{"id":13907,"date":"2011-10-03T22:00:39","date_gmt":"2011-10-03T21:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=13907"},"modified":"2011-10-04T16:37:35","modified_gmt":"2011-10-04T15:37:35","slug":"berichte-aus-einem-morderischen-tollhaus-marion-bei-den-mexis-teil-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/berichte-aus-einem-morderischen-tollhaus-marion-bei-den-mexis-teil-18\/","title":{"rendered":"Berichte aus einem m\u00f6rderischen Tollhaus. Marion bei den Mexis, Teil 18."},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Artikel ist der 18. Teil <a href=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?author=23\" target=\"_blank\">einer pers\u00f6nlichen Serie<\/a> \u00fcber das Leben in Mexico und Mexico-City. <\/em><em>Heute lesen wir kleine und lapidare Geschichten vom Leben und Sterben. Wir w\u00fcnschen viel Spa\u00df beim Lesen. <\/em><\/p>\n<p><strong>Hola a todos!<\/strong><\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eJa, und dann bin ich ihr hinten reingefahren.\u00e2\u20ac\u0153 Mit diesem lapidaren Satz beendete Agustin in der vergangenen Woche das Gespr\u00e4ch \u00fcber sein letztes Treffen mit seiner Ehefrau.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13910\" aria-describedby=\"caption-attachment-13910\" style=\"width: 480px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13910\" title=\"teil1801\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/teil1801.jpg\" alt=\"teil1801\" width=\"480\" height=\"360\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13910\" class=\"wp-caption-text\">Das ist Chacoron, der beste tierische Freund von Agustin. Mit ihm teilt er sich den Parkplatz, jedenfalls so lange sein Leben nicht noch eine weitere Wende nimmt. (fotos: koerdt)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Ehestreit: Verfolgungsjagd mit Totalschaden<\/strong><br \/>\nDabei hatte ich gedacht, dass sich bei ihm die Wogen gegl\u00e4ttet h\u00e4tten. Denn zwei Wochen zuvor erz\u00e4hlte er, er h\u00e4tte eine Frau kennengelernt und mit ihr die ganze Nacht durchgetanzt. Doch dann wollte sie sich Geld von ihm leihen und er stellte sie auf die Probe: er sei arbeitslos und h\u00e4tte kein Geld. Daraufhin verlor sie auch jegliches Interesse an ihm. So seien die Frauen hier eben, so Agustin. Dann das Treffen mit seiner noch mit ihm verheirateten Frau in einem Restaurant.<\/p>\n<p>Der Streit eskalierte, sie schlug ihm ins Gesicht und lief zum Auto. Er hinterher. Dann gab es eine Verfolgungsjagd quer durch den Stadtteil Nezahualc\u00f3yotl und schlie\u00dflich fuhr er ihr hinten in den Wagen. Auf die R\u00fcckfrage, wie schnell er denn gewesen sei, antwortete er: so ca. 80 km\/h. Dass das h\u00e4tte auch t\u00f6dlich enden k\u00f6nnen, h\u00e4tte er in Kauf genommen. So hatten beide mehr als Gl\u00fcck: so blieben nur Nackenschmerzen und zwei v\u00f6llig verschrottete Autos zur\u00fcck. Bei ihm sei eben eine Sicherung durchgebrannt, stellte er dazu fest.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13911\" aria-describedby=\"caption-attachment-13911\" style=\"width: 480px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13911\" title=\"teil1802\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/teil1802.jpg\" alt=\"teil1802\" width=\"480\" height=\"640\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13911\" class=\"wp-caption-text\">Dieser gr\u00fcne H\u00fcgel ist die volumenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Pyramide der Welt. Sie war aber auch schon so \u00fcberwuchert, als die Spanier nach Cholula kamen. Das hielt sie aber nicht davon ab, eins der schlimmsten Massaker der Conquista unter den Einheimischen anzurichten und auch noch eine Kirche auf die Pyramide zu bauen.