{"id":25921,"date":"2013-10-12T17:58:04","date_gmt":"2013-10-12T15:58:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=25921"},"modified":"2013-10-13T15:10:20","modified_gmt":"2013-10-13T13:10:20","slug":"auf-schmalem-grat-antisemitismus-im-briloner-anzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/auf-schmalem-grat-antisemitismus-im-briloner-anzeiger\/","title":{"rendered":"Auf schmalem Grat: Antisemitismus im Briloner Anzeiger?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_25923\" aria-describedby=\"caption-attachment-25923\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a title=\"Stichwort der Woche\" href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/lt_Schnellen20131008.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-25923\" title=\"Stichwort der Woche\" alt=\"lt_Schnellen20131008\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/lt_Schnellen20131008.jpg\" width=\"258\" height=\"167\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/lt_Schnellen20131008.jpg 1024w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/lt_Schnellen20131008-300x193.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 258px) 85vw, 258px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-25923\" class=\"wp-caption-text\">Das Stichwort der Woche vom 9. Oktober 2013<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>In seinem \u201e<a href=\"http:\/\/www.brilon-totallokal.de\/m.php?id=752\" target=\"_blank\">Stichwort der Woche<\/a>\u201c hatte sich der Briloner Anzeiger vom 9. Oktober 2013 die \u201e<a href=\"http:\/\/www.brilon-totallokal.de\/m.php?id=752\" target=\"_blank\">Bankenmoral<\/a>\u201c vorgekn\u00f6pft.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Ein Beitrag von Dr. Werner Jurga und zoom)<\/em><\/p>\n<p>Vorweg: Norbert Schnellen, der Autor dieses Textes, ist ein Journalist, dessen Arbeit einen wertvollen Beitrag zur demokratischen \u00d6ffentlichkeit in Brilon darstellt. Das ist f\u00fcr ein Anzeigenblatt nicht selbstverst\u00e4ndlich. Kapitalismuskritik im allgemeinen und insbesondere Kritik an der Rolle der Banken in der heutigen Zeit ist nicht nur zul\u00e4ssig, sondern dringend geboten. Schnellens \u201eStichwort\u201c zur \u201eBankenmoral\u201c ist jedoch ein Artikel voller innerer Widerspr\u00fcche, der einen \u00fcblen Nachgeschmack hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Nun kommen in Norbert Schnellens Artikel Juden nicht einmal vor. Jedenfalls nicht direkt. Insofern l\u00e4sst er sich nicht als \u201eantisemitisch\u201c bezeichnen. Es ist ein im Grunde leicht verst\u00e4ndlicher Text \u2013 f\u00fcr ein an alle Haushalte verteiltes Anzeigenblatt vermutlich recht \u201eschwerer\u201c &#8211; Artikel, der gegen den Zins, das Zinssystem, \u201edie Banken\u201c zu Felde zieht.<\/p>\n<p>Allerdings: jedes Gezeter gegen den \u201eFinanzkapitalismus\u201c ist im Kern judenfeindlich. Besonders unangenehm st\u00f6\u00dft im Anzeiger-\u201cStichwort\u201c auf, dass Schnellen \u2013 nach der Einleitung (moralisierend) \u2013 ausschlie\u00dflich historisch und religi\u00f6s argumentiert.