Der Nationalpark Berchtesgaden – Ein Naturjuwel im südöstlichsten Winkel Deutschlands – Hotspot der Artenvielfalt – gefährdet durch Massentourismus

Arnika (Arnica montana) Eine der ältesten Heilpflanzen im Alpenraum. Zerstreut, aber gesellig in mageren Rasen auf kalkfreien, sauren Böden zwischen 1.100 und 1.900 m – (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

In diesem Jahr schreibt die Nationalparkidee Geschichte. Vor 150 Jahren wurde der Yellowstone-Nationalpark in den USA gegründet, der erste weltweit. Deutschland kann bis heute 16 solcher Naturreservate der höchsten Schutzkategorie vorweisen. Einer davon liegt im äußersten Südosten der Republik unmittelbar an der Grenze zu Österreich. Es ist der bislang einzige Alpen-Nationalpark in Bayern, bestehend aus mächtigen Gebirgsstöcken, wie des Hochkaltermassivs, der Reiteralpe, Hohem Göll und Hohem Brett und natürlich dem Watzmann als Wahrzeichen des Berchtesgadener Landes.

Das 210 km² große Schutzgebiet existiert seit fast genau 44 Jahren. Am 1. August 1978 trat die Verordnung offiziell in Kraft, nachdem es in den Jahren zuvor immer wieder harte Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern eines Nationalparks Königssee gab.

Eingang ins Klausbachtal, im Hintergrund die Mühlsturzhörner (Foto: Doris Knoppik)

1975 wurden Pläne aus der Schublade geholt, die vorsahen, den Watzmann durch eine Seilbahn zu erschließen. Dieses Vorhaben stieß auf erbitterten Widerstand, wurde zum Glück nicht realisiert. Es hätte das vorzeitige Aus für den NP bedeutet. Kurze Zeit später drohte dem Schutzgebiet dann noch eine weitere Gefahr, ausgehend von Tourismusspekulanten und Kommunalpolitikern. Sie hatten die ökologisch hochbewertete Südseite des Jenner (1.874 m) ins Visier genommen, um dort einen Skizirkus zu errichten, mitten in der heutigen Kernzone des Parks.

Initiator war der damalige Landrat Müller (CSU) aus Berchtesgaden, ein erklärter Erschließungsfanatiker im Interesse des Fremdenverkehrs. Noch bis zum Jahre 1997 war der Nationalpark direkt dem Landratsamt unterstellt, bevor der ehemalige Regierungschef Stoiber (CSU) diesen Mißstand beendete. Von nun an war das Umweltministerium als oberste Behörde für den Nationalpark verantwortlich.

Augsburger Bär (Nachtfalter), Flügelspannweite bis zu 8 cm, Lebensraum: felsdurchsetzte, warme und lichte Laubwälder, größte heimische Bärenspinnerart, vom Aussterben bedroht (Rote Liste, Kategorie 1), überwiegend nacht- und dämmerungsaktiv, konnte vor 2021 lebend noch nie im Nationalpark nachgewiesen werden. (Foto: Dr. Roland Baier, Nationalparkleiter Berchtesgaden)

Der Publizist und Umweltschützer Dr. h.c. Horst Stern (1922-2019), die Opposition im bayerischen Landtag und der Bund Naturschutz in Bayern (BN) geißelten damals die Organisationsstruktur zum Schaden des NP als einen auf Konflikt angelegten Zustand. Es hagelte Proteste. Horst Stern schrieb dazu in einem Beitrag. „Wer nur ein bißchen etwas von den Pressionen weiß, denen sich ein politischer Beamter, wie es ein bayerischer Landrat nun mal ist, ausgesetzt sieht, der wird um diesen größten deutschen Nationalpark auch dann bangen müssen, wenn ihm einmal ein Mann guten Willens vorstehen sollte.“ (Aus „Rettet die Vögel“ – Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Erscheinungsjahr 1978 – Herbig-Verlag)

Der „Spiegel“ veröffentlichte im Jahre 1975 einen aufsehenerregenden Artikel über den Erschließungswahn in den Alpen und die heftigen Auseinandersetzungen in Berchtesgaden über das Für und Wider eines Naturreservats von internationaler Bedeutung.

