{"id":2329,"date":"2009-02-22T07:59:32","date_gmt":"2009-02-22T06:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=2329"},"modified":"2020-01-18T23:23:04","modified_gmt":"2020-01-18T22:23:04","slug":"mexico-city-funfter-tag-eiterfluss-geld-und-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/mexico-city-funfter-tag-eiterfluss-geld-und-macht\/","title":{"rendered":"Mexico City &#8211; F\u00fcnfter Tag: Eiterfluss, Geld und Macht"},"content":{"rendered":"<p><em>Jeder lese, solange es f\u00fcr ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben.<\/em><br \/>\n<em> (Spr\u00fcche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters)<\/em><\/p>\n<h3>Mittwoch, der 4. Februar 2009<\/h3>\n<figure id=\"attachment_2334\" aria-describedby=\"caption-attachment-2334\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2334\" title=\"Blick vom Castillo de Chapultepec\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/blickcastillo.jpg\" alt=\"Blick vom Castillo de Chapultepec\" width=\"420\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/blickcastillo.jpg 420w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/blickcastillo-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2334\" class=\"wp-caption-text\">Blick vom Castillo de Chapultepec<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ihre Einwohner bilden eine Stadt und ihre Geschichten wiederum die Einwohner: 1955 wurde der damals 35-j\u00e4hrige Vater der Maklerin, deren Gro\u00dfeltern 1929 aus Deutschland einwanderten, am Ohr operiert. Dem Mann war als Kind das Trommelfell geplatzt und seitdem suppte ihm <sub>\u00e2\u20ac\u2122<\/sub>mal mehr, \u00e2\u20ac\u2122mal weniger Eiter aus dem Ohr, da die Verletzung nie verheilte und die Entz\u00fcndung chronisch wurde. Ein \u00c4rgernis, sicherlich, eigentlich mehr als eines, mit dem man immerhin leidlich leben konnte, bis der Mann mit 35 Jahren hoffte, von seiner Malaise geheilt zu werden. Eben 1955 riet ihm ein Arzt, den Geh\u00f6rausgang, aus dem der Eiter immer abflo\u00df, zu schlie\u00dfen und n\u00e4hte die Ausgangsr\u00f6hre zu. Nat\u00fcrlich mit fatalen Folgen, denn nicht lange danach g\u00e4rte im Innern der Eiterherd und dr\u00fcckte die Entz\u00fcndung durch den Geh\u00f6rgang zwischen Gehirn und Sch\u00e4del, wodurch sich die Gehirnhaut entz\u00fcndete.<!--more--><\/p>\n<p>Der Mann schwebte kurz drauf zwischen Leben und Tod im Koma. Die \u00c4rzte machtlos, besuchte die Mutter der Maklerin ihren Mann zwei Monate drauf und brach in Verzweiflung aus, da sie die \u00e4rztliche Behandlung nicht l\u00e4nger zahlen k\u00f6nne. Der Mann musste den laut ausgesprochenen Sto\u00dfseufzer seiner Frau geh\u00f6rt haben, denn in dem Augenblick erwachte er aus dem Koma, was er signalisierte, indem er den Ehering an seinem Finger bewegte &#8211; so die Maklerin. Einige Tage sp\u00e4ter konnte er das Krankenhaus verlassen und lebte, wenngleich schwerkrank noch neunzehn Jahre &#8211; so die Maklerin in Manier der Hebelschen Kalendergeschichte \u00e2\u20ac\u017eDie Bergwerke zu Falun\u00e2\u20ac\u0153. &#8211; Ob es die Wahrheit ist oder Familienmythos &#8211; so genau wollen wir das gar nicht wissen. Ich fragte, warum ihre Mutter den Arzt nicht verklagt habe &#8211; wie h\u00e4tte die Mutter das machen sollen, wenn schon das Geld f\u00fcr die \u00e4rztliche Behandlung fehlte.<\/p>\n<p>Hier noch mehr als in Europa setzt Geld Recht, die H\u00fcrden der Korruption von Recht und Gesetz sind bei uns nur h\u00f6her. Bei uns verspielt die neoliberale Mentalit\u00e4t das Ideal der franz\u00f6sischen Revolution, dass wir n\u00e4mlich alle gleich, also solches vor dem Gesetz seien. Der Wert des Individuums z\u00e4hlt in Lateinamerika nicht so viel wie in Europa, wo sich das Subjekt in seine aufkl\u00e4rerischen Rechte setzte. Armut hatte dort, wo Sklavenarbeit und Lohnsklaverei \u00fcblich waren und sind, nie wie mittlerweile auch hier kaum Rechte und auch von daher keinen Wert. Auch das neoliberale Deutschland n\u00e4hrt diese Ideologie des Werts bzw. der Verfavelasrisierung der Sozialbeziehungen im \u00f6ffentlichen Raum \u00e2\u20ac\u201c der Bettler st\u00f6rt in der Innenstadt, auf dem Marktplatz, wo die Waren getauscht werden. Er wird trotz seiner gesetzlich eigentlich unver\u00e4u\u00dferlichen Rechten prinzipiell nicht als Mensch unter seines Gleichen anerkannt.