{"id":16367,"date":"2012-01-21T21:45:41","date_gmt":"2012-01-21T20:45:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=16367"},"modified":"2020-01-18T22:58:46","modified_gmt":"2020-01-18T21:58:46","slug":"california-here-i-come-der-xii-und-letzte-teil-des-reiseberichts-santa-monica","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/california-here-i-come-der-xii-und-letzte-teil-des-reiseberichts-santa-monica\/","title":{"rendered":"California here I come: Der XII. und letzte Teil des Reiseberichts. Santa M\u00f3nica"},"content":{"rendered":"<div class=\"mceTemp mceIEcenter\" style=\"text-align: left;\"><em>Unser <a href=\"..\/?author=8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Autor<\/a> berichtet von seiner Fahrt durch Kalifornien. Auf der letzten Etappe seiner Reise besucht er die Villa Aurora, den Zufluchtsort deutscher Literaten und Philosophen w\u00e4hrend der Nazi-Diktatur.<\/em><\/div>\n<div class=\"mceTemp mceIEcenter\" style=\"text-align: left;\"><em>\u00a0<\/em><\/div>\n<div class=\"mceTemp mceIEcenter\" style=\"text-align: left;\">\n<p><strong>Auf der Suche nach Miramar, dem Asyl der deutschen Exilantengemeinde<\/strong><\/p>\n<p>Morgens ging der Bus im Zehnminutentakt den Hollywood Boulevard westw\u00e4rts an den Strand des Pazifiks. Keiner der Einheimischen kennt nat\u00fcrlich den Treffpunkt deutscher Exilierter vor und w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs, und so muss man sich am Stra\u00dfennamen der <a href=\"http:\/\/www.villa-aurora.org\/index.php?page=home_de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Homepage der Villa Aurora<\/a> orientieren: Miramar, Meeresblick, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass das Asyl der deutschen Exilantengemeinde sich nahe am Strand befindet. Und tats\u00e4chlich kann man von der letzten Tankstelle direkt an der Kreuzung vorm Strand, wo die Buslinie endet, in 20 Min. den H\u00fcgel hinaufsteigen, wo die Villa Aurora liegt, die dem j\u00fcdischen Emigrantenehepaar Feuchtwanger geh\u00f6rte.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"mceTemp mceIEcenter\" style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<figure id=\"attachment_16368\" aria-describedby=\"caption-attachment-16368\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16368\" title=\"santamonicastrandpromenade\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/santamonicastrandpromenade.jpg\" alt=\"santamonicastrandpromenade\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/santamonicastrandpromenade.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/santamonicastrandpromenade-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16368\" class=\"wp-caption-text\">Strandpromenade im n\u00f6rdlichen Santa Monica (fotos: weber)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Deutsch- Amerikanischer Kulturaustausch unterwegs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf dem Weg dorthin unterhielt ich mich ich an der Bushaltestelle mit einem<strong> \u00e4lteren Schwarzen,<\/strong> den ich nach dem Weg fragte. Nachdem ich erkl\u00e4rt hatte, was die Villa Aurora sei, entspann sich ein Gespr\u00e4ch um Vietnam, obwohl heutigentags in Kalifornien das Problem weniger die Asiaten als vielmehr die Mexikaner seien, weil die sich ungehemmt fortpflanzen und so in Zukunft die Mehrheitsgesellschaft bilden w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Er habe in Vietnam gek\u00e4mpft und viele Kameraden dort sterben sehen. Es seien viele Kriegsverbrechen begangen worden und er, der ehemalige Vietnamk\u00e4mpfer, assoziierte mit den US-Kriegsverbrechen die Verbrechen wider die Menschlichkeit in Nazideutschland, wo 15 Mill. Juden in den Konzentrationslagern umgebracht worden w\u00e4ren. Ich entgegnete, die Geschichtsforschung in Deutschland gehe von 6,2 Mill. ermordeten Juden aus. Nein, es seien 15 Mill., eher mehr gewesen; er habe dar\u00fcber neulich erst eine Dokumentation gesehen und ich als Angeh\u00f6riger der jungen Generation solle mich besser informieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Andere L\u00e4nder, andere Sitten:<\/strong> Ungewohnt in den USA ist doch immer wieder diese erstaunliche Mischung aus Xenophobie und selbstkritischer Haltung. Man merkt, dass die geschichtliche Diskussion in den USA nicht derart diskursivisiert und damit ideologisch begradigt und auf den Nenner