Blick ins Wimbachtal mit Wimbachgries (Foto: Doris Knoppik)

Lt. Definition der IUCN (International Union for Conservation of Nature = Internationale Naturschutzunion) sind Nationalparke großflächige Naturlandschaften, in denen sich die Natur nach ihrer eigenen Dynamik – ungestört von menschlicher Einflußnahme – entwickeln kann. Sie dienen der Erhaltung natürlicher und naturnaher Lebensgemeinschaften, ihrer wissenschaftlichen Beobachtung und Erforschung und der Bildung und Erholung der Bevölkerung, soweit es der Schutzzweck erlaubt. Der Mensch darf auf mindestens 75 % der Fläche weder nutzend noch lenkend oder pflegend eingreifen. Diese Fläche bildet die so genannte Kernzone. Hier ist jede Nutzung tabu. Kernzonen sind zugleich die Keimzellen für neue Wildnisgebiete.

Alpen-Steinbock: bevorzugt in der Felsregion oder zur Nahrungssuche auf Grasmatten oberhalb der Baumgrenze. Im NP dank fehlender Bejagung wenig scheu. Vorkommen überwiegend auf den südlichen Teil des NP (Grenze zu Österreich) beschränkt. Tiere des NP stammen ausschließlich von Tieren ab, die im „3. Reich“ der 30er Jahre im Bereich Wasseralm zu Jagdzwecken ausgewildert wurden. (Foto: Heinz Tuschl)

25 % entfallen auf die so genannte Pflegzone mit den Almen (4 %) als wertvoller Bestandteil der Kulturlandschaft. 1990 ernannte die UNESCO den Nationalpark und sein Vorfeld zum Biosphärenreservat. Diese Auszeichnung wird national bedeutsamen Kulturlandschaften verliehen, die eine hohe Ästhetik und Artenvielfalt aufweisen, und in denen althergebrachte Nutzungen das harmonische Miteinander von Mensch und Natur bestimmen. Sinn und Zweck des Biosphärenreservats Berchtesgadener Land ist die Erhaltung der traditionellen Berglandwirtschaft, ökologischer Waldbau, Naturschutz, sanfter Tourismus und überliefertes Handwerk. Erlaubt ist lt. NP-Verordnung weiterhin die Berufsfischerei am Königssee, während die Sportfischerei mit Gründung des NP eingestellt wurde. Holznutzung findet im Nationalpark nur noch innerhalb der Borkenkäfer-Management-Zone (500 m tief, rund 1.300 ha in Summe groß) statt und zwar nur, in dem dort von Borkenkäfern befallene Fichten entnommen werden. Im vergangenen Jahr waren dies lediglich ein paar 100 m³ Fichtenholz. Der Großteil dieser Bäume wird manuell von Waldarbeitern entrindet und aus Biodiversitätsgründen als Totholz im Bestand belassen. Bäume, die entnommen werden müssen (zum Beispiel da innerhalb kurzer Zeit sehr viele Stämme befallen sind, die nicht geschält werden können), werden z. T. selbst verwendet, zum größeren Teil jedoch an Sägewerke zu üblichen Preisen verkauft.

Alter Bergahorn im Klausbachtal. Der Wald darf sich ohne Eingriffe des Menschen entwickeln. (Foto: Doris Knoppik)

