{"id":25874,"date":"2013-10-09T22:02:30","date_gmt":"2013-10-09T20:02:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=25874"},"modified":"2013-10-09T22:02:30","modified_gmt":"2013-10-09T20:02:30","slug":"einwurf-meint-integration-anpassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/einwurf-meint-integration-anpassung\/","title":{"rendered":"Einwurf: Meint Integration Anpassung?"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-25875\" alt=\"wordleHermes20131009\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/wordleHermes20131009.jpg\" width=\"512\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/wordleHermes20131009.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/wordleHermes20131009-300x149.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><strong>Es ist eine ganz alte Geschichte, dass Einwanderung immer auch die Gesellschaft ver\u00e4ndert, in die eingewandert wird. Auch unsere Vorfahren, die auswandern mussten, haben die Gesellschaften ver\u00e4ndert, in die sie eingewandert sind.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Ein Gastbeitrag von Michael Hermes, Meschede und Dortmund)<\/em><\/p>\n<p>Das ist v\u00f6llig normal und auch v\u00f6llig in Ordnung, weil es zutiefst menschlich ist. Als Einwanderer tragen wir unsere sch\u00f6nsten Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in uns, die von uns \u2013 wenigstens im R\u00fcckblick \u2013 oft als weniger entfremdet gesehen wird als das Erwachsenenleben. Diese Erinnerungen sind mit Sprache, Liedern, Ger\u00fcchen und Essen, Kleidung und Bildern verbunden.<\/p>\n<p>Wer kennt das nicht, dass ihm ein L\u00e4cheln \u00fcbers Gesicht huscht und er sich gleich ein bisschen wohler f\u00fchlt, wenn er bei einem l\u00e4ngeren Aufenthalt in der Fremde, zum Beispiel in einem langen Urlaub, die Sprache aus seinem Dorf erkennt? Wenn ein Lied aus seiner Kindheit anklingt, er einen Geruch aus Kindertagen wahrnimmt oder auf Facebook ein Bild aus den Siebzigern sieht? Die sozialen Netzwerke im Internet sind voll von wohligen Kommentaren im Angesicht solcher Bilder aus der Kindheit und Jugend der Nutzerinnen und Nutzer. Wer ein bisschen f\u00fcr sich sorgen m\u00f6chte, der kultiviert solcherlei. Wer ein bisschen verstanden hat, wie sch\u00f6n und unersetzlich das sein kann, und wer die Menschen liebt, l\u00e4sst auch andere das Ihre kultivieren.<\/p>\n<p><strong>Bed\u00fcrfnisse und Strategien<\/strong><\/p>\n<p>Menschen, die in andere Gesellschaften einwandern, bringen neben den Erinnerungen, die ihre Identit\u00e4t ausmachen, auch Bed\u00fcrfnisse mit (z. B. nach Schutz, Entwicklung und sozialer Anerkennung, nach \u201eGeborgenheit\u201c). Die Bed\u00fcrfnisse sind dabei zu ihrer Erf\u00fcllung zun\u00e4chst noch an bestimmte, bew\u00e4hrte Strategien gebunden. Zum Beispiel an das Leben im Familienverband, an die Einbindung in eine Religionsgemeinschaft, Wohnen im gleichen Dorf oder Viertel, Heirat und Familiengr\u00fcndung etc.<\/p>\n<p>Es gibt L\u00e4nder \u2013 und ich f\u00fcrchte, es ist die gro\u00dfe Mehrzahl der L\u00e4nder \u2013 da gibt es eben noch keine wirksamen, gemeinschaftlich organisierten Sicherungssysteme, oder es gibt sie nicht mehr. Keine gut funktionierende Gesundheitsvorsorge, kein ausgekl\u00fcgeltes staatliches Bildungs- und Sozialsystem zum Schutz vor Armut, keine Polizei und Justiz zum Schutz vor Kriminalit\u00e4t, die unterschiedslos jedem verpflichtet w\u00e4ren. In solchen L\u00e4ndern mit quasi \u201evormodernen\u201c Gesellschaftsformationen sch\u00fctzt die Familie \u2013 und NUR die Familie \u2013 vor Armut und Kriminalit\u00e4t. Aus solchen Strukturen, aus solchen Traditionen her kommt das vielzitierte \u201eIch hol&#8216; meine Br\u00fcder!\u201c<\/p>\n<p>Das funktioniert zun\u00e4chst mal, und darauf kommt es im Bedrohungsfalle an. In manchen L\u00e4ndern, wo es keinen Sicherheitsapparat gibt oder er nur den Reichen hilft, ist eine Familie, die im Konfliktfall auch wirksam als Kampfformation auftritt, das Einzige, was funktioniert, um seine Leute vor Gewalt, Betrug, Ausbeutung oder \u00fcbler Nachrede zu sch\u00fctzen. Wenn das auch im Einwanderungsland als wirksam erlebt wird, h\u00e4lt man zun\u00e4chst daran fest.