<\/p>\n<p>Nahe beim Chapultepecpark befindet sich ein kleinerer, vorgelagerter Park, um den sich die Zubringer auf die Stadtautobahn gleich einer Achterbahn \u00fcbereinanderwinden und die oft verstopft sind &#8211; ein drittes Stockwerk wollten die Defe\u00f1os nicht, weil das nicht erdbebensicher sei. Warum dann zwei Stockwerke sicher seien, wei\u00df man nicht recht &#8211; aber es ist so. \u00dcberhaupt ist \u00e2\u20ac\u017esismos, sismos\u00e2\u20ac\u009d ein Allerweltsthema: Auch bei jeder Wohnungbesichtigung wird danach gefragt und fachkundig debattiert, wie der Untergrund des jeweiligen Stadtviertels sei, als habe man Geologen vor sich. Das gro\u00dfe Erdbeben vom 19.9.1985 steckt den Defe\u00f1os anscheinend noch in den Knochen, obwohl ihnen bei ihrer Beziehung zum Tod selbst das Leben nicht ernst scheint. Geht man in manche Stra\u00dfen \u00fcber kantige Betonplatten, die gezackt aus dem B\u00fcrgersteigbett herausragen, f\u00e4llt einem auf einmal wieder das \u00e2\u20ac\u017esismos, sismos\u00e2\u20ac\u0153-Gerede in den Sinn. Wer wei\u00df schon, ob zu recht oder nicht, denn geologische Zeiten k\u00f6nnen auf sich warten lassen und der Popocat\u00e9petl noch lange gem\u00e4\u00df seinem Namen nur rauchen.<\/p>\n<p>In besagtem vorgelagertem Park bei einer der Drehscheiben der Paseo de la Reforma trudelte vor einem Jahr zwischen den Hochh\u00e4usern und eines mit dem Fl\u00fcgel streifend eine kleinere Passagiermaschine des Staatssekret\u00e4rs des Pr\u00e4sidenten herum &#8211; alle 16 Insassen waren sofort tot; die verbrannten Passanten im Park, auf die der Flieger niederging, z\u00e4hlte niemand. Armut ist im Schatten der M\u00e4chtigen und Medien und ausgegrenzt.<\/p>\n<p>In der Calle de los Andes, N\u00e4he las Palmas, ist eine kleine Fre\u00dfmeile mit Fastfoodketten, aber auch Imbissl\u00e4dchen f\u00fcr die leiblichen Seligkeiten des kleinen Mannes, also traditionelles Fastfood, Tortas ( Hamburger) y limonadas. Ist man mutig, isst man den Hamburger verschiedenen fleischlichen Inhalts mit brandscharf Chilischoten, was den Magen noch zwei Stunden sp\u00e4ter w\u00e4rmt und besch\u00e4ftigt und einen hoffen l\u00e4sst, kein Opfer der Rache Moctezumas zu werden. Vor den L\u00e4den und L\u00e4dchen ist die Betondecke zwecks Sanierung abgenommen, sodass der B\u00fcrger \u00fcber Schotter und Schlagl\u00f6cher wandelt, was artistische Z\u00fcge bekommt, wenn die Damen dieses kleinen boulevardesken Kiezes mit High-heels daherst\u00f6ckeln und -stolpern. Grazie ist nicht alles, aber W\u00fcrde. Dazwischen werden lila Lilien und pastellfarbige Avocados von fliegenden H\u00e4ndlern feilgeboten, dr\u00fcben l\u00e4dt Starbucks ein &#8211; echt im Sinne von romantischem Kitsch des Origin\u00e4ren oder des v\u00f6llig Plastik-M\u00e4\u00dfigen-Resopals ist hier nichts. Alles ist hier durchgemischt und gesch\u00fcttelt und erh\u00e4lt dadurch synthetisch eine neue Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nachmittags war ich Zeuge eines versuchten Verkaufs einer Eigentumswohnung: Eine j\u00fcdische Familie wollte der angehenden Hochzeit ihrer Kinder eine Aussteuer schenken, n\u00e4mlich eine Eigentumswohnung in Polanco, einem traditionell von Juden gern bewohnten Stadtviertel. Der angehende Br\u00e4utigam war in orthodoxer Montur, schwarzer Hut \u00fcber dem Cappi, schwarzer Anzug, sie sehr weltlich gekleidet. Die Wohnung bema\u00df 210 qm und sollte ca. 150.000 Dollar kosten. In gutem Zustand war die angehende Mitgift nicht, altmodische \u00dcberbleibsel des Mobiliars standen verstreut herum, manches h\u00e4tte renoviert werden m\u00fcssen. Jedenfalls feilschte das junge, aus Spanien eingewanderte Paar und eine der M\u00fctter