Eine der wichtigsten Aufgaben des NP bestand von vornherein darin, die Rückentwicklung der degradierten, durch intensive Nutzung entstandenen Nadelholzforste hin zu Naturwäldern in Angriff zu nehmen. Das geschah mit einiger Verzögerung erst zu Beginn der 90er Jahre. Damit einher ging die schrittweise Reduktion der Holznutzung. Parallel dazu mußte ein weiteres, den Nationalparkzielen diametral entgegenstehendes Hindernis aus dem Weg geräumt werden, nämlich die Ablösung der Waldweiderechte. Das erwies sich als schwierig, denn es galt Ersatzflächen für das Vieh zu beschaffen. Zur Erreichung der genannten Ziele war ein Zeitraum von 30 Jahren vorgegeben. Gleiches betraf auch die Jagdausübung in ihrer bisherigen Form (Trophäenjagd). An deren Stelle trat der waldfreundliche, bestandsregulierende Kahlwildabschuß (weibliches Rotwild) als eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Wiederherstellung der natürlichen Baumartenzusammensetzung (Bergmischwald). Auch Reh- und Gamswild mußten zu demselben Zweck intensiv bejagd werden. Der ursprünglich viel zu hohe Bestand an Schalenwild, insbesondere Hirsche, konnte von anfänglich ca. 1.000 Stück bis Ende der 1990er Jahre um 60 % verringert werden. Daß die Schalenwildpopulationen derart explodiert waren, ging vor allem auf die Einrichtung des königlich-bayerischen Hofjagdreviers im Jahre 1813 zurück. Die Anzahl der Rotwildpopulation stieg durch Überhege bzw. Fütterung auf das zehnfache dessen an, was ein intakter Bergwald soeben noch verkraftet. Früher zog das Rotwild den Winter über in die Flußauen der Täler (Salzach), wo es sich von Weichhölzern ernährte; der Wald blieb somit vom Verbiß verschont. Zudem war die Bestandsdichte an Hirschen und Rehen in den Urwäldern um Berchtesgaden zu Beginn des 12. Jahrhunderts natürlicherweise gering. Die wenigen Lichtungen in dieser undurchdringlichen Wildnis waren bevorzugte Aufenthaltsorte des Reh- und Rotwildes. Und diese waren damit eine leichte Beute für die großen „Raubtiere“ wie Wolf, Braunbär und Luchs. Weil dem Schalenwild heutzutage der Weg in die nahrungsreichen Talgründe durch Straßen und andere Verbauungsmaßnahmen versperrt ist, wurden mit Gründung des Nationalparks großräumige Wintergatter zu dem Zweck errichtet, Hirsche und Rehe vom Bergwald fernzuhalten. Im Wintergatter werden diese natürlichen Rückzugsräume imitiert. Um Verbiß- und Schälschäden im Bergwald zu vermeiden, werden die Tiere mit Heu gefüttert. Sehr zur Freude der Gäste, die das Rotwild in dem rd. 45 ha großen Gatter von Dezember bis April beobachten können.

Tannenhäher: Brütet gerne in Nadelwäldern (Fichte, Lärchen-, Zirbenwälder) und Mischwäldern mit vorherrschendem Nadelholzanteil. Außerhalb der Brutzeit  oberhalb der Waldgrenze in der Krummholzregion und Zwergstrauchgesellschaften. Die Nahrung besteht überwiegend aus Samen der Zirbe, Haselnuss und Kiefer, aber auch Früchte, Beeren und Kleintiere. (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

Jagd war schon immer das Privileg einer reichen Minderheit, von Feudalherren und Adeligen. Prinz Luitpold von Bayern oder Nazi-„Größen“, wie Hermann Göring, einer der Stellvertreter Hitlers, zählten dazu. Letztgenannter machte einen beträchtlichen Teil der Wälder ringsum zu seinem Jagdrevier, in dem ausschließlich er selbst und andere hochmögende Gäste Zutritt hatten. Sämtlichen großen Beutegreifern, wie Luchs, Wolf und Braunbär, die unter der abfälligen Bezeichnung „Raubzeug“ firmierten und dem Rotwild gefährlich werden konnten, wurde erbarmungslos nachgestellt – bis hin zu deren völligen Ausrottung.

Auerhahn: Stellt hohe Ansprüche an seinen Lebensraum. Er bewohnt reich strukturierte naturnahe und ungestörte Nadel- und Mischwälder, benötigt eine geschlossene Krautschicht als Deckung, kleinere Wasserstellen, Ameisenvorkommen, Möglichkeit für Staubbäder sowie Beerenvorkommen (Heidelbeere). (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

Doch auch noch Jahre nach Gründung des NP kamen auf Einladung prominente Schwergewichte nach Berchtesgaden, um dort kapitale Hirsche aus nächster Nähe zu schießen.

Was die Akzeptanz des NP betrifft, so gab es innerhalb der heimischen Bevölkerung, bei Geschäftsleuten, Politikern oder der Tourismusbranche zur Zeit der Gründung und auch noch viele Jahre danach erheblichen Widerstand. Der Bürgermeister der Gemeinde Ramsau (seit einigen Jahren auch Bergsteigerdorf) wandte sich z. B. entschieden gegen die in der Verordnung enthaltene Zielsetzung, das Gebiet nach einer Überbrückungsphase sich selbst zu überlassen. Er wolle keinen Urwald, so seine Worte.