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vermisst: Hintergr\u00fcnde, die zu einer schrecklichen Tat gef\u00fchrt haben<\/strong><br \/>\nDer Eindruck, dass hier den Leuten \u00f6fter einmal die Sicherung durchbrennt, hat sich bei mir im letzten Monat immer mehr verfestigt. Die Nachrichtenlage gab einiges dazu her: da wurde vor einem Monat in Monterrey (ca. 900 Kilometer n\u00f6rdlich von Mexiko-Stadt) ein Casino angez\u00fcndet. Bei dem Brand starben 52 Menschen (\u00fcberwiegend \u00e4ltere Frauen, die gerne ihre Nachmittage bei einem Zockerspielchen verbracht haben). Dar\u00fcber wurde ja auch in Deutschland berichtet. Was ich jedoch vermisst habe, waren die Hintergr\u00fcnde, die zu dieser schrecklichen Tat gef\u00fchrt haben: es ist mal wieder die widerliche Verfilzung von Politik und Drogenmafia.<\/p>\n<p>Das Kasino wurde im September 2007 er\u00f6ffnet \u00e2\u20ac\u201c ohne staatliche Konzession. Die Betreiber des Kasinos waren die Cousins des damals amtierenden B\u00fcrgermeisters. Der jetzige B\u00fcrgermeister behauptet nun, dass am 4. Mai dieses Jahres dieses Kasino noch einmal Thema im Stadtrat war. Passiert ist aber seitdem nichts. Dabei hat dieser B\u00fcrgermeister selbst seit seinem Amtsantritt neun Kasinos in der Stadt er\u00f6ffnet \u00e2\u20ac\u201c alle operieren illegal.<\/p>\n<p>Kasinos sind f\u00fcr die Geldw\u00e4sche in Drogengesch\u00e4ften bekannt. Anschl\u00e4ge auf Kasinos gab es immer wieder in den letzten Jahren. Monterrey gilt als das \u00e2\u20ac\u017eLas Vegas Mexikos\u00e2\u20ac\u0153, da es dort mehr als 50 Gl\u00fcckspielorte gibt. Die meisten ohne staatliche Genehmigung. Oder die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer zahlen dem Bundesstaat Geld f\u00fcr eine Erlaubnis und die lassen sie dann in Ruhe.<\/p>\n<p>Nun \u00fcberlegen deutsche Unternehmen aus der Gegend abzuziehen. Vor eineinhalb Wochen sprach ich mit einer Frau aus Deutschland, die mit ihrem mexikanischen Mann fast f\u00fcnf Jahre in Monterrey gelebt hat. Vor einem Jahr seien sie nach Mexiko-Stadt umgezogen. Ich bemerkte, dass sie dann ja wohl noch vor der Versch\u00e4rfung der Konflikte dort weggekommen seien. Dies verneinte sie: durch die st\u00e4ndigen Schie\u00dfereien in der Stadt sei sie so gestresst gewesen, dass sie eine Gesichtsl\u00e4hmung bekommen h\u00e4tte, die erst jetzt nach einem Jahr wieder langsam zur\u00fcckgegangen sei.<\/p>\n<p><strong>Mord an Journalistinnen: Motivsuche<\/strong><br \/>\nAm 2. September titelten hier die Zeitungen, dass zwei Journalistinnen in Mexiko-Stadt ermordet worden seien. So wurden gefesselt und erschossen in dem Stadtteil Iztapalapa gefunden. Was verwundert, ist, dass die ein People-Magazin herausgab und die andere frei f\u00fcr diese Zeitschrift \u00fcber Lifestyle-Themen schrieb. Es war niemanden bekannt, ob sie nicht auch \u00fcber Narcotrafico recherchierten. Das war jedenfalls die erste Vermutung.<\/p>\n<p>Doch bereits am n\u00e4chsten Tag wurde klar, dass das Motiv \u00fcberhaupt nichts mit ihrer journalistischen T\u00e4tigkeit zu tun hatte: die freie Autorin war Mitinhaberin einer Geldwechselstelle am Flughafen und war in den Tagen zuvor dort ausgestiegen und hatte sich auszahlen lassen. Das hie\u00df, dass jemand wusste, dass sie nun \u00fcber einen h\u00f6heren Geldbetrag verf\u00fcgte und das war dann wohl auch ihr Todesurteil. Leider stand die Herausgeberin mit ihr nach einer Redaktionskonferenz auf der Stra\u00dfe, als sie entf\u00fchrt werden sollte.<\/p>\n<p><strong>Gefahrenpunkt Geldwechselstellen<\/strong><br \/>\nEs kommt auch immer wieder zu \u00dcberfallen, nachdem gerade gelandete Touristen mal eben an diesen Wechselstellen im Flughafenbereich ein paar Pesos erhalten wollen. Vor einiger Zeit wurde einem Franzosen direkt \u00e2\u20ac\u201cnachdem er Geld getauscht und das Flughafengel\u00e4nde verlassen hatte- in den Kopf geschossen. Sollte besser in jedem Mexiko-Reisef\u00fchrer stehen: besser nicht machen. Man wei\u00df nie, wer einen beobachtet und wer welche Information weitergibt.