gebracht ist wie in Deutschland, wo beipielsweise mit der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung gar ein staatliches Institut f\u00fcr eine offizielle Geschichtsschreibung nach dem R\u00fcckfall in die Barbarei gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Au\u00dferdem merkt man, wie zwischen den Zeilen immer &#8218;mal wieder mitschwingt, dass Deutschland wie eine Art demokratisches, \u00fcberhaupt kulturelles Entwicklungsland angesehen wird, dem die US-Amerikaner Kultur gebracht h\u00e4tten. Wie unterschiedlich ist doch das Selbst- und Fremdbild, und vielleicht ist es zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung besser, dass wir beide von Alteuropa sprechen, womit aber der US-Amerikaner mit Dick Cheney das des Kalten Kriegs meinen und wir unser Alteuropa, als einige Protestanten infolge des englischen B\u00fcrgerkriegs mit der May Flower ins gelobte Land aufbrachen. Man m\u00f6chte sich im Urlaub auf dem Weg zur Villa Aurora nur ungern streiten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16369\" aria-describedby=\"caption-attachment-16369\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16369\" title=\"villaaurora\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/villaaurora.jpg\" alt=\"villaaurora\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/villaaurora.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/villaaurora-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16369\" class=\"wp-caption-text\">Die Villa Aurora<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Villa Aurora heute<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heutzutage restauriert eine Kulturstiftung aus Berlin, eben Villa Aurora genannt, dieses Kleinod am Pazifik, mit dem <strong>Goethe-Institut<\/strong> in L.A. kooperierend und mit der University of California\/ Los Angeles sowie mit dem Konsulat der deutschen Botschaft. Im Haus leben drei bis vier K\u00fcnstler und Schriftsteller, die zumeist selbst aus ihren Heimatl\u00e4ndern fliehen mussten. Ein <strong>Stipendium<\/strong> gew\u00e4hrt ihnen einen viertel- bis halbj\u00e4hrigen unbeschwerten Aufenthalt f\u00fcr die f\u00fcr Kunst dringend ben\u00f6tigte Mu\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das <strong>Interior<\/strong> ist belassen oder i.S. des urspr\u00fcnglichen Ambientes rekonstruiert: Unter dem Wohnzimmerboden verlaufen zum andern Raumende die Schallrohre der Orgel, mit der die Feuchtwangers G\u00e4sten aufspielten, um die gezeigten Stummfilme zu orchestrieren. Im Wohnzimmer, im Esszimmer, im Arbeitszimmer befinden sich rund 20.000 B\u00e4nde der von Lion Feuchtwanger in den Vereinigten Staaten wieder aufgebauten Bibliothek der Weltliteratur.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Hakenkreuze im L\u00fcftungsschacht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Esszimmer ragte vom Regal in den Durchgang ein wahrer Schinken Goya; ihm gegen\u00fcber an der Wand unten im Regal sah man den Beginn eines L\u00fcftungsschachtes, in dem auch Heizungsamaturen hervorlugten und dessen Gitterform ein Hakenkreuz war: eines links herum, wie aus der Zeit der nationalsozialistischen Bewegung bis 1934 und eines rechts herum, wie die Welt es danach in Erinnerung behielt. Erst wusste ich nicht, ob die Schachtabdeckung zuf\u00e4llig dieses Ornament angenommen hat. Aber durch Zeit und Ort und die Urlaubsatmosph\u00e4re so sehr vom Hitler-Deutschland getrennt, merkt man erst nach einiger Verunsicherung, wie schwer von Begriff man zuweilen ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16370\" aria-describedby=\"caption-attachment-16370\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16370\" title=\"bibliothek\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/bibliothek.jpg\" alt=\"bibliothek\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/bibliothek.