Die Bauern im Berchtesgadener Land fühlten sich durch die international gültigen Nationalparkrichtlinien bevormundet. Sie nahmen für sich in Anspruch mit der Natur schon immer pfleglich umgegangen zu sein und entsprechend nachhaltig gewirtschaftet zu haben. Auf frühere Jahrhunderte bezogen, trifft dies zweifellos zu. Bspw. verwendeten die Bauern im Tal das Laub der Buche und des Bergahorn als Einstreu für ihre Viehställe, das Holz für Schnitzereien und die Instandsetzung von Gebäuden oder landwirtschaftliche Gerätschaften. Deshalb wurde immer wieder mit Laubhölzern aufgeforstet.

Von den einst weit verbreiteten Ahornbeständen im Tal sind heute nur noch Reste vorhanden. Viele Bezeichnungen leiten sich daraus ab, z. B. Ahornau oder Ahornkaser.

Litzlalm im Naturpark Weißbach-Lofer, unmittelbar angrenzend an den NP Berchtesgaden (Foto: Doris Knoppik)

Die Bauern waren zu früherer Zeit Leibeigene der Feudal-, will heißen Lehensherren. D. h. es wurde einem Lehensmann von einem Lehensherrn das Nutzungsrecht an einem Gut auf Zeit zugesprochen. Dafür mußte der einzelne Bauer eine Dienst- und Treueverpflichtung abgeben. Der Begriff „Lehen“ steht für geliehen. Für das einzelne Bauerngut bedeutet es, daß Grund und Boden einschließlich den darauf errichteten Baulichkeiten das Leihegut des Grundherren war.

Frauenschuh-Orchidee: Sie ist die größte heimische Orchidee, kommt vereinzelt in mehr oder weniger lichten Laub- und Nadelwäldern und in Gebüschen vor. Sämtliche Orchideenarten sind auch außerhalb von Nationalparks streng geschützt. (Foto: NP Berchtesgaden)

Alm- und Bergwiesen sind besonders artenreich. Allerdings trifft man im NP-Vorfeld heute vielerorts nicht mehr auf die einst so blütenreichen Wiesen. Ursache ist das Ausbringen von Mist und Gülle der zu vielen Kühe und Rinder. Im Gegensatz zu den alten, robusten Nutztierrassen, genannt sei hier u.a. das Pinzgauer Rind, das seit den 90er Jahren erfreulicherweise wieder die offene Landschaft um Berchtesgaden bereichert, werden heutzutage allgemein die schweren Rassen bevorzugt. Sie liefern mehr Milch, verursachen aber auch, zumal wenn sie zu zahlreich sind, Trittschäden an der Vegetation.

Alpen-Soldanelle oder auch Echtes Alpenglöckchen. Die Pflanze zählt zu den Primelgewächsen. Kommt oft zusammen mit dem Frühlings-Krokus vor. Auf quelligen Standorten, auf Schneeböden und in Hochstaudenfluren (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

Den tiefsten Punkt im Nationalpark bildet der Königssee; er liegt auf 603 m über NN. Hoch darüber thront der Watzmann (2.713 m). In Abhängigkeit von den einzelnen Höhenstufen, Hangrichtung und Hangneigung herrschen ganz unterschiedliche klimatische Verhältnisse. Daraus entstand eine außergewöhnliche Vielfalt an naturnahen und natürlichen Lebensräumen, die wiederum eine reichhaltige, hochspezialisierte Tier- und Pflanzenwelt hervorgebracht haben.

Der Ungarische Enzian wächst im Nationalpark auf lehmigen, kalkarmen Böden in mageren Weiden, sowie in Hochstaudenfluren oberhalb von 1.400 m Seehöhe (Foto: Nationalpark Berchtesgaden).

Laub- und Bergmischwälder, Feuchtwiesen, Berg- und Mähwiesen, Trockenrasen, Halbtrockenrasen, Niedermoore, alpine Matten, subalpine Nadelwälder, Zwergstrauchheiden, Felsfluren, Schuttflächen, Seen, Bäche, Wasserfälle, Fließ- bzw. Karstgewässer, die alle eine hervorragende Wasserqualität besitzen, repräsentieren die außergewöhnliche Vielfalt an Lebensräumen und Lebensgemeinschaften, was den großen Reichtum an Tier- und Pflanzenarten erklärt.

