{"id":23578,"date":"2013-05-01T12:28:01","date_gmt":"2013-05-01T10:28:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=23578"},"modified":"2013-05-01T12:50:10","modified_gmt":"2013-05-01T10:50:10","slug":"marion-bei-den-mexis-teil-29-chiapas-auf-den-spuren-der-zappatisten-und-ihres-subcommandante-marcos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/marion-bei-den-mexis-teil-29-chiapas-auf-den-spuren-der-zappatisten-und-ihres-subcommandante-marcos\/","title":{"rendered":"Marion bei den Mexis, Teil 29: Chiapas &#8211; auf den Spuren der Zappatisten und ihres &#8222;Subcommandante Marcos&#8220; &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Artikel ist der <a title=\"Hier schreibt Marion Koerdt \" href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?author=23\" target=\"_blank\">29. Teil einer pers\u00f6nlichen Serie<\/a> \u00fcber das Leben in Mexico und Mexico-City. Heute berichtet unsere Autorin \u00fcber eine Reise nach Chiapas, wo sie unter anderem die Spuren der Zappatisten und ihres &#8222;Subcommandante Marcos&#8220; sucht. Wir w\u00fcnschen viel Spa\u00df beim Lesen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Hola a todos!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Als am 01. Januar 2004 etwa 800 bewaffnete und maskierte M\u00e4nner die Rath\u00e4user von San Cristobal de las Casas und Oconsingo und sieben weiteren Orten im Bundesstaat Chiapas besetzten, wurde die Welt\u00f6ffentlichkeit auf diesen Teil Mexikos aufmerksam.<\/strong> Die Zapatisten \u00fcberfielen die Orte, um auf die brennenden Probleme und die Diskriminierung der indigenen Bev\u00f6lkerung aufmerksam zu machen. Besonders umk\u00e4mpft war Oconsingo. Bei der R\u00fcckeroberung durch die Regierungstruppen gab es viele Tote und dies radikalisierte Teile der Rebellen, die sich im Zapatistischen Nationalen Befreiungsheer (EZLN) organisiert hatten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23580\" aria-describedby=\"caption-attachment-23580\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23580\" alt=\"Pyramiden und EZLN\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/chiapaspyramide.jpg\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/chiapaspyramide.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/chiapaspyramide-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23580\" class=\"wp-caption-text\">Gegenwart und Vergangenheit &#8211; Vor der Maya-Pyramide wird einem ganz deutlich gesagt, wer hier das Sagen hat. Ist sonst nicht so oft wie erwartet in Chiapas zu sehen. (fotos: koerdt)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Reist man fast 20 Jahre sp\u00e4ter durch Chiapas, muss das Touristenauge lange suchen, bis es Spuren des Aufstandes wahrnimmt.<\/strong> Dachte ich vorher noch, dass an mindestens jeder zweiten Hauswand Parolen zu entdecken seien, wurde ich vor Ort eines Besseren belehrt. Fast nichts weist auf die Unruhen und Aufst\u00e4nde hin. Lediglich vor der arch\u00e4ologischen Zone Tonin\u00e1 in der N\u00e4he Oconsingos h\u00e4ngt ein Plakat mit der aufst\u00e4ndischen Dreifaltigkeit: Neben Emiliano Zapata und Che Guevara guckt Subcomandante Marcos entschlossen durch die Sehschlitze seiner schwarzen Kapuze, die sein Gesicht bis auf Augen und Mund verdeckt. Sein Haupt bedeckt eine Kappe. Bis heute ist nicht eindeutig gekl\u00e4rt, wer sich hinter Subcomandante Marcos, der in geschliffenen Reden nicht nur Teile der indigenen Chiapas-Bev\u00f6lkerung, sondern auch die Intellektuellen in der Hauptstadt in seinen Bann zog, verbirgt. <!