{"id":12310,"date":"2011-05-22T20:21:49","date_gmt":"2011-05-22T19:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=12310"},"modified":"2011-05-22T20:21:49","modified_gmt":"2011-05-22T19:21:49","slug":"bildung-und-schule-sind-die-sozialkundelehrer-der-kapitalistischen-wirtschaftsordnung-gewachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/bildung-und-schule-sind-die-sozialkundelehrer-der-kapitalistischen-wirtschaftsordnung-gewachsen\/","title":{"rendered":"Bildung und Schule: Sind die Sozialkundelehrer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gewachsen?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_11969\" aria-describedby=\"caption-attachment-11969\" style=\"width: 192px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11969 \" title=\"Werner Jurga\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/lt_wernerjurga-1.jpg\" alt=\"Dr. Werner Jurga (foto: jurga)\" width=\"192\" height=\"128\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/lt_wernerjurga-1.jpg 320w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/lt_wernerjurga-1-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 85vw, 192px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11969\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Werner Jurga (foto: jurga)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>&#8222;Die kapitalistische Wirtschaftsordnung\u00e2\u20ac\u0153, hei\u00dft es in einem Schulbuch f\u00fcr Realsch\u00fcler in den F\u00e4chern Erdkunde, Geschichte und Politik, &#8222;setzt auf Leistungs- und Produktionssteigerung.\u00e2\u20ac\u0153 Das ist erstens richtig und zweitens zun\u00e4chst einmal eine ziemlich gute Sache.*<\/strong><\/p>\n<p>In der Schule freilich kann man sich nicht mit dem allzu Offensichtlichem begn\u00fcgen, man muss weiterdenken. Denn was bedeutet das denn: kapitalistische Produktionssteigerung? Die Antwort gibt das Schulbuch auf der Stelle: &#8222;Das bedeutet einen verst\u00e4rkten Einsatz von Maschinen \u00e2\u20ac\u00a6\u00e2\u20ac\u0153 \u00e2\u20ac\u201c auch richtig, aber immer noch nicht alles \u00e2\u20ac\u201c &#8222;\u00e2\u20ac\u00a6 zur Rationalisierung der Arbeit&#8220;.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Rationalisierung der Arbeit&#8220; eine Verminderung des Besch\u00e4ftigungsvolumens?<\/strong><br \/>\nHalten wir fest: &#8222;Die kapitalistische Wirtschaftsordnung\u00e2\u20ac\u0153 tendiert zur &#8222;Rationalisierung der Arbeit&#8220;, was irgendwie richtig ist, irgendwie aber auch wieder nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn mit &#8222;Rationalisierung der Arbeit&#8220; eine Verminderung des Besch\u00e4ftigungsvolumens gemeint sein sollte, mithin eine h\u00f6here Arbeitslosigkeit. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Schulbuchautoren genau dies gemeint haben d\u00fcrften, n\u00e4mlich dass der Kapitalismus die sog. &#8222;technologische Arbeitslosigkeit\u00e2\u20ac\u0153 produziere.<\/p>\n<p><strong>Leute fliegen raus<\/strong><br \/>\nEs ist ja auch so: wenn ein Unternehmen \u00e2\u20ac\u017everst\u00e4rkt Maschinen einsetzt\u00e2\u20ac\u0153, heutzutage also Computer bzw. computergest\u00fctzte Systeme, einsetzt, dann, um Arbeitskr\u00e4fte &#8222;einzusparen\u00e2\u20ac\u0153, d.h.: die Leute fliegen raus.<\/p>\n<p><strong>Der Fall scheint klar<\/strong><br \/>\nUnd so l\u00e4uft das schon seit Beginn der \u00e2\u20ac\u0153kapitalistischen Wirtschaftsordnung\u00e2\u20ac\u0153, verst\u00e4rkt aber seit den 1980er Jahren. Das war die Zeit, als die Schulbuchautoren studiert hatten und die Computer auf ihrem Siegeszug keinen Halt vor der Arbeitswelt machten, nicht einmal vor den deutschen. Der Fall schien klar: die Arbeit schien auszugehen.<\/p>\n<p><strong>Das Ende der Arbeitswelt?