Grüne Hohlzunge: Sie hat ihren europäischen Verbreitungsschwerpunkt in den Alpen. Man findet sie auf Trocken-, Halbtrocken- und Kalkmagerrasen. In Bayern ist diese Orchidee gefährdet, in allen übrigen Bundesländern, wo sie vorkommt, ist sie stark gefährdet. (Foto: Antje Deepen-Wieczorek – Piclease.com)

Allerdings hinterlässt auch im Nationalpark Berchtesgaden der fortschreitende Klimawandel seine deutlichen Spuren. Bspw. hat die durchschnittliche Wassertemperatur von Quellen und kleinen Bächen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte messbar zugenommen. Und das hat natürlich Auswirkungen auf das Artenspektrum an wirbellosen Tieren, die an solche aquatischen Lebensräume angepaßt sind. Denn noch so vermeintlich geringe Erwärmungsraten bleiben nicht ohne Konsequenzen für die Ökologie solcher Gewässer und deren Bewohner.

Apollo-Falter, besiedelt im NP blütenreiche, etwas feuchte Wiesen, z. B. in Schluchtwäldern – Foto: Antje-Deepen-Wieczorek  Piclease.com

Daß sich in diesem Teil der bayerischen Alpen, die ein Chronist Anfang des 12. Jahrhunderts zur Zeit der Gründung des Augustiner Chorherrenstifts (Klostergründung) als undurchdringliche, furchterregende Wildnis beschrieb, bis in die Neuzeit eine relativ intakte Natur behaupten konnte, ist auf die abgeschiedene, isolierte Lage zurückzuführen, die sich für Industrieansiedelungen als ungünstig erwies.

Berchtesgaden mit seinem Wahrzeichen, dem Watzmann (2.713 m) und dem Hochkaltermassiv (2.607 m) rechts. (Foto: Doris Knoppik)

Berchtesgaden war schon immer Anziehungspunkt für Reiseschriftsteller, Landschaftsmaler und wissenschaftlich interessierte Bergsteiger. Heinrich Noe, deutscher Reise- und Alpenschriftsteller im Deutschen Kaiserreich, sah in dem alpinen Schutzgebiet um Watzmann und Königssee das Pendant zum Yellowstone-Park. Man nahm sich diesen großen „nordamerikanischen Bruder“ zum Vorbild. Wie dort sollte auch hier kein Schuß fallen, kein Stein vom anderen genommen, kein Zweig umgeknickt, keine Pflanze ausgerissen und kein Tier getötet werden. Bereits im Jahre 1881 forderte Noe die Einrichtung von Nationalparks in den deutsch-österreichischen Alpen.

Birkhahn: Vor allem innerhalb der Wald- und Baumgrenze mit reichlich vorhandener Zwergstrauchvegetation, Legföhren und offenen Matten, wobei halboffenes Gelände bevorzugt wird. Außerhalb der Alpen ist das Birkwild wegen Zerstörung seiner Lebensräume (Moore, Heiden, Bachtäler) vielerorts verschwunden.  Foto: Nationalpark Berchtesgaden

Geforscht wurde in diesem Hochgebirgsareal schon lange. Der Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt kam zu Vermessungsarbeiten 1798 nach Berchtesgaden. 1799 folgte die Erstbesteigung des Watzmann. Zum 10jährigen Bestehen des Nationalparks wurden in der Schriftenreihe Forschungsberichte der NP-Verwaltung die genannten Beschreibungen und eine Anzahl weiterer alter Dokumente über Berchtesgaden veröffentlicht (Quelle: Infobroschüre NP). „Man darf davon ausgehen, daß, so der erste Nationalparkleiter, Dr. Hubert Zierl, dieses frühe Interesse an Berchtesgaden ein Grundstein für die Naturschutzinitiativen war, die hier bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auftauchten.“

1910 wurden Teile des Nationalparks zum Pflanzenschonbezirk erklärt, um dem ausufernden Handel mit Wildpflanzen Einhalt zu gebieten. 1921 erfolgte dann die Ernennung zum Naturschutzgebiet Königssee. Seine Fläche, die – wie gesagt rd. 210 km² umfasst, entspricht in etwa der des heutigen Nationalparks.

1970, beim Deutschen Naturschutztag in Berchtesgaden, wurde die Idee, dort ein Schutzgebiet von internationaler Bedeutung einzurichten, erneut aufgegriffen.