--more-->Er soll ein Universit\u00e4tsdozent aus Tampico sein, der weder aus Chiapas stammen noch ein Indigena sein soll. Im St\u00e4nder im Caf\u00e9 neben der Maya-Pyramide gibt es Postkarten mit dem Subcomandante, dessen Markenzeichen die aus der Vermummung ragende Pfeife ist. Und wohl ein bisschen Revolutionsromantik sollen wohl auch die H\u00e4kelpuppen verstr\u00f6men, die in Revolutionsuniform, auf dem Markt von Chiapas Hauptstadt Tuxtla Guitierrez feilgeboten werden. Inklusive gestrickter Waffen.<\/p>\n<p><strong>Ansonsten sieht man nichts auf der Touristenroute durch das Land, die sich dadurch auszeichnet, dass etwa alle 50 Kilometer ein Natur- oder Kulturspektakel auftaucht:<\/strong> Maya-St\u00e4tten wie Palenque, Bonampak oder Yaxchilan oder gigantische Wasserf\u00e4lle wie El Chiflon oder Agua Azul. Gringo-Trail nennen die Einheimischen diese Route auch ein wenig ver\u00e4chtlich. Und das scheint auch das Hauptmerkmal der Einwohner Chiapas zu sein: ihr Stolz. Ansonsten scheinen die unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsgruppen in diesem Landstrich Mexikos nicht viel gemein zu haben. Als es darum ging, sich den Revolutionstruppen anzuschlie\u00dfen, hat jede Gruppe sich anders entschieden.<\/p>\n<p><strong>Eine Gruppe, die den bewaffneten Aufstand nicht mitgetragen hat, waren die Lacandonen.<\/strong> Nur noch rund 700 soll es von ihnen geben. Sie leben in der N\u00e4he der Maya-St\u00e4tte Bonampak und im Gebiet im S\u00fcdosten Chiapas. Sie waren vor den Spaniern in die dortigen W\u00e4lder geflohen und lebten jahrhundertlang fast abgeschirmt vom Rest des Landes. Bis sie in den 30ern Jahren des vergangenen Jahrhunderts quasi wiederentdeckt wurden. Meist tragen sie ein wei\u00dfes Gewand und ihre langen schwarzen Haare tragen sie meist offen und mit einem Pony.<\/p>\n<p><strong>Einer von ihnen ist Luca. Luca verdient sein Geld unter anderem als Dschungel-Wanderf\u00fchrer.<\/strong> Allein darf man sich nicht ins Geb\u00fcsch schlagen, denn es geh\u00f6rt den Lacandonen. Abgesehen davon ist es bei der Verschlungenheit auch sinnvoll, jemanden bei sich zu haben, der den Weg kennt. Und Luca kennt nicht nur den Weg, sondern auch die Flora und Fauna, die einen dort umgibt. Ab und an z\u00fcckt eine Plastik-Schautafel und man selbst hofft, dass einem nicht alle Tiere begegnen, die darauf abgebildet sind. Einen Jaguar sehe ich mir dann doch lieber aus sicherer Entfernung in einem K\u00e4fig im Zoo an. Luca behauptete ernsthaft, er h\u00e4tte dort im Wald, bei einer Ruine, an der wir vorbei gewandert sind, mal einen gesehen. Ob das nicht nur eine Schauergeschichte ist? Genauso wenig wei\u00df ich, ob das Graffiti auf der Ruine tats\u00e4chlich schon die Jahrhunderte auf dem Buckel hat. Es zeigte eine Figur im Lotussitz, die man eher in einem Tempel in Thailand vermuten w\u00fcrde. Und sie war trotz der Verwitterung des Rests des Geb\u00e4udes mehr als gut zu erkennen.<\/p>\n<p><strong>Was ich Luca aber sofort abnehme, ist, dass die Lacandonen nicht viel mit den anderen St\u00e4mmen zu tun haben.<\/strong> Als ich ihn fragte, ob seine Muttersprache Tzotzil sei, reagiert er schon fast beleidigt und sagt nur kurz: Yucatec-Maya. Dabei war ich stolz auf mich gewesen, dass ich mir gemerkt hatte, dass die Indigenas in Chiapas Tzeltal oder Tzotzil sprechen sollten.<\/p>\n<p><strong>Aber Indigena ist eben nicht gleich Indigena.<\/strong> In San Cristobal de las Casas und Umgebung leben die Tzotzils und die sind wirklich noch einmal eine ganz andere Nummer als die Lacandonen. San Cristobal ist das Mekka der Backpacker und Sitz vieler Nichtregierungsorganisationen. Kann man verstehen, ist auch ein sch\u00f6nes Kolonialst\u00e4dtchen, dessen Reichtum der spanischst\u00e4mmigen Bewohner sich in den Geb\u00e4uden widerspiegelt. Den Tzotzils war jahrhundertelang der Zugang in die Stadt verboten worden. Heute str\u00f6men sie als Tagesh\u00e4ndler oder \u2013l\u00f6hner in die Innenstadt und wirken ein wenig wie aus der Zeit gefallen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23581\" aria-describedby=\"caption-attachment-23581\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23581\" alt=\"Chumola Kirche\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/chumolakirche.jpg\" width=\"512\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/chumolakirche.