<\/strong><br \/>\nAndr\u00e9 Gorz stellte schon einmal \u00e2\u20ac\u0153Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft\u00e2\u20ac\u0153 und nannte sein Buch dazu ganz offensiv \u00e2\u20ac\u0153Kritik der \u00f6konomischen Vernunft\u00e2\u20ac\u0153. Die Jahre vergingen, eine Generation sp\u00e4ter sah Jeremy Rifkin \u00e2\u20ac\u0153das Ende der Arbeitswelt\u00e2\u20ac\u0153 kommen, komisch war nur: aus schier unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden gingen immer noch ziemlich viele Leute zur Arbeit. <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Statistiken\/Zeitreihen\/LangeReihen\/Arbeitsmarkt\/Content100\/lrerw11a,templateId=renderPrint.psml\" target=\"_blank\">1980<\/a> waren es in der alten Bundesrepublik 27,9 Millionen Erwerbst\u00e4tige, <a href=\"http:\/\/www.bildungsspiegel.de\/aktuelles\/arbeitsmarkt-entwicklung-der-erwerbstaetigenzahl-in-den-laendern-2010.html?Itemid=262\" target=\"_blank\">2010<\/a> gab es in den alten L\u00e4ndern (freilich ohne Berlin) 33,0 Millionen Erwerbst\u00e4tige. Zugegeben: viele davon in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen &#8211; Minijobber, \u00e2\u20ac\u017eAufstocker\u00e2\u20ac\u0153; rechnet man die raus, ist der Besch\u00e4ftigungszuwachs wieder weg.<\/p>\n<p><strong>Die Erwerbsarbeit ist aber immer noch da<\/strong><br \/>\nDie Erwerbsarbeit ist aber immer noch da \u00e2\u20ac\u201c trotz \u00e2\u20ac\u017ekapitalistischer Wirtschaftsordnung\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u0153technologischer Arbeitslosigkeit\u00e2\u20ac\u0153. Es wurde n\u00e4mlich \u00fcbersehen, dass durch den \u00e2\u20ac\u0153verst\u00e4rkten Einsatz von Maschinen\u00e2\u20ac\u0153 die Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen billiger erfolgen konnte. Wird dieser Preisvorteil an die Kunden weitergegeben, entsteht gesamtwirtschaftlich betrachtet zus\u00e4tzliche Nachfrage an anderer Stelle, die dort neue Arbeitspl\u00e4tze schafft. W\u00fcrde der besagte Preisvorteil nicht weitergegeben, k\u00f6nnte der Zusatzprofit im Unternehmen investiert werden.<\/p>\n<p><strong>Die kompensatorische Nachfrage auf dem Binnenmarkt greift<\/strong><br \/>\nDann entstehen ebenfalls neue Arbeitspl\u00e4tze, wenn es sich um Erweiterungsinvestitionen handelt. Bei Rationalisierungsinvestitionen w\u00e4ren wir wieder im Thema dieses Textes. Die kompensatorische Nachfrage auf dem Binnenmarkt greift. Handelt es sich dagegen um Produktion f\u00fcr den Export, d\u00fcrfte unmittelbar einsichtig sein, dass technologische Innovationen Arbeitspl\u00e4tze keineswegs vernichten, sondern sichern bzw. schaffen.<\/p>\n<p><strong>Volksglaube an die \u00e2\u20ac\u0153technologische Arbeitslosigkeit\u00e2\u20ac\u0153<\/strong><br \/>\nAllein schon die Annahme, mit einem Maschinenpark von Anno Tobak lie\u00dfe sich ein hohes Besch\u00e4ftigungsniveau sichern, gar Vollbesch\u00e4ftigung anvisieren, ist an Absurdit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten. Und doch h\u00e4lt sich der Volksglaube an die \u00e2\u20ac\u0153technologische Arbeitslosigkeit\u00e2\u20ac\u0153 hartn\u00e4ckig in den Schulb\u00fcchern und, wie zu bef\u00fcrchten steht, in den K\u00f6pfen der mit ihnen arbeitenden Lehrer.<\/p>\n<p><strong>\u00e2\u20ac\u0153Schulb\u00fccher diffamieren Kapitalismus\u00e2\u20ac\u0153<\/strong><br \/>\nDas K\u00f6lner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hei\u00dft nicht nur so, sondern ist auch eins \u00e2\u20ac\u201c jedenfalls dann, wenn man unter Wirtschaft nicht \u00e2\u20ac\u017edie Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen\u00e2\u20ac\u0153 (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wirtschaft\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a>) versteht, sondern die relativ kleine Menschengruppe der Firmeneigner und ihrer Verwalter. Das IW hat jetzt <a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/LinkClick.aspx?fileticket=IpDdu8-huKE%3d&amp;tabid=252\" target=\"_blank\">in einer Studie<\/a> entsetzt festgestellt: \u00e2\u20ac\u0153Schulb\u00fccher diffamieren Kapitalismus\u00e2\u20ac\u0153, so die <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/wissen\/leben\/:iw-studie-schulbuecher-diffamieren-kapitalismus\/60054888.html\" target=\"_blank\">\u00dcberschrift in der FTD<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Lehrerfortbildung zur \u00f6konomischen Bildung intensivieren.