<\/p>\n<p><strong>Rolle der Religion<\/strong><\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach \u201eGeborgenheit\u201c, nach gesch\u00fctzter Entwicklung und Anerkennung, kann ebenfalls in der Familie befriedigt werden, denn es funktioniert nur mit einem Gegen\u00fcber, das dauerhaft da ist, mich zun\u00e4chst einmal annimmt wie ich bin und dann wachsen l\u00e4sst. Wird der Mensch \u00e4lter, kann eine Religionsgemeinschaft an die Stelle der Familie treten, wenn die sonstige Umgebungsgesellschaft das nicht vermag. Es gibt L\u00e4nder, da gibt es eben keine freien Parteien, Gewerkschaften, Vereine etc., in denen ich mich entwickeln, Anerkennung erwerben und irgendwann einmal Verantwortung \u00fcbernehmen kann.<\/p>\n<p>Ich spreche jetzt mal als Arbeitsmigrant aus dem Sauerland: Dort gibt es immer noch katholische Milieus, in denen der Pfarrer entscheidet, was die Gemeinde von der Kanzel zu h\u00f6ren bekommt, und wo er auch in Vereine wie Kolping, KAB, Caritas, Pfadfinder etc. und in Parteien hineinwirkt. Diese Leute sorgen f\u00fcr sich und f\u00fcr einander, und das ist erstmal auch in Ordnung so.<\/p>\n<p>Die Anerkennung durch Religion hat allerdings den potenziellen Nachteil, dass sie auf Gegenseitigkeit beruht: Das religi\u00f6se Milieu erkennt mich an, wenn ich auch seine Regeln anerkenne. Und die k\u00f6nnen erheblich von denen einer modernen Gesellschaft abweichen. Nicht zuf\u00e4llig gibt es bei den Katholiken die sogenannten Sakramente, Taufe, Kommunion, Firmung, Eheschlie\u00dfung etc. bis zur Krankensalbung, die daf\u00fcr sorgen, dass der Mensch im Laufe seines Lebens immer wieder an die Regeln der Religionsgemeinschaft gemahnt, gleichsam \u201ebei der Stange gehalten\u201c und im Falle der Regelverletzung mit sozialer \u00c4chtung bedroht wird.<\/p>\n<p>Der Preis f\u00fcr die Anerkennung durch das Kollektiv ist also ein Verlust an individueller Freiheit. Eine Formation, auf die der Einzelne nur einen sehr begrenzten Einfluss hat, kontrolliert mit Lockungen und Drohungen das Leben des Einzelnen. Im Idealfall zum gegenseitigen Nutzen, denn man bekommt ja auch allerhand daf\u00fcr. Und mancher, der keinen allzu starken Freiheitsdrang besitzt, f\u00fcgt sich drein und lebt recht gut damit. Das ist bei muslimischen Milieus der Funktion nach dasselbe wie bei katholischen, bei den bew\u00e4hrten Klan-Strukturen von \u201eZigeunern\u201c dasselbe wie bei politischen Parteien.<\/p>\n<p>Solche Strukturen sind nicht \u201egut\u201c oder \u201eschlecht\u201c. Sie sind schlicht n\u00f6tig und werden deswegen immer und \u00fcberall entstehen, wo die Bed\u00fcrfnisse der Menschen anders nicht befriedigt werden. Der Kirchturm und das Minarett, welche die Umgebung \u00fcberblicken und vor Feinden warnen halfen; die Wagenburg der \u201eZigeuner\u201c in S\u00fcdfrankreich oder der ausgewanderten Westfalen in Nordamerika zum Schutze gegen angreifende Ureinwohner; das ethnisch homogene Wohnviertel in der Gro\u00dfstadt eines Einwanderungslandes \u2013 sie haben alle dieselbe Funktion der Steuerung nach innen und des Schutzes gegen au\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Freiheit? Mit Sicherheit<\/strong><\/p>\n<p>Wer die vormodernen, undemokratischen, freiheitsberaubenden und auf Unterdr\u00fcckung konkurrierender Kollektive gerichteten Strukturen, die sich darunter befinden m\u00f6gen, durch moderne, entwicklungsf\u00e4hige, demokratische Strukturen ersetzen will, welche dieselben Bed\u00fcrfnisse befriedigen, dabei aber mehr Freiheit gew\u00e4hren und niemanden unterdr\u00fccken oder vernichten wollen, der sollte nicht jammern und klagen, sondern solche Strukturen entwickeln bzw. erhalten und den Menschen funktionierende Angebote machen. Wenn es gelingt, die Bed\u00fcrfnisse der Menschen nach Schutz, \u00f6konomischem Wohlstand und sozialer Anerkennung zu befriedigen und ihnen gleichzeitig ein hohes Ma\u00df an individueller Freiheit und Selbstbestimmung zu belassen, werden sich viele f\u00fcr die Freiheit entscheiden \u2013 f\u00fcr die eigene Freiheit und f\u00fcr die Freiheit der Anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine ganz alte Geschichte, dass Einwanderung immer auch die Gesellschaft ver\u00e4ndert, in die eingewandert wird. 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