{"id":2381,"date":"2009-02-24T16:59:29","date_gmt":"2009-02-24T15:59:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=2381"},"modified":"2020-01-18T23:25:25","modified_gmt":"2020-01-18T22:25:25","slug":"mexico-city-sechster-tag-heuschrecken-verkehr-und-der-guru-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/mexico-city-sechster-tag-heuschrecken-verkehr-und-der-guru-spricht\/","title":{"rendered":"Mexico City &#8211; Sechster Tag: Heuschrecken, Verkehr und der Guru spricht"},"content":{"rendered":"<p><em>Jeder lese, solange es f\u00fcr ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben.<\/em><br \/>\n<em> (Spr\u00fcche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters)<\/em><\/p>\n<h3>Donnerstag, der 5. Februar 2009<\/h3>\n<figure id=\"attachment_2384\" aria-describedby=\"caption-attachment-2384\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2384\" title=\"\u00dcber der Joggingstrecke im Chapultepecpark\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/chapultepec01.jpg\" alt=\"\u00dcber der Joggingstrecke im Chapultepecpark\" width=\"420\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/chapultepec01.jpg 420w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/chapultepec01-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2384\" class=\"wp-caption-text\">\u00dcber der Joggingstrecke im Chapultepecpark<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Heuschrecke steckt phonetisch irgendwie in Chapultepec, aber wie genau, dazu reicht nat\u00fcrlich mein n\u00e1huatl nicht. Heuschrecken a\u00dfen die Azteken und danach Mexikos Volk schon immer, bevor es in gro\u00dfst\u00e4dtischen Szenen hip wurde, Insekten wegen ihrer Proteine als Leckerbissen zu verspeisen. So ist es auch in D.F., wobei diese Speise eher als eine der \u00e4rmeren Schichten gilt. Die Heuschrecke begegnet einem recht oft im und au\u00dferhalb des Stadtbezirkes Miguel Hidalgo, der eben den Chapultepecpark mit einfasst und dessen Logo, die Heuschrecke, auf zig Verwaltungs- Klein-Lkws prangt. Liebe zum Barrio geht eben doch durch den Magen.<br \/>\nHeute bei der Telefongesellschaft Telcel, wo ich mein neues Handy gekauft habe &#8211; ein politisch inkorrektes Nokia, wie mir jetzt gerade beim Schreiben dieser Zeilen auff\u00e4llt &#8211; war im Geb\u00e4ude neben dem Treppenhaus eine Tafel angebracht, wie man sich bei Erdbeben verhalten soll: also, erstens, Ruhe bewahren, zweitens, nicht ans Fenster gehen und sich von Gegenst\u00e4nden entfernen, drittens, \u00e2\u20ac\u00a6 Die Tafel mit den Symbolen erinnert mich an die Verkehrsschilder in Lota bei Concepci\u00f3n im S\u00fcden Chiles, wo auf gelbem Grund in schwarzer Zeichnung mit einer \u00fcber einem fliehenden M\u00e4nnchen zusammenbrechenden Welle vor Tsunamis gewarnt wurde. &#8211; Ein \u00e4hnliches M\u00e4nnchen taucht hier bei den Ampeln auf: Wenn es gr\u00fcn wird, rennt es und wird von einer Sekundenzifferntafeln daneben angez\u00e4hlt, sodass man wei\u00df, wie lange der Verkehr noch geb\u00e4ndigt ist.<\/p>\n<p>Alle Metrostationen haben ein eigenes Symbol, um Fremden die Orientierung zu erleichtern und wohl auch wegen des Analphabetismus, damit sich diese gewi\u00df nicht ganz zu vernachl\u00e4ssigende Bev\u00f6lkerungsgruppe wie alle andern des Segens des \u00f6ffentlichen Verkehrs ungezwungen bedienen kann. Oberhalb der Erde ist es n\u00e4mlich zu den Sto\u00dfzeiten, so 7.30 bis 10.00 Uhr und 17.00 bis 20.00 Uhr freilich kein Zuckerschlecken.<!