<\/strong><br \/>\nIn der Studie selbst wird freilich ein der wissenschaftlichen Community etwas angemessenerer Sound angeschlagen. Der letzte Satz der Arbeit gibt die \u00e2\u20ac\u017eEmpfehlung\u00e2\u20ac\u0153: \u00e2\u20ac\u0153Um die Professionalisierung der aktiven Lehrer gesellschaftswissenschaftlicher F\u00e4cher zu f\u00f6rdern, gilt es, die Lehrerfortbildung zur \u00f6konomischen Bildung nach dem aktuellen Stand der Wirtschaftsdidaktik und Wirtschaftswissenschaft zu intensivieren.\u00e2\u20ac\u0153 Auch dies w\u00e4re erstens richtig und zweitens zun\u00e4chst einmal eine ziemlich gute Sache.<\/p>\n<p><strong>Formung unkritischer Rekruten f\u00fcr die freie Wirtschaft<\/strong><br \/>\nDoch man muss weiterdenken: dem IW geht es um nicht mehr und nicht weniger als um einen politischen Angriff auf die Unabh\u00e4ngigkeit des sozialkundlichen Unterrichts in den Schulen und der Lehrerausbildung an den Hochschulen. Im Grunde nicht neu, doch diesmal soll es auch ans Eingemachte gehen. Die Formung unkritischer Rekruten f\u00fcr die freie Wirtschaft soll fr\u00fchstm\u00f6glich beginnen und auch an Schulformen Platz greifen, die nicht f\u00fcr die Produktion k\u00fcnftiger Vorgesetzter zust\u00e4ndig sind, sondern f\u00fcr die Bereitstellung der erforderlichen willf\u00e4hrigen Ergebenen.<\/p>\n<p><strong>Eine Gegenwehr ist nicht zu erkennen<\/strong><br \/>\nZurzeit ist nicht zu erkennen, wie sich das sozialkundliche Establishment in den Schulen, Universit\u00e4ten, Schulverwaltungen, Ministerien, Schulbuchverlagen etc. dagegen zur Wehr setzen k\u00f6nnte. Eine Kapitalismuskritik, die der &#8222;kapitalistischen Wirtschaftsordnung\u00e2\u20ac\u0153 vorwirft, &#8222;auf Leistungs- und Produktionssteigerung\u00e2\u20ac\u0153 zu setzen, und deshalb ein technikfeindliches Ressentiment vermittelt, d\u00fcrfte kaum zu halten sein. So gesehen geb\u00fchrt dem IW eigentlich Dank daf\u00fcr mitzuteilen, wo \u00e2\u20ac\u0153die Wirtschaft\u00e2\u20ac\u0153 jetzt anzusetzen gedenkt und wie bescheiden diejenigen aufgestellt sind, die die Aufgabe haben, unsere Kinder zu kritischen Staatsb\u00fcrgern zu erziehen.<\/p>\n<p><em>*Der Artikel ist ebenfalls gestern <a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/blogs\/die-kapitalistische-wirtschaftsordnung-und-ihre-sozialkundelehrer\" target=\"_blank\">im sozialdemokratischen Vorw\u00e4rts<\/a> erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die kapitalistische Wirtschaftsordnung\u00e2\u20ac\u0153, hei\u00dft es in einem Schulbuch f\u00fcr Realsch\u00fcler in den F\u00e4chern Erdkunde, Geschichte und Politik, &#8222;setzt auf Leistungs- und Produktionssteigerung.\u00e2\u20ac\u0153 Das ist erstens richtig und zweitens zun\u00e4chst einmal &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/bildung-und-schule-sind-die-sozialkundelehrer-der-kapitalistischen-wirtschaftsordnung-gewachsen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eBildung und Schule: Sind die Sozialkundelehrer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gewachsen?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":30,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[542,3,24,1208],"tags":[2661,2663,2664,2662,230,2665,2666],"class_list":["post-12310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitswelt","category-bildung-und-schule","category-politik","category-wirtschaft","tag-andre-gorz","tag-ftd","tag-institut-der-deutschen-wirtschaft","tag-jeremy-rifkin","tag-kapitalismus","tag-schulbucher","tag-sozialkundelehrer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/30"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12310"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12310\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}