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/chumolakirche-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23581\" class=\"wp-caption-text\">Sieht aus wie eine gew\u00f6hnliche, katholische Kirche. Doch drinnen spielen sich Rituale ab, die der christlich Sozialisierte nicht sofort einordnen kann. Die Menschen in Chomula glauben tats\u00e4chlich, dass man ihnen durch Fotografieren die Seele rauben kann. Deswegen sollte man sie besser nicht direkt ablichten. F\u00fcr Touristen, die das versucht haben, endete der Urlaub im Krankenhaus. Auch sonst hat das Dorfleben einige Gesetze, die auch t\u00f6dlich enden k\u00f6nnen.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Keine 10 Kilometer von San Cristobal entfernt liegt Chamula. Und hier hatte ich nicht nur das Gef\u00fchl aus der Zeit gefallen zu sein, sondern aus der Welt, aus der ich gekommen bin.<\/strong> In der Dorfkirche, die zwar \u00e4u\u00dferlich einer katholischen Kirche gleicht, wird Synkretismus pur gelebt. Da wird dann auch mal ein Huhn geopfert. B\u00e4nke gibt es keine, keinen Altar, nichts, was man sonst so aus katholischen Kirchen kennt. Fotografieren ist verboten. Auch die Tzotzils selbst m\u00f6gen es auch nicht, abgelichtet zu werden. Es sollen schon Touristen krankenhausreif verpr\u00fcgelt worden sein, die sich nicht daran gehalten h\u00e4tten. Und man glaubt das sofort. Der Ort strahlt eine Aggressivit\u00e4t aus: Es wird gerempelt, niemand entschuldigt sich. Das kenne ich nicht aus der Hauptstadt (zu der Luca \u00fcbrigens nur \u201eLuftverschmutzung\u201c einfiel). In Chamula gibt es immer noch ein Kaziken-System, es gibt Dorfoberh\u00e4upter, die entscheiden, was Gesetz ist und was nicht. Dass das nicht viel mit der in rund 900 Kilometer entfernten Hauptstadt gemachten Politik zu tun hat, wurde mir sehr deutlich, als ich eine Woche nach meiner R\u00fcckkehr in der Zeitung las, dass die Dorfgemeinschaft in Chamula einen Taxir\u00e4uber auf einem \u00f6ffentlichen Platz zun\u00e4chst zusammengeschlagen und dann bei lebendigen Leibe verbrannt haben.<\/p>\n<p><strong>Ich hoffe, euch allen geht es gut!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Muchos saludos,<\/strong><br \/>\n<strong> Marion<\/strong><\/p>\n<p>P.S.: Auf Lucas Schautafeln war auch ein Ara. Lediglich sein Schrei war kurz w\u00e4hrend der Wanderung zu vernehmen. Aber ich war ja insofern vers\u00f6hnt, da ich bei dem Besuch der Maya-Stadt Palenque zwei Tukane gesehen hatte. Was mich ja innerlich ja immer etwas ausflippen l\u00e4sst: Boh, ist das abgefahren, da fliegt ein Tukan! Ja, warum sollte er nicht? Schlie\u00dflich ist der Tukan nicht ausgestorben und irgendwo muss er ja leben. Au\u00dferdem mache ich mir bei solchen Gelegenheiten dann auch immer wieder Gedanken \u00fcber meinen beschr\u00e4nkten Wortschatz, um mein Erstaunen auszudr\u00fccken. Thomas Mann war nie in Palenque, aber er h\u00e4tte unter Garantie ein paar bessere Beschreibungen gefunden als ich. Ach ja, und der Chiapas-Konflikt ist offiziell immer noch nicht beigelegt. Subcomandante Marcos ist untergetaucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist der 29. Teil einer pers\u00f6nlichen Serie \u00fcber das Leben in Mexico und Mexico-City. 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