--more--><\/p>\n<p>Die Defe\u00f1os stehen auch im Ruf weniger auf die Schilder zu achten als z.B. wir Deutschen, was auch absurd w\u00e4re, wo doch in der Capitale jeder f\u00e4hrt, wie er will, was \u00fcbrigens nur auf M\u00e9xico D.F. beschr\u00e4nkt sei, wie mir ein Kollege sagte. Der Defe\u00f1o achtet deshalb nicht auf die Stra\u00dfenschilder, weil er stets die Fahrbahn vor ihm auf Schlagl\u00f6cher absucht, deren Zahl, wie ich finde, vergleichsweise gering ist \u00e2\u20ac\u201c so ist das anekdotische Selbstbild. Die Not, nicht die Teilnahmslosigkeit gegen\u00fcber den Regeln des Zusammenlebens hier im Stra\u00dfenverkehr zwingt die Defe\u00f1os offensichtlich zu einem Wildwestfahrstil, der in sich durchaus folgerichtig ist; immerhin leben ca. 25 Mio. auf einer Stadtfl\u00e4che von einem Viertel Nordrhein-Westfalens.<\/p>\n<p>In Asunci\u00f3n hingegen f\u00e4hrt jeder aus L\u00e4sslichkeit und b\u00e4uerischer Bequemlichkeit so, wie er will: Da sieht man den linken Arm des Familienpapis aus der Camioneta ausgestreckt mit dem Nationalgetr\u00e4nk (dem Tee Yerba Mate) in der guampa (einem Trinkgef\u00e4\u00df aus Stierhorn) in der Faust, gen\u00fcsslich an der Bombilla (dem Strohhalm) saugend, mit der rechten Hand wird selbstverst\u00e4ndlich telefoniert, w\u00e4hrend der Wagenlenker mit 20 km\/h die Kurve der Hauptkreuzung der Stadt mit den Knieen noch gerade so mit Bordsteingeratsche kriegt, w\u00e4hrend Familie und Hausangestellte drau\u00dfen auf der Ladefl\u00e4che auch die guampa kreisen lassen.<\/p>\n<p>Subtropische Gem\u00fctlich- und Beh\u00e4bigkeit wird man in D.F. nicht finden, eher schon legeres Fahren auch mit Machoattit\u00fcde, selten allerdings draufhalten oder Arroganz des Fahrers, der \u00e2\u20ac\u017ehoppla, hier komm ich\u00e2\u20ac\u0153 seine Profilneurose am Lenkrad ausleben muss. Es geht insgesamt auch sagenhaft ruhig ab, hupen kommt nur selten vor, wie \u00fcberhaupt die Defe\u00f1os in meiner zeitlich bedingten oberfl\u00e4chlichen Beobachtung ein sehr freundlicher, bem\u00fchter und h\u00f6flicher Menschenschlag ist. Heute habe ich drei Fliegen mit drei Klappen geschlagen. Zun\u00e4chst zeigte mir einer meiner neuen Kollegen Autoh\u00e4user in einem Barrio im Westen der Stadt, Reneault, Ford, Nissan, Toyota und Chevrolet, wonach ich mich f\u00fcr den Nuevo Chevy, unseren hiesigen Ford Corsa, entschied, den ich n\u00e4chste Woche samt Klimaanlage und Radio kaufen werde.<\/p>\n<p>Danach ging\u00e2\u20ac\u2122s mit meiner Maklerin wieder durch die Stadt. Sie konnte meine anvisierte Wohnung in Polanca auf 13.000 Pesos, ca. 705 Euro, herunterhandeln, woraufhin ich zusagte. Nun habe ich gegen Ende der Woche Wohnung und Handy und das Auto fast komplett. Meine Maklerin, die aus einem Appartement in der Roma Norte noch die Schl\u00fcssel abholen musste, da ich es mir heute eigentlich nochmals hatte angucken wollen, bevor klar war, dass der Preis f\u00fcr Polanca gedr\u00fcckt werden kann \u00e2\u20ac\u201c die Wahl fiel mir schwer, denn die Wohnung in Roma Norte lockte mit Berliner Altbau mit Parkett und war sehr sch\u00f6n m\u00f6bliert, aber zu laut und verkehrstechnisch um einiges ung\u00fcnstiger zur Arbeit gelegen \u00e2\u20ac\u201c meine Maklerin also er\u00f6ffnete mir in der Altbauwohnung, dass von einem der Schlafzimmer eine schlechte Energie ausgehe.