{"id":25937,"date":"2013-10-13T15:29:58","date_gmt":"2013-10-13T13:29:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=25937"},"modified":"2013-10-13T18:38:15","modified_gmt":"2013-10-13T16:38:15","slug":"fragmentarische-ueberlegungen-zur-bedeutung-des-zinsverbots-fuer-den-modernen-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/fragmentarische-ueberlegungen-zur-bedeutung-des-zinsverbots-fuer-den-modernen-antisemitismus\/","title":{"rendered":"Fragmentarische \u00dcberlegungen zur Bedeutung des Zinsverbots f\u00fcr den modernen Antisemitismus"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-25941\" alt=\"WordleAntisemitismus\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/WordleAntisemitismus.jpg\" width=\"512\" height=\"265\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/WordleAntisemitismus.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/WordleAntisemitismus-300x155.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><em>(Der vorliegende Beitrag von <a href=\"http:\/\/www.jurga.de\/1.html\" target=\"_blank\">Dr. Werner Jurga<\/a> erweitert den gestern erschienenen Artikel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=25921\" target=\"_blank\">Auf schmalem Grat: Antisemitismus im Briloner Anzeiger?<\/a>&#8220; um einige allgemeine Erl\u00e4uterungen, \u00dcberlegungen und Hinweise.)<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Theokratie wollte den Siegeszug des Kapitalismus von Beginn an verhindern und ist mit ihm \u2013 bei aller Kumpanei \u2013 bis heute nicht so richtig warm geworden. W\u00e4re es ihr gelungen, die Herausbildung eines Bankensystems zu verhindern, Kreditketten erst gar nicht entstehen zu lassen: der Kapitalismus h\u00e4tte sich nicht herausbilden k\u00f6nnen. Eine moderne Welt w\u00e4re verhindert worden. H\u00e4tte, h\u00e4tte, Fahrradkette? Ein theoretisches Hirngespinst?<\/strong><\/p>\n<p>In einem Sechstel der Welt sehen wir, dass dies tats\u00e4chlich so funktioniert. In der islamischen Welt. Das Zinsverbot \u201egilt\u201c &#8211; jedenfalls theologisch. Wie gesagt: es f\u00fchrte zu weit, dies im einzelnen zu analysieren. All die \u201eUmgehungstatbest\u00e4nde\u201c und Sonderf\u00e4lle. Die T\u00fcrkei, ein so gut wie entwickeltes kapitalistisches Land \u2013 in dem westliche Konzerne sogar Autos bauen lassen. Die \u00f6lreichen Theokraten auf der arabischen Halbinsel. Das vor\u00fcbergegangene Erbl\u00fchen des Libanon.<\/p>\n<p>Insgesamt kann aber gesagt werden, dass das in der islamischen Welt (irgendwie) existierende Zinsverbot zu einer umfassenden und verheerenden \u00f6konomischen Entwicklungsblockade gef\u00fchrt hat und f\u00fchrt. Ein gigantisch gro\u00dfes sozialistisch-kommunistisches Staatensytem mit einem de-facto-Zinsverbot nach innen bricht trotz wenig zimperlicher polizeistaatlicher F\u00fchrung zusammen, weil die wenig attraktive s\u00e4kulare Herrschaftsideologie <em>nicht<\/em> die \u00f6konomische Entwicklungsblockade zu legitimieren vermag.<!--more--><\/p>\n<p>Allah war und ist da st\u00e4rker. Der strafende, erbarmungslose Gott, der die Gl\u00e4ubigen in Unm\u00fcndigkeit und Angst h\u00e4lt, und sich darum k\u00fcmmert, dass sie ihr Begehren nach allem M\u00f6glichen, besonders aber danach, Geld verdienen zu wollen, im doppelten Wortsinne \u201ezu handeln\u201c, bereitwillig selbst unterdr\u00fccken \u2013 herrscht noch heute in der islamischen Welt. Er hatte auch im Mittelalter im christlichen Europa das Regiment gef\u00fchrt&#8230; und in langen, schweren K\u00e4mpfen verloren. Nicht der einzige, aber der entscheidende Punkt war, dass die Juden das Zinsverbot faktisch ausgehebelt hatten.<\/p>\n<p>Die Herrschenden hatten diese \u2013 aus unserer heutigen Sicht \u2013 polit-\u00f6konomische Binse schlichtweg untersch\u00e4tzt. Erstens, weil sie keinen Begriff davon hatten, was Kapitalismus und b\u00fcrgerliche Gesellschaft \u00fcberhaupt sein k\u00f6nnten, und dass es so etwas &#8211; von dem sie keinerlei Vorstellungen haben konnten &#8211; \u00fcberhaupt jemals geben k\u00f6nnte. Verglichen damit sind die heutigen muslimischen Theokraten echt im Vorteil.