<\/p>\n<p>Erstens ist dies der Sumpf, auf dem die \u00fcbelsten \u201eBl\u00fcten\u201c gedeihen k\u00f6nnen. Und zweitens redlich Beleg daf\u00fcr, dass Schnellen sich intensiv genug mit der Sache befasst hat, um zu wissen, dass das aus dem christlichen Zinsverbot erwachsene Berufsverbot f\u00fcr Christen dem Monopol der Juden in der Finanzbranche den Weg geebnet und damit die Massenbasis f\u00fcr jeglichen Antisemitismus bereitet hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wei\u00df Schnellen das! Der gesch\u00e4tzte Norbert Schnellen steht politisch links. Vielleicht auch nur ein bisschen links, zumal in so einem K\u00e4seblatt nicht mehr m\u00f6glich ist. Im Herzen empfindet er sich jedoch als sehr links; und in der Tat: Kapitalismus ohne Zins w\u00e4re so etwas wie ein Puff ohne Huren. Geht nicht. Ende. Voll die Revolution. (Verzichten wir hier einmal auf die Analyse der \u201eUmgehungstatbest\u00e4nde\u201c in islamischen L\u00e4ndern oder in muslimisch-kompatiblen Investmentfonds).<\/p>\n<p>Der Zins ist der Preis des Geldes. Im Kapitalismus hat alles seinen Preis, erst recht Geld. Wenn Geld keinen Preis mehr h\u00e4tte, \u201epreislos\u201c w\u00e4re, also wertlos, ja dann \u2026 w\u00e4re der Kapitalismus kaputt. Mein Gott, wie links! Wo das Leben an sich so kumpelig sein k\u00f6nnte, wenn die Menschen nicht vom Zinskapitalismus ausgebeutet w\u00fcrden. Und Schnellen wei\u00df nat\u00fcrlich, dass die \u201eOstk\u00fcste\u201c fest in j\u00fcdischer Hand ist, und dass Goldman und Sachs (wie Kissinger) nicht einfach nur Franken, sondern ganz bestimmte Franken waren.<\/p>\n<p>Der gesch\u00e4tzte Norbert Schnellen wei\u00df freilich auch, dass man das nicht sagen darf. \u201eMan darf ja nichts sagen\u201c, st\u00f6hnt das schlichte Volk, dessen vermeintliche Befreier mit der Parole dagegen k\u00e4mpfen: \u201eMan muss doch in Deutschland wohl noch sagen d\u00fcrfen, dass&#8230;\u201c &#8211; Schnellen will mit so etwas nicht in Verbindung gebracht werden. Deswegen flechtet er zwischen all die Kirchentheoretiker und P\u00e4pste zu Beginn und dem christlichen Gottessohn am Ende den Religionsstifter Moses h\u00f6chstselbst ein. Zitat aus dem 5. Buch Mose: ein lupenreines, absolutes Zinsverbot.<\/p>\n<p>Dieser Verweis stellt im Grunde eine besondere Abgeschmacktheit dar. Denn erstens: soll jetzt noch jemand kommen und \u201eAntisemitismus\u201c schreien! Absurd. Wer sich auf den Gr\u00fcndungsvater des mosaischen Glaubens bezieht, kann \u00fcberhaupt nichts gegen das Judentum haben. Zweitens ahnen wir somit, dass die Juden ihren eigenen Glauben verraten, dass eine religi\u00f6se Motivlage ihnen fremd ist, ihr Handeln allein der Profitgier geschuldet ist.<\/p>\n<p>Es scheint, als sei der Verweis auf Moses keineswegs unangemessen, weil direkt danach ja auch unserer Herr Jesus angef\u00fchrt wird. Allein: der hatte gar kein Zinsverbot erlassen. \u201eDer st\u00e4rkste Gegner von Bankgesch\u00e4ften\u201c, sehr h\u00fcbsch geschrieben vom Schnellen, Achtung: \u201eim kirchlichen Bereich\u201c, unser Gottessohn. Ja, er hat sich M\u00fche gegeben, der Norbert Schnellen. Er selbst weist richtigerweise darauf hin, dass erst der katholische Klerus gut tausend Jahre sp\u00e4ter das Zinsverbot eingef\u00fchrt hatte. Also lange vor der von ihm angef\u00fchrten Enzyklika Mitte des 18. Jahrhunderts, doch kurz vor seinem Ende wurde damit noch einmal richtig Ernst gemacht.<\/p>\n<p>Ideologischer Klassenkampf der Kirche zugunsten des Adels gegen das aufstrebende B\u00fcrgertum. Der Dritte Stand wurde immer reicher, konnte alles M\u00f6gliche kaufen &#8211; Immobilien, Grundst\u00fccke, ja sogar Adelstitel. Das Ende vom Lied: Kapitalismus, b\u00fcrgerliche Revolutionen \u2013 der Adel in die Karrierenetzwerke und die Frauenzeitschriften verbannt, die Kirche kastriert, Eunuchen f\u00fcr and\u00e4chtigen Firlefanz und Sozialdienstleister.