einen frieren. Aber das wappnet immerhin gegen milde Nachsicht gegen\u00fcber greisen Militaristen.<\/p>\n<p>In Wahrheit radikalisierte das B\u00fcndnis zwischen Kaiserheer und finnischen Freiwilligen das Morden im Finnischen B\u00fcrgerkrieg. Danach, nach dem Sieg der Wei\u00dfen, etablierte es eine Bananenmonarchie mit dem Schwager Kaiser Wilhelms II. als finnischem K\u00f6nig. Die staatliche Autonomie Finnlands und seine Parlamentarisierung wurden erst durch die Arbeiterr\u00e4te der deutschen Novemberrevolution m\u00f6glich, die den deutschen Kaiser und den finnischen K\u00f6nig von ihren Thronen jagten \u2013 also genau durch jenen Typ von Volksbewegung, den die finnischen J\u00e4ger in ihrer Heimat zu vernichten suchten.<\/p>\n<p>Wer sich einigerma\u00dfen n\u00fcchtern \u00fcber das J\u00e4gerbataillon und seine deutsch-finnischen Traditionswahrer informiert, erkennt unschwer die wirkliche Traditionslinie dieser eigent\u00fcmlichen Formation: die unverbr\u00fcchliche Gewaltbereitschaft gegen Russen und Kommunisten.<\/p>\n<p>Auf der finnischen Seite des B\u00fcndnisses beginnt diese Traditionslinie mit den bereits erw\u00e4hnten B\u00fcrgerkriegseins\u00e4tzen gegen finnische und russische \u201eRote\u201c 1917\/1918, spannt sich weiter \u00fcber die Teilnahme finnischer J\u00e4ger am Interventionskrieg gegen Russland 1919, die Formierung einer \u00fcberwiegend antirussischen Staatsarmee mit den von Deutschen ausgebildeten J\u00e4geroffizieren als Leitungskadern in den zwanziger Jahren, den finnisch-russischen \u201eWinterkrieg\u201c 1939\/40, den \u201eFortsetzungskrieg\u201c gegen Russland mit der Unterst\u00fctzung Nazideutschlands 1941\/44, um dann nach 1945 vor allem im Offizierskorps der finnischen Armee unterirdisch fortzuleben. Aus diesem Milieu stammen die finnischen Stammg\u00e4ste in Hohenlockstedt. Sie treiben in Finnland eine Traditionspflege, in der die zahlreichen Russlandeins\u00e4tze der Finnen so positiv erscheinen wie die Hilfe der Bundeswehr beim Elbhochwasser.<\/p>\n<p>Die Traditionslinie auf deutscher Seite ist nahezu gleich. Deutsche Kommandeure des J\u00e4gerbataillons stellten, auf der Grundlage ihrer Kampferfahrungen im Finnischen B\u00fcrgerkrieg, die Elite des \u201eWei\u00dfen Terrors\u201c im deutschen Milit\u00e4r. Viele schlossen sich den baltischen Freikorps an und halfen beim Kampf gegen die Arbeiterr\u00e4te in Deutschland, machten 1920 beim Kapp-Putsch mit, um sich schlie\u00dflich innerhalb der nationalsozialistischen Wehrmacht durch besonders unmenschliche Kriegsf\u00fchrung in der Sowjetunion auszuzeichnen.<\/p>\n<p>Kr\u00f6nung dieser miteinander verschlungenen Traditionslinien war die im Mai 1941 von der deutschen und der finnischen Regierung gemeinsam betriebene Aufstellung des Finnischen Freiwilligen-Bataillons der Waffen-SS. Es umfasste ca. 1.500 Finnen, \u00fcberwiegend b\u00fcrgerlicher Herkunft, vielfach Anh\u00e4nger des Faschismus, und beteiligte sich im Rahmen der Waffen-SS Division Wiking am Einmarsch in die Sowjetunion und an zahlreichen Eins\u00e4tzen in deren Hinterland, darunter auch Massenerschie\u00dfungen. Diese Formation durfte auf finnischen Wunsch nur gegen die Sowjetunion eingesetzt werden. Sie wurde ganz offiziell, auch hierauf hatte der damalige finnische Au\u00dfenminister Witting gedrungen, in die Tradition des Lockstedter 27. J\u00e4gerbataillons gestellt, ihre Angeh\u00f6rigen in Deutschland wie in Finnland als \u201efinnische J\u00e4ger\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Doch die Verbindung zwischen den J\u00e4gern und der SS war nicht nur ideologisch fundiert, sondern auch personell und operativ. Ehemalige Angeh\u00f6rige des J\u00e4gerbataillons waren f\u00fchrend an der Werbung und Instruktion der Freiwilligen beteiligt: Esko Riekki, Unternehmersohn aus Oulu, 1915 bis 1917 Werber f\u00fcr die Lockstedter J\u00e4ger in Finnland, 1918 bei den Wei\u00dfen, dann Organisator der Grenztruppen, von 1923 bis 1939 Leiter der finnischen Geheimpolizei, anschlie\u00dfend Offizier im Winterkrieg \u2013 in der Literatur als \u201eWachhund des Wei\u00dfen Finnland\u201c gekennzeichnet. Riekki handelte die Konditionen des finnischen Waffen-SS-Bataillons in Berlin pers\u00f6nlich mit Heydrich und anderen SS-Gr\u00f6\u00dfen aus. Ferner Ragnar Nordstr\u00f6m, kaufm\u00e4nnischer Angestellter, in Lockstedt ausgebildeter J\u00e4ger, Kommandeur finnischer Interventionisten in Russland, sp\u00e4ter Gro\u00dfreeder, im Nebenberuf Kriegswaffenbeschaffer in staatlichem Auftrag ab 1939, Deutschland-Beauftragter des Oberkommandierenden Marschall Mannerheim ab 1940, Berater der finnischen Regierung f\u00fcr das von finnischen Truppen besetzte Karelien ab Sommer 1941. Schlie\u00dflich die ehemaligen J\u00e4geroffiziere Pehr H. Norrmen, Arvi Kalsta, Gunnar Lindquist, Harry Backberg.