<\/p>\n<p>Irgendetwas Schlechtes, gar Schlimmes m\u00fcsse dort passiert sein, weshalb viele Menschen solche Altbauten mieden. Aber auch in neuen H\u00e4usern k\u00f6nne etwas Schreckliches passiert sein, was die Leute meistens nicht bed\u00e4chten, wenn sie vertrauensselig in einen Neubau z\u00f6gen, ohne sozusagen die Seele der Wohnung zu reinigen. Man k\u00f6nnte meinen man sei in Edgar Allen Poes \u00e2\u20ac\u017eHouse of Usher\u00e2\u20ac\u0153 oder einem schlechten Trash-Movie, aber nein, der Schl\u00fcssel zur Energie ist der Maharishi Mahesh Yogi, ein indischer Guru, der vor einem Jahr verstarb. Er und weitere Gef\u00e4hrten seiner Methode der transzendentalen Meditation \u00e2\u20ac\u201c das Wort allein ist schon Mumpitz, denn wie kann etwas empirisch erfahrbar sein, was transzendental sein soll? \u00e2\u20ac\u201c diese Transzendentaliker aber schritten unentwegt zur Tat, zur heldenhaften, zur guten, wahren, sch\u00f6nen, die kolportiert wird: Sie sind es, die den Fall der Berliner Mauer zu verantworten h\u00e4tten. 50 Yogi-Anh\u00e4nger reisten nach Berlin, um dort, na ja, zu meditieren und dann fiel die Mauer ger\u00e4uschlos um.<\/p>\n<p>So geht das in der Weltgeschichte zu und auf die Nachfrage, warum das die \u00d6ffentlichkeit nicht wei\u00df, hei\u00dft es, dass ja gerade in der Stille die Kraft liege. So geht es f\u00fcr die Freunde der Meditation in der Weltgeschichte n\u00e4mlich zu, n\u00e4mlich so, wie sie ihre Meditation praktizieren. W\u00e4re nur jeder Okkultismus so harmlos, wie dieser Aberglaube.<\/p>\n<p>Meine Maklerin isst auch ganz gern bei Scientology, da in deren Resto vegetarische, makriobiotische Gerichte besonders gut und billig seien. Tja, da h\u00f6rt die Harmlosigkeit im Glauben und Aberglauben schon auf.<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrde man eigentlich bei uns auf Leute reagieren, die statt zu McDonald\u00e2\u20ac\u2122s zu Scientology essen gingen. Schrill wie in den 80er Jahren auf McDonald\u00e2\u20ac\u2122s-Esser? &#8211; Sonst w\u00e4re ich in puncto Aberglauben geneigt zu sagen, dass es doch auch etwas Anr\u00fchrendes hat, etwas Vormodernes und von Zeiten von vor der Entzauberung der Welt durch die Ratio, wie man sich vielleicht das 18. Jh. vorzustellen hat, wo jeder nach seiner Fa\u00e7on selig werden sollte und Goethe ein um die andre anr\u00fchrende Anekdote von Glauben und Aberglauben einer verzauberten Welt erz\u00e4hlen konnte.<\/p>\n<p>Jedenfalls hat sich der Guru in einem Interview<a href=\"http:\/\/www.transzendentale-meditation.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> u.a. so ge\u00e4u\u00dfert<\/a> : Jetzt spricht der Guru:<em>Was verstehen Sie unter dem Begriff &#8222;Transzendentales Bewusstsein&#8220;? <\/em>Transzendentales Bewusstsein, ein ruhevoller, stiller, gesammelter Bewusstseinszustand, ist jene Ebene des Lebens, auf der das volle kreative Potential der Naturgesetze lebendig ist und von der aus alle Aktivit\u00e4tsstr\u00f6me in v\u00f6llig geordneter Weise hervorgehen. Es ist das einheitliche Feld aller Naturgesetze. Die Quantentheorie hat entdeckt, dass es ein einziges einheitliches Feld aller Naturgesetze am Grunde aller Kreativit\u00e4t gibt. Wenn man also transzendiert, gelangt man zu jener Ebene der Intelligenz, die Allwissenheit bedeutet. Dies ist Erleuchtung. Spontan beginnt man besser zu denken. Besser bedeutet besser in jeder Weise &#8211; recht f\u00fcr alle, n\u00fctzlich f\u00fcr alle und mit dem Ergebnis unmittelbarer Wunscherf\u00fcllung. Das bedeutet Erleuchtung. \u00e2\u20ac\u00a6\u00e2\u20ac\u0153 \u00e2\u20ac\u201c Das spricht wohl f\u00fcr sich &#8211; und wenn es der eigenen Verarztung und psychischen Hygiene hilft, wer w\u00fcrde den ersten Stein werfen wollen?<\/p>\n<p><em>Teil 7 erscheint Donnerstag um 17 Uhr.<\/em><\/p>\n<h5><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder lese, solange es f\u00fcr ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben. (Spr\u00fcche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters) Donnerstag, der 5. 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