Steht für sanften Tourismus und Bodenständigkeit: Nationalparkgemeinde und Bergsteigerdorf Ramsau (Foto: Doris Knoppik)

Der Alpennationalpark, – er fällt in die Kategorie II gemäß der IUCN-Richtlinien -, ist auf der überwiegenden Fläche eine Kulturlandschaft. Vom Menschen unbeeinflusste Bereiche beschränken sich auf die Hochlagen, wo bereits vor seiner Gründung keine Nutzung stattgefunden hat. Dazu zählen die subalpinen Fichten-Lärchen-Zirbenwälder, Felsfluren, Schuttflächen, alpine Matten und Wasserfälle. Die Gebirgslandschaft um Berchtesgaden war jahrhundertelang durch intensive Nutzung geprägt (Jagd, Waldweide, Holzgewinnung). Das Gesicht der Wälder veränderte sich grundlegend. Für den Salzbergbau wurde die Holznutzung ab Mitte des 16 Jahrhunderts (nach der Klostergründung) intensiviert. Da das Holz der Rotbuche für eine Verbrennung in den Salzsiedeöfen ungeeignet war, – es erzeugt in den Sudpfannen eine zu große Hitze -, kaum dafür allein die Baumart Fichte in Frage. Die Wälder wurden regelrecht geplündert für Bau-, Werk- und Brennholz. Als selbständiger Klosterstaat war Berchtesgaden gezwungen, seinen Holzbedarf aus den eigenen Wäldern zu decken.

Nicht in Bezug auf seine Fläche, wohl aber auf sein reiches Naturinventar, die Biodiversität, landschaftliche Schönheit und morphologische Ausprägung, kann der bayerische Alpennationalpark dem Yellowstonepark, der sich über 3 Bundesstaaten, nämlich Wyoming, Montana, Idaho erstreckt (der größte Anteil entfällt auf Wyoming), durchaus das Wasser reichen. Bis Anfang der 90er Jahre wurden in dem Gebiet um Watzmann, Königssee, Hochkalter, Reiteralpe und Hagengebirge (bayerischer Teil), rd. 1.700 Pilzarten, etwa 600 Flechtenarten, rd. 1.000 Arten an Gefäßpflanzen, Moose rd. 500 Arten, 8 Lurcharten, Kriechtiere 7, Fischarten immerhin 15, weiterhin mindestens 100 Brutvogelarten (plus Wintergäste und Durchzügler) und an Säugetieren rd. 55 Arten nachgewiesen. Das unterstreicht den ökologischen Wert eines Schutzgebietes weit über Deutschland hinaus. Der Nationalpark Berchtesgaden ist eine Arche Noah für alle möglichen seltenen Arten, die in der ansonsten vorherrschenden Kulturlandschaft in Bayern keine Überlebenschance mehr haben.

Russischer Bär (Foto: Hans Körner – Piclease.com) Mittelgroßer Falter, bevorzugt Waldränder auf leicht verbuschten Trockenrasenflächen und ähnlichen Stellen, Flügelspannweite 45 – 55 cm

Ausgerottet sind große Beutegreifer, wie Luchs, Braunbär und Wolf. Von den beiden letztgenannten gab es in den bayerischen Alpen seit dem Jahr 2006, als der Bär „Bruno“ weithin für Schlagzeilen sorgte und – angefacht durch die Medien – eine wahre Hysterie entbrannte, Nachweise von einzelnen Zuwanderern. Es ist nicht auszuschließen, daß dieses „Raubwild“, insbesondere der Wolf, über kurz oder lang die bayerischen Alpen wiederbesiedeln könnte. Für den seinerzeit ebenfalls ausgerotteten Fischotter gibt es nach jahrzehntelanger Abwesenheit inzwischen wieder Nachweise, z. B. im Klausbachtal und entlang der Königsseer, Ramsauer und Bischowswieser Ache. Der Luchs ist dagegen bisher nur im Nationalpark Bayerischer Wald wieder seßhaft geworden.

Des Weiteren aus den Alpen verschwunden war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Bartgeier. Seit 1986 werden im Rahmen eines alpenweiten Wiederansiedlungsprojekts jährlich junge Bartgeier ausgewildert, im vergangenen Jahr erstmals auch bei uns. Heuer beteiligen sich der Nationalpark Berchtesgaden und der Landesbund für Vogelschutz wieder an der Auswilderung von 2 jungen Bartgeiern aus spanischer Nachzucht. Die beiden Jungtiere „Dagmar“ und „Recke“ waren Mitte Juni im Klausbachtal in etwas über 1.300 m Höhe ausgewildert worden. Damit der größte Vogel der Alpen (Flügelspannweite bis zu 3 m!) wieder heimisch werden kann (Quelle: NP-Magazin).