<\/p>\n<p>Alle Aspekte der J\u00e4gertradition in der Zeit des II. Weltkrieges bleiben auf den Hohenlockstedter Finnentagen durchweg ausgespart. Werden die Vorf\u00e4lle im I. Weltkriegs und unmittelbar danach, im Vertrauen auf historische Kenntnisl\u00fccken der deutschen \u00d6ffentlichkeit, noch zum demokratischen Startimpuls umgelogen, so rettet man sich angesichts der offenen Kumpanei beim rassistischen Massenmord an Russen im II. Weltkrieg ins Verschweigen.<\/p>\n<p>Wie soll das weitergehen? Der kommende Finnentag wird, so lassen G\u00e4steliste und Programm erkennen, die uns\u00e4gliche Linie der Traditionspflege bruchlos fortsetzen. An vorderster Front wird wieder der vielseitig dekorierte Finnland-Verbindungsoffizier der Bundeswehr und Junge Freiheit-Leser Mark Aretz agieren (eine Kostprobe aus seiner Feder unter <a href=\"http:\/\/jungefreiheit.de\/sonderthema\/2007\/leserbriefe\/\" target=\"_blank\">http:\/\/jungefreiheit.de\/sonderthema\/2007\/leserbriefe\/<\/a>) Wie die Presse berichtet, wird der f\u00fcr den Finnentag verantwortliche Kultur- und Geschichtsverein Hohenlockstedt au\u00dferdem in diesem Jahr, dem Jubil\u00e4umsjahr des Kriegsbeginns 1914, eine Ausstellung ausrichten. Historiker der Universit\u00e4t Kiel arbeiten an der Konzeption mit. Weiterer Kooperationspartner ist der belgische Weltkriegshistoriker Jan Vancoillie, der den rechtsradikalen Vlaams Blok im Stadtparlament von Kortrijk vertrat. Die Schleswig-Holsteinischen Landtagsabgeordneten Birgit Herdej\u00fcrgen (SPD) und Heiner Rickers (CDU) \u00fcbernehmen die Schirmherrschaft. Der Vereinsvorsitzende Achim Jabusch: \u201eIn Hohenlockstedt findet die umfassendste Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Schleswig-Holstein statt. Wir werden die Ausstellung auch als Schulprojekt anbieten und Schulen in ganz Schleswig-Holstein informieren.\u201c (nachzulesen unter: <a href=\"http:\/\/www.shz.de\/lokales\/norddeutsche-rundschau\/voelkerverstaendigung-ueber-grenzen-id3871866.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.shz.de\/lokales\/norddeutsche-rundschau\/voelkerverstaendigung-ueber-grenzen-id3871866.html<\/a>)<\/p>\n<p>Soll das so weitergehen? Nein, diese Zust\u00e4nde m\u00fcssen ein Ende finden. Es muss endlich offen ausgesprochen werden: Der Kaiser ist nackt. Die Traditionspflege in Hohenlockstedt ist militaristisch. Sie verschweigt Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie liefert ein Zerrbild der historischen Aufarbeitung von B\u00fcrgerkrieg und II. Weltkrieg in Finnland. Sie liegt inhaltlich und methodisch weit unter den Mindestanforderungen an politische Bildung in einem demokratischen Gemeinwesen und hat an Schulen schon gar nichts zu suchen. Sie ist offen f\u00fcr rechtsradikales Gedankengut.<\/p>\n<p>Der Kulturverein und das von ihm betreute Hohenlockstedter Museum haben sich der historischen Wahrheit zu stellen. Die \u00f6rtlichen politischen Parteien d\u00fcrfen die Verlogenheit des \u201eFinnentages\u201c in seiner derzeitigen Form nicht weiter durch ihre Teilnahme st\u00fctzen. Gleiches gilt f\u00fcr die Bundeswehr und die finnische Botschaft, die mit ihrer j\u00e4hrlichen Beteiligung am \u201eFinnentag\u201c und ihrer Parteinahme f\u00fcr dessen einseitige Geschichtspropaganda ihren Verpflichtungen gegen\u00fcber der pluralen finnischen Gesellschaft nicht gerecht werden. Die Geschichte Finnlands und der finnisch-deutschen Beziehungen ist reich an packenden Entwicklungen und Problemstellungen \u2013 sie hat eine bessere Vermittlung verdient. Das w\u00fcrde auch der Gemeinde Hohenlockstedt nutzen.<\/p>\n<p><em>*** Bildquelle: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Finnish_SS_volunteers_in_Gross_Born.jpg\" target=\"_blank\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Finnish_SS_volunteers_in_Gross_Born.jpg<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in diesem Jahr treffen sich im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt deutsche und finnische Milit\u00e4rs, um ihre gemeinsamen Kampftraditionen abzufeiern. Am 1. 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