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/bibliothek-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16370\" class=\"wp-caption-text\">Im Esszimmer: sattsam bekannte Ornamente vor dem Abzugsschacht<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Sache mit Feuchtwanger<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine nettes Ritual, das die Germanistikstudentin erkl\u00e4rte, die mir die Villa und ihre Zeit kompetent nahe gebracht hatte, bestand darin, dass man statt eines Eintritts Geld zum Wiederaufbau der Villa zum Kulturort spenden solle, wof\u00fcr man sich aus dem Eingangsregal einen Einband Feuchtwanger noch aus den Best\u00e4nden des Berliner Aufbauverlags zu DDR-Zeiten mitnehmen durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich musste der Germanistikstudentin gestehen, dass ich noch nichts von Feuchtwanger gelesen habe; sie ihrerseits konnte mir keinen Band empfehlen, da sie gerade erst begonnen habe, intensiv Feuchtwanger zu lesen. So r\u00e4tselten wir also vor den Titeln, und ich entschied mich f\u00fcr Goya &#8211; wahrlich ein stilistisches und auch philosophisches Lesevergn\u00fcgen dieses nach dem Krieg meistgelesenen deutschen Autoren, der in meiner Generation leider untergegangen ist. Aber er wird nur in meiner Generation mehr oder weniger untergehen, denn gute Weltliteratur hat Mu\u00dfe und kann auf die Rezeption k\u00fcnftiger Generationen bauen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16371 \" title=\"bibliothek2\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/bibliothek2.jpg\" alt=\"bibliothek2\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/bibliothek2.jpg 512w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/bibliothek2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der Germanist und die deutsche Literatur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich hoffe, mein literarischen Urteil hat keine g\u00f6nnerhaften, unfreiwillig kom\u00f6diantischen Z\u00fcge, \u00fcber die sich Adorno bei jenem Deutschlehrer belustigte, der Nietzsche gelobte habe, weil der ein stilistisch so gutes Deutsch geschrieben h\u00e4tte. Aber in unseren heutigen Zeiten hat sich zum Gl\u00fcck die Hoch- der Unterhaltungskultur angen\u00e4hert, sodass die subjektive Rezeption ihr Eigenrecht jenseits der Standards des universit\u00e4ren Bildungsb\u00fcrgertums hat, das seit je eifers\u00fcchtig \u00fcber seine Pfr\u00fcnde der richtigen Exegese wacht, um den Zugang zu den Bildungspatenten zu monopolisieren, mit dem es sich von den anderen Schichten der Gesellschaft differenzieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Villa Aurora traf sich einst der H\u00f6henkamm der deutschen Literatur und Philosophie, etwa Thomas Mann, Ernst Bloch, die Mitglieder des Frankfurter Instituts f\u00fcr Sozialforschung wie Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Erich Fromm sowie Maler und bildende K\u00fcnstler. Sie alle hatten es geschafft, vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus und europ\u00e4ischen Faschismus nach \u00dcbersee zu fliehen, und gingen hier ihrer jeweiligen Arbeit weiter nach. <!--more-->Da Adorno Thomas Mann in Fragen musikalischer Motive seiner Romangestaltung im \u00e2\u20ac\u017eDoktor Faustus\u00e2\u20ac\u0153 beriet und selbst an seiner \u00e4sthetischen Theorie arbeitete, nannte die in Europa ausharrende Generation von Linksintellektuellen und kommunistischen K\u00fcnstlern die Villa Aurora mit George Luk\u00e1cs die \u00e2\u20ac\u017eVilla Abgrund\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Existentialistisch seien jene Aussteiger aus dem Kampf der Ideologien in den Abgrund der ausgebliebenen Wahl eines engagierten Lebensentwurfs gefallen und h\u00e4tten damit auch den politischen Widerstand vers\u00e4umt, um mit S\u00f8ren Kirkegaards Unterscheidung zwischen \u00e4sthetischem und ethischem Menschen zu sprechen, den er in \u00e2\u20ac\u017eEntweder &#8211; Oder\u00e2\u20ac\u0153 an Don Juan und Jesus Christus exemplifiziert. Die \u00e2\u20ac\u017eVilla Abgrund\u00e2\u20ac\u0153 habe sich nur mit ihrem Sedativ besch\u00e4ftigt, den formalistischen Experimenten der Moderne, die eben Lukacs&#8216; Doktrin des sozialistischen Realismus nicht ins Konzept passte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Man kann gewiss die Bitternis nachempfinden, welche dies Zerrbild des Vorwurfs mangelnder moralischer Integrit\u00e4t mit verantworten, denn das Engagement des Intellektuellen ist eigentlich die Haltung seiner Schriften &#8211; in b\u00fcrgerlich zivilen Zeiten. Wie aber ist es in Zeiten des Weltenbrands, wenn ein Teil der Zunft auf den Barrikaden k\u00e4mpft? Dort aber zerplatzte die kommunistische Utopie gerade in Europa, auch weil die Diktatoren \u00fcber die ideologischen Gr\u00e4ben hinweg kollaborierten. Ein flammendes Fanal am Nachthimmel des damaligen Humanismus nach der Madrider