im (sog.) Judenspanisch, das sehr ungelenk klang. Meine Maklerin merkte neben dem Stereotyp an, dass Juden doch sehr feilschten, dass es \u00e2\u20ac\u2122mal wieder typisch sei, dass die Juden sich nicht anpassten an die Sprechweise und damit Kultur ihrer Umgebung. &#8211; Besteht nicht auch eine gro\u00dfe Stadt aus vielen kleinen Einwohnern, die durchaus kleinb\u00fcrgerliche Einsprengsel von Ressentiment haben k\u00f6nnen? Denn das Stigma, sich nicht anpassen zu wollen, ist andersherum gewendet nichts als die Intoleranz, vom andern Anpassung zu fordern. Und der Sichtweise der Maklerin gefolgt, woran denn \u00fcberhaupt in diesem wahrhaft stillosen Brei der Lebensstile?<\/p>\n<figure id=\"attachment_2335\" aria-describedby=\"caption-attachment-2335\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2335\" title=\"Es gibt auch noch was andres au\u00dfer Schnee und Regen!\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/buntebaeume.jpg\" alt=\"Es gibt auch noch was andres au\u00dfer Schnee und Regen!\" width=\"420\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/buntebaeume.jpg 420w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/buntebaeume-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2335\" class=\"wp-caption-text\">Es gibt auch noch was andres au\u00dfer Schnee und Regen!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute war im Viertel Bosque de Virreyes ein wundersch\u00f6n sonniger Tag. Gute Luft und zwischen den Kl\u00f6tzen irgendwelcher Versicherungen und so putzt sich immer wieder ein Park gr\u00fcn heraus, zu dem oft ein palmenges\u00e4umter Weg f\u00fchrt. Die Stadt ist gr\u00fcn, was man leicht vergisst, weil der Verkehr den \u00f6ffentlichen Raum einnimmt. Zum Teil verwandelt sich in Sto\u00dfzeiten die technoide Welt des Verkehrs in ein zoologisches Phantasma, wenn die Autos von einer Senke aus den steilen Abhang zu einer Hauptstra\u00dfe mit Vollgas rudelweise hinaufschie\u00dfen, nein, gleich Heuschrecken hinaufspringen, um zum Mittelstreifen zu kommen, wo sie nach starker Bremsung verschnaufen, um die n\u00e4chste L\u00fccke im flie\u00dfenden Stau abzupassen. Das Hinaufhechten hat etwas von Gazellen auf der Flucht, die \u00fcbereinanderspringen, was hier ins Zweidimensionale beengt zum Kreuz und Quer der Fahrbahnnutzung wird. Auch bei gro\u00dfen Kreisverkehren k\u00fcrzt der Defe\u00f1o gern ab und kreuzt gegen den Verkehr gleich links, statt den Kreis rechtsherum zu schlagen, lauert hinter irgendeinem Reiterdenkmal, um bei Gelegenheit schnurstracks loszupreschen und einzubiegen. W\u00e4re man mit Telematik beauftragt, hier w\u00e4re ein El Dorardo. So labt sich schon der nat\u00fcrliche Fre\u00dffeind in der Nahrungskette des Defe\u00f1os in Form des wirklich allgegenw\u00e4rtigen st\u00e4dtischen Abschleppdienstes, der rigoros Falschparker einkassiert und auf dem Autohof vor der Stadt beisetzt, wohl auch deshalb \u00fcbereifrig zum \u00c4rger manchen Zweifelsfalls, weil pro Auto eine Pr\u00e4mie als Anreiz gezahlt wird. &#8211; Gold! Gold! findet man bekanntlich im Dreck, und Stra\u00dfen sind aus Dreck gebaut.<\/p>\n<p><em>Teil 6 erscheint Dienstag um 17 Uhr.<\/em><\/p>\n<h5><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder lese, solange es f\u00fcr ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben. (Spr\u00fcche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters) Mittwoch, der 4. Februar 2009 Ihre Einwohner &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/mexico-city-funfter-tag-eiterfluss-geld-und-macht\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMexico City &#8211; F\u00fcnfter Tag: Eiterfluss, Geld und Macht\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[377],"tags":[5864,378],"class_list":["post-2329","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-mexico","tag-mexico","tag-mexico-city"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2329"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2329\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}