<\/p>\n<p>Zweitens, sozusagen die andere Seite der Medaille: man glaubte wirklich selbst daran, dass die Juden, denen das Himmelreich ohnehin versperrt bleiben w\u00fcrde, \u201csich die Finger schmutzig machen\u201c, w\u00e4hrend man selbst enorm von der Etablierung eines Kreditsystems profitierte: a) die Wirtschaft floriert, b) man selbst kommt trotzdem in den Himmel, c) an den absehbaren und, wie wir wissen, unvermeidbaren \u201esozialen H\u00e4rten\u201c der Entwicklung \u201eauf Pump\u201c (hierzulande noch heutzutage politisch-korrekter Sprachgebrauch) ist der Jude schuld, der d) als geschlossene Gruppe in Erscheinung tritt, die sichtbar, b\u00f6se und anders ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Dieser<\/span> relativ moderne Antisemitismus hatte f\u00fcrs \u201enation-building\u201c eine wichtige, ja fundamental bedeutsame Funktion: die Konstituierung der b\u00fcrgerlichen Nation gegen die Juden. Der Begriff \u201eNation\u201c <em>muss<\/em> definiert, also abgegrenzt werden. Es <em>kann<\/em> nur ein \u201eWir\u201c geben, wenn es \u201eAndere\u201c gibt. Die \u201eAnderen\u201c m\u00fcssen aber sichtbar sein; Erz\u00e4hlungen und \/ oder zuf\u00e4llig auftauchende Einzelne reichen nicht aus, um einen kollektiven Mythos der Identit\u00e4t begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Begriffe wie \u201eFranzosen\u201c, \u201ePolen\u201c, \u201eSchweden\u201c hatten, je l\u00e4nger der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg zur\u00fcckgelegen hatte, zunehmend ihren realen Charakter verloren. Geschichten aus grauer Vorzeit \u00fcber \u201efar far away\u201c. Dem einfachen Volk w\u00e4ren weite Reisen in friedlicher Absicht dorthin, was wir heute \u201eAusland\u201c nennen w\u00fcrden, schon aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden unm\u00f6glich und unvorstellbar gewesen.<\/p>\n<p>Juden dagegen gab es wirklich. Und sie waren wirklich anders. Viele der Sichtbaren waren relativ wohlhabend, weil sie \u00c4rzte waren oder Gesch\u00e4fte machten. Das Eine wie das Andere \u2013 teilweise bitter n\u00f6tig und segensreich, immer aber undurchschaubar, mysteri\u00f6s und riskant. Will hei\u00dfen: wenn etwas schief ging, ziemlich unerfreulich f\u00fcr die Patienten oder Kunden.<\/p>\n<p>Die Juden waren insofern pr\u00e4destiniert, die f\u00fcr den Prozess des \u201enation-building\u201c gleichsam unabdingbare Rolle des inneren Feindes einzunehmen. Schlie\u00dflich standen die gesellschaftlichen Funktionen, also die \u201eBerufe\u201c, in die \u201eder Jude\u201c durch jahrhundertelange Ausgrenzung und Diskriminierung abgedr\u00e4ngt worden war, mit der Entwicklung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft scheinbar \u201ehoch im Kurs\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDer Jude\u201c hatte &#8211; tats\u00e4chlich oder vermeintlich \u2013 das, was in der <em>neuen<\/em> Gesellschaft die Geheimnisse sozialer Stellung bzw. Aufstiegs waren: Geist und\/oder Geld. Mithin die beiden Attribute, nach denen der \u201ekleine Mann auf der Stra\u00dfe\u201c sich nur sehnen und von denen der zu Stand und Status gekommene B\u00fcrger nie genug bekommen konnte.<\/p>\n<p>Der Zerfall und schlie\u00dflich die Aufhebung des christlichen Zinsverbots zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnten nichts daran \u00e4ndern, dass die gesamte \u2013 in heutiger Sprache formuliert &#8211; Kreditwirtschaft von Juden dominiert wurde. Damit war garantiert, dass auch nach Beendigung des \u201enation-building\u201c-Prozesses der Antisemitismus nicht nur auf christliche Mythen und s\u00e4kulare Verschw\u00f6rungslegenden zur\u00fcckgreifen konnte, sondern scheinbar auch eine reale \u00f6konomische Basis hatte.<\/p>\n<p>Dr. Werner Jurga<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Der vorliegende Beitrag von Dr. Werner Jurga erweitert den gestern erschienenen Artikel &#8222;Auf schmalem Grat: Antisemitismus im Briloner Anzeiger?&#8220; um einige allgemeine Erl\u00e4uterungen, \u00dcberlegungen und Hinweise.) 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