Bartgeier – Vorkommen entlang größerer Lawinenstriche, felsige und schluchtenreiche Gebirge. Im Nationalpark wieder regelmäßig zu beobachten – (Foto: Marika Hildebrandt, Berchtesgaden Piclease.com))

Die neue Population in den Ostalpen schließt eine Lücke im Verbreitungsgebiet dieser Art, das von den Pyrenäen über die Alpen, den Balkan und die Türkei bis nach China reicht. Auch setzen die LBV-Naturschützer auf positive Begleiteffekte: Ein Verbot giftiger Bleimunition zugunsten der Geier schützt alle Greifvögel (Quelle: Greenpeace-Magazin). Ob die Wiederansiedlungsaktion des NP Berchtesgaden langfristig als gelungen bezeichnet werden kann, wird sich erst später herausstellen. Rückschläge bei diesem Großexperiment, etwa daß durch GPS überwachte Tiere weit entfernt vom Aussetzungsort ums Leben kommen, müssen von vornherein einkalkuliert werden. So ist „Wolly“ in 2021 leider verstorben.

Steinadler: In Deutschland fast ausschließlich Felsbrüter unterhalb der Baumgrenze, vor allem zwischen 1.200 und 1.400 m ü. NN. Jagdgebiete über der Baumgrenze  –  (Foto: Archiv Nationalpark Berchtesgaden)

Natur Natur sein lassen: Mit diesem Leitspruch haben viele Nationalparks ihre Probleme. Seit einigen Jahren ist im Grundgesetz verankert, daß die Natur in erster Linie um ihrer selbst willen geschützt werden soll. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Nationalparke als höchste Form des Naturschutzes und einzigartige Objekte der Naturbeobachtung bezwecken lt. Internationalen Richtlinien keine wirtschaftliche Nutzung. Tatsache ist aber, daß viele Naturreservate nicht zu 100 Prozent geschützt und somit nicht frei von Konflikten sind. In Wattenmeer-Nationalparken der Nordsee z. B. darf noch immer nach Öl gebohrt werden; und Schießübungen der Bundeswehr waren in Teilen des Schutzgebietes ebenso erlaubt oder sind es immer noch. Der NP Unteres Odertal in Brandenburg ist durch Ausbaupläne der Oder auf polnischer Seite gefährdet. Vielen negativen Einflüssen ist mancher Nationalpark also ausgesetzt, was den Schutzzweck grundsätzlich in Frage stellt. Hier besteht erheblicher Handlungsbedarf. Außerdem werden solche Naturoasen zunehmend von Touristenströmen heimgesucht, welche die Vorschriften mißachten bzw. sich nicht daran gebunden fühlen. In jüngster Zeit wird vermehrt von Zwischenfällen berichtet, nach denen Nationalparkranger entweder angepöbelt, ja sogar tätlich angegriffen werden. Das ist ein Novum.

Felsenschwalbe – Brütet in den Felswänden am Königssee, Insektenfresser, seltener Brutvogel, Im NP sporadisch, in warmen Sommern regelmäßig überwiegend bis 1.300 m Höhe anzutreffen – Foto: Hans Glader – Piclease.com

1982, kaum 4 Jahre nach Eröffnung des Nationalparks trat ein erstes Problem in Erscheinung. Auf Drängen des Deutschen Alpenvereins (DAV), Sektion Berchtesgaden, sollte die marode Materialseilbahn zur Blaueishütte (Ausgangspunkt für Bergtouren in die Hochkaltergruppe) durch eine Straße von der tiefer gelegenen Schärtenalm aus ersetzt werden. Massive Eingriffe inklusive Sprengungen von Gestein in eine Bilderbuchlandschaft wären die Folge gewesen. Zur Begründung für das Straßenbauprojekt mußte das Argument herhalten, daß man dem Hüttenwirt eine reibungslose Bewirtschaftung nicht unnötig erschweren könne. Glücklicherweise gelang es die straßenmäßige Erschließung zu verhindern. Und so kam es dann zum Neubau der Materialseilbahn.

Ursprüngliche Natur im Wimbachtal mit Blick auf die Palfenhörner; 2.222 m über NN (Foto: Doris Knoppik)

Viele idyllische, sich durch die Bergwelt Bayerns und Österreichs schlängelnde Wanderwege wurden in den letzten Jahrzehnten zu breiten, Kfz- und LKW-tauglichen Fahrstraßen ausgebaut.