Antifaschistischen Konferenz 1936 war ja der Hitler-Stalin-Pakt gewesen, und einige der hellsten K\u00f6pfe wandten sich vom Kommunismus ab. Obgleich die Entt\u00e4uschung auf Seiten der kommunistischen Philosophen dar\u00fcber verst\u00e4ndlich war und deswegen ihr vorwurfsvoller Ton nachvollziehbar, der sich ja auch im Schlagwort \u00e2\u20ac\u017eVilla Abgrund\u00e2\u20ac\u0153 \u00e4u\u00dferte, \u00fcberrascht der harsche Ton der Replik Adornos an Luk\u00e1cs&#8216; Adresse in seinem Essay \u00e2\u20ac\u017eErpre\u00dfte Vers\u00f6hnung\u00e2\u20ac\u0153 (1958), der gegen Luk\u00e1cs&#8216; Hauptwurf \u00e2\u20ac\u017eDie Zerst\u00f6rung der Vernunft\u00e2\u20ac\u0153 (1954) polemisierte, es sei dessen eigene, wenn ihrzufolge die b\u00fcrgerliche Philosophie nach Hegel auf den Faschismus zulaufe, immanent folgerichtig in ihm m\u00fcnde und deshalb die Mittel der Vernunft utopisches Denken noch einmal vindizieren solle.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Spaltung der europ\u00e4ischen intellektuellen Welt durch den Weltkrieg traf in ungleich h\u00f6herem Ma\u00df sicherlich die deutschen Schriftsteller, die aufgrund ihres Metiers der sch\u00f6nen Wissenschaften nicht gezwungen waren, so klar wie Philosophen der Umst\u00e4nde halber sich zur Politik zu verhalten. Im Nachkriegsdeutschland empfingen die zur\u00fcckgebliebenen Schriftsteller die zur\u00fcckkehrenden Emigranten geradezu feindselig, wohlweislich weil man einiges an Kollaboration mit dem NS-System zu verdr\u00e4ngen hatte, was man unter dem Feigenblatt der \u00e2\u20ac\u017einneren Emigration\u00e2\u20ac\u0153 kaschieren wollte. Und diese erleichternde Abspaltung der eigenen Schuld und damit die Rehabilitation des sozialen Ansehens bedrohten die zur\u00fcckkehrenden Emigranten allein durch ihre politisch-moralisch vordergr\u00fcndig unbelasteten Biografien; die Emigranten entlarvten die Lebensl\u00fcge im Nachkriegsdeutschland durch ihre schiere Anwesenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00c4hnliche Risse verliefen, nur spiegelverkehrt, durch den nur scheinbar monolithischen Block der emigrierten und zur\u00fcckgebliebenen kommunistischen Philosophen. Zur Ideologie der Siegerm\u00e4chte geh\u00f6rte auch der Kommunismus, f\u00fcr den man im sogenannten \u00e2\u20ac\u017eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg\u00e2\u20ac\u0153 der Sowjetunion gek\u00e4mpft hatte, was zu bewundern, als Staatsdoktrin in den nachmaligen europ\u00e4ischen Satelliten dekretiert wurde. Die Renegaten, die diesem linksfaschistischen Projekt und seinen folgenden kommunistischen Verbrechen, die im Gulag gipfelten, abtr\u00fcnnig wurden, waren zun\u00e4chst vor dem Nationalsozialismus, dann europ\u00e4ischen Faschismus geflohen und schlie\u00dflich in demokratische L\u00e4nder emigriert. Sie kamen nun feinsinnig ziselierend in ihrer Kritik am Kommunismus zur\u00fcck, wodurch sie sich im kommunistischen Lager deskreditierten als diejenigen, die es besser w\u00fcssten, obwohl sie sich die H\u00e4nde nicht h\u00e4tten schmutzig machen m\u00fcssen. Freilich w\u00e4re argumentativ nachvollziehbar, wie sehr sich die philosophischen Konzepte der westlichen, systemimmanenten Kritik mit der Systemkritik der marxistisch-leninistischen Orthodoxie des Ostblocks tats\u00e4chlich von der Sache her \u00fcberworfen haben. Daf\u00fcr steht auch der unvers\u00f6hnliche Bruch innerhalb der US-Emigranten, z.B. zwischen Adorno und Bloch, der Stalins Moskauer Schauprozesse von 1936 guthie\u00df. Jedoch steckt im gegenseitigen Belauern von R\u00fcckkehrern aus der realen Emigration aus westlichen Demokratien und von Duldern der \u00e2\u20ac\u017einneren Emigration\u00e2\u20ac\u0153 im kommunistischen Block sowie politischen Aktivisten im real-existierenden Sozialismus im Kern die Angst vor der sublimen Kritik aus wechselseitiger Kenntnis um die persona non grata im jeweiligen ideologischen Feindesland.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was bleibt von all dem? &#8211; In der kalifornischen Sonne nicht viel mehr als ein Gef\u00fchl der Ferne dieses damaligen \u00e2\u20ac\u017eNew Weimar unter Palmen\u00e2\u20ac\u0153 der deutschen Emigranten im \u00e2\u20ac\u017eCultureless West\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Autor berichtet von seiner Fahrt durch Kalifornien. 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