<\/p>\n<p>Im Grunde, da hat Norbert Schellen im \u201eBriloner Anzeiger\u201c nicht ganz Unrecht, k\u00f6nnen Banken gar nicht moralisch sein. Sie k\u00f6nnen, was sie \u201enach der Finanzkrise\u201c tats\u00e4chlich gemacht haben, sich selbst einen \u201eVerhaltenskodex\u201c auferlegen, mit dem sie ihre \u201emoralischen Standards\u201c \u00f6ffentlich erkl\u00e4ren und sich daran messen lassen. Sie k\u00f6nnen, was sie ebenfalls tats\u00e4chlich gemacht haben, ihre Kreditvergabe restriktiver gestalten.<\/p>\n<p>Was sie aber nicht machen k\u00f6nnen, auf die ihnen zustehenden oder von ihnen ins Auge gefassten Zinsertr\u00e4ge zu verzichten. Banken sind Kreditinstitute. Geld zu verleihen, ist ihr Gesch\u00e4ftsmodell bzw. sollte ihr Gesch\u00e4ftsmodell sein. Es wird doch zu Recht kritisiert, dass die Institute gegenw\u00e4rtig ihr \u201eklassisches \u201eGesch\u00e4ft\u201c herunterfahren und stattdessen den Gro\u00dfteil ihrer Profite in sog. \u201eEigenhandel\u201c realisieren &#8211; \u201edie Banken, die sich in der heutigen Zeit schon lange nicht mehr als Spar- und Kreditinstitute verstehen\u201c (Schnellen).<\/p>\n<p>Ein auch in sich ziemlich wirres Zeug, dieses \u201eStichwort der Woche\u201c \u00fcber die \u201eBankenmoral\u201c. Schnellen ahnt, dass genau dieser (verwerfliche) \u201eEigenhandel\u201c auch unter den Bedingungen eines Zinsverbots gut m\u00f6glich ist \/ w\u00e4re. Es ist bemerkenswert, dass Schnellen nicht einmal den kleinsten Hinweis gibt, dass der Kredit, also auch der Zins, eine \u00f6konomische Funktion haben k\u00f6nnte. Was gesch\u00e4he eigentlich, wenn das alles weg w\u00e4re? Wenn sich kein H\u00e4uslebauer, wenn sich kein Bauer, kein Handwerker irgendwo Geld leihen k\u00f6nnte? Es sei denn als zinsloses Darlehen&#8230; &#8211; ulkiger Gedanke.<\/p>\n<p>Es ist nicht weiter bemerkenswert, dass Schnellen \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt, dass sich in Deutschland \u201edie Banken in der heutigen Zeit\u201c fast ausnahmslos ganz oder teilweise in \u00f6ffentlichem Eigentum befinden. Sparkassen, Volksbanken und selbst die laut Werbung neue und ganz andere Bank, die \u201enicht mehr so weitermacht\u201c, die Commerzbank. Einzige Ausnahme: die Deutsche Bank, der wiederum die Postbank geh\u00f6rt, von der man es erstens nicht annimmt und die zweitens ein besonders \u201ekleinkundenfreundliches\u201c Image hat.<\/p>\n<p>Schnellens \u201eStichwort der Woche\u201c ist nicht antisemitisch? Aber es bietet ein gewisses Potenzial. Sein gesamter Aufbau, die gesamte Argumentation zur \u201eBankenmoral\u201c bliebe ohne den das Judentum betreffenden Impuls letztlich unbegreiflich. Dennoch lie\u00dfe sich ein Antisemitismus-Vorwurf nicht seri\u00f6s und solide begr\u00fcnden. Was w\u00e4re dann mit den regelm\u00e4\u00dfig fabrizierten Texten diplomierter oder promovierter \u00d6konomen, die die \u00f6konomische Sinnhaftigkeit und moralische Unbedenklichkeit der Zinsen darlegen. W\u00e4ren die dann \u201ephilosemitisch\u201c? Oder gar \u201eislamophob\u201c? Absurd.<\/p>\n<p>Absurd ist aber auch, dass Schnellen einerseits zu Beginn die Banken wieder \u201eals Spar- und Kreditinstitute verstehen\u201c will und etwa die \u2013 zinsunabh\u00e4ngige &#8211; \u201eSpekulation mit Lebensmittelpreisen\u201c als \u201egro\u00dfteils f\u00fcr den Hunger in der Welt verantwortlich\u201c gei\u00dfelt, andererseits aber aus seinen religionsgeschichtlichen Darlegungen ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Zinsverbot ableitet. Hirnrissig ja, aber nicht antisemitisch?<\/p>\n<p>Dr. Werner Jurga \/ zoom<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem \u201eStichwort der Woche\u201c hatte sich der Briloner Anzeiger vom 9. 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