<\/p>\n<p><strong>Drogenmafia: Kopf abgeschnitten und an den F\u00fc\u00dfen aufgekn\u00fcpft<\/strong><br \/>\nBereits vor diesen Vorf\u00e4llen hatte ich ja das Gl\u00fcck mit meinem Taxifahrer gestritten zu haben, als wir an einer Br\u00fccke im Westen der Stadt vorbeigefahren sind, an der diesem Morgen zwei M\u00e4nner aufgeh\u00e4ngt aufgefunden waren. Ihnen war der Kopf abgeschnitten worden und man hatte sie an den F\u00fc\u00dfen aufgekn\u00fcpft. Wie einige Tage sp\u00e4ter berichtet wurde, hatte man ihnen unterstellt eine Woche vorher einen \u00e2\u20ac\u017eCapo\u00e2\u20ac\u0153 (Drogenboss) hier in der Stadt bei der Polizei verpfiffen zu haben, der daraufhin verhaftet worden ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13912\" aria-describedby=\"caption-attachment-13912\" style=\"width: 480px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13912\" title=\"teil1803\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/teil1803.jpg\" alt=\"teil1803\" width=\"480\" height=\"640\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13912\" class=\"wp-caption-text\">Einen so sch\u00f6nen blauen Himmel gibt es fast nie in Mexiko-Stadt. In Cholula schon, weswegen sich auch die gelbe Kirche (es ist nicht mehr die Originalkirche aus dem 16. Jahrhundert) so sch\u00f6n vor dem Himmel abhebt. Wandert man um die Kirche hat man einen phantastischen Blick auf die h\u00f6chsten Berge Mexikos:  Popocat\u00e9petl (5.462  Meter), Iztacc\u00edhuatl  (5.286 Meter) und auf der anderen Seite La Malinche (4.461 Meter). Nur der Orizaba ist mit rund 5700 Metern h\u00f6her. Der liegt aber weiter im Osten. Was man so auch nicht sehen kann, aber in vielen Reisef\u00fchrern: dass der H\u00fcgel  mit der Kirche fast direkt vor dem  Popocat\u00e9petl liegt. Sieht zwar phantastisch aus, ist aber nur Photoshop-Phantasie.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Bodyguard dreht im Schulbus durch<\/strong><br \/>\nIm Westen der Stadt leben ja nicht nur die Profiteure vom Narcotrafico, sondern auch die anderen Reichen dieser Stadt. Deren Kinder haben ein neues Statussymbol: so tauchen 18- oder 19j\u00e4hrige zur Zeit sehr gerne mit einem eigenen Bodyguard in ihren Clubs auf. Einer dieser Bodyguards f\u00fchlte sich nun von der Fahrweise eines Schulbusses so gest\u00f6rt, dass er ihn schlie\u00dflich \u00fcberholte, ausbremste und neunmal mit einer Pistole auf den Fahrer schoss. Auch hier war Gl\u00fcck im Spiel: der Bus war zum Gl\u00fcck zu diesem Zeitpunkt leer und der Fahrer hat diesen Anschlag auch \u00fcberlebt.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcsse an der Ampel<\/strong><br \/>\nVor einer Woche fuhren Christopher und ich von einem Tagesausflug aus Cholula kommend vom Osten in die Stadt. Als wir vor einer Ampel abbremsen mussten, h\u00f6rten wir Sch\u00fcsse und ich sah noch im Augenwinkel, wie an der rechten Stra\u00dfenseite ein Mann mit einem Gewehr mit Doppellauf stand, der sich zu einem anderen Mann, der hinter ihm stand, umdrehte. Ich konnte nicht sehen, ob jemand am Boden lag und \u00fcberhaupt hatten wir das Gef\u00fchl, doch gerne schnell von dieser Stelle wegkommen zu wollen. Ohne zu wissen, was denn nun eigentlich passiert ist.<\/p>\n<p>Ja, manchmal ertr\u00e4gt man eben die Nachrichtenlage nur in hom\u00f6opathischen Dosen und das Leben im Weglaufen. Das ist nat\u00fcrlich kein Dauerzustand und es werden bestimmt auch wieder andere Meldungen kommen.<\/p>\n<p><strong>Muchos saludos desde M\u00e9xico,<br \/>\nMarion <\/strong><\/p>\n<p>P.S.: Gestern teilte uns Agustin mit, er h\u00e4tte nun doch wieder eine Nacht mit seiner Ehefrau verbracht. Und nun sei er vollends \u00e2\u20ac\u017econfudido\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist der 18. Teil einer pers\u00f6nlichen Serie \u00fcber das Leben in Mexico und Mexico-City. Heute lesen wir kleine und lapidare Geschichten vom Leben und Sterben. 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