Nur sehr selten übernehmen heute noch, wie im Nationalpark Berchtesgaden, Haflinger Pferde den Transport von Material und Lebensmitteln. Hubschrauberflüge erweisen sich dagegen als sehr problematisch. Sie verursachen Lärm und stören massiv die empfindliche Gebirgsnatur.

Rotflügelige Scharrschrecke – zählt zur Familie der Feldheuschrecken. Lebensraum: Im Gebirge auf trockenen, mageren kurzrasigen Standorten (Magerrasen). Wird in der Roten Liste Deutschlands als stark gefährdet aufgelistet; In Hessen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen bereits ausgestorben; in Bayern, Baden-Württemberg und Brandenburg gehen die Populationen rapide zurück. Im Nationalpark ist die Art noch häufig anzutreffen. (Foto: Klaus Jäkel – Piclease.com)

In Mitteleuropa gilt bis heute der 1924 ins Leben gerufene Schweizer Nationalpark im Unterengadin bezüglich seiner Schutzbestimmungen als der konsequenteste. Dort ist es z. B. nicht gestattet, Hunde mitzuführen, auch nicht angeleint. Zudem herrscht ein strenges Wegegebot. Das gilt allerdings auch etwa für Teile des Nationalparks Bayerischer Wald.

Was heutzutage sämtlichen Naturreservaten weltweit am meisten zu schaffen macht, ist der ausufernde Tourismus. Davon betroffen ist auch der Nationalpark Berchtesgaden. Millionen von Touristen bevölkern jährlich diese sehr reizvolle Landschaft. Sie hat sich im Laufe der Jahre immer mehr zu einem wahren Magnet für Touristen aus aller Welt entwickelt. Und so sind die Grenzen der Belastbarkeit einer ökologisch derart sensiblen Region m. E. längst überschritten. Mehr kann eine Gegend, in der der Schutz der Natur angeblich höchste Priorität genießt, nicht verkraften, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen. Wir, meine Frau und ich, haben bis heute fast 30 Mal in der Gemeinde Ramsau unseren Urlaub verbracht und können die Situation vor Ort ziemlich genau beurteilen.

Offenbar aus lauter Frust über strenge Corona-Auflagen und Einschränkungen des europäischen und internationalen Flugverkehrs fielen im letzten Jahr ganze Invasionen von Touristen in das Berchtesgadener Land ein und trieben dort eine Zeitlang nach Herzenslust ihr Unwesen. Quasi von einer Minute auf die andere wurde ein Fleckchen streng geschützter Natur von unschätzbarem Wert zum Opfer der Begierde sensationshungriger Vandalen. Instagram und Twitter machten es möglich, daß der romantische Königsbachfall (am Königsseeufer) und seine direkte Umgebung, wo es jedem Besucher verboten ist sich dort niederzulassen, in sehr kurzer Zeit einen weltweiten Bekanntheitsgrad erlangten. Die Tatsache, daß man sich in einem Nationalpark befindet, wo man sich an bestimmte Regeln halten muß, wurde einfach ignoriert. Der Parkverwaltung blieb schließlich nichts anderes übrig als unverzüglich die Notbremse zu ziehen und drakonische Maßnahmen zu beschließen. So sind seit Herbst 2021 zusätzliche Ranger auf Streife und kontrollieren verstärkt auch an Wochenenden. Man will bei Verstößen härter durchgreifen und tut es auch. Bei Zuwiderhandlungen drohen 200,– € Geldbuße. Und schwere Verstöße können sogar mit bis zu 25.000,– € geahndet werden.

Überall weckt die Schönheit der Natur Begehrlichkeiten. „Touristen“ suchen, angelockt durch eine aggressive Werbung in den sozialen Netzwerken, Naturobjekte von besonderem ästhetischen Reiz, wie den malerisch gelegenen „Natur-Pool“ am Königssee auf; sie knipsen, posten und zertrampeln ein in Jahrhunderten und Jahrtausenden gewachsenes Naturjuwel. „Tausende Nachahmer pilgern zu den schönsten Fotospots“, hieß es damals im ARD-Magazin „REPORT“.

Schachbrettfalter – Foto: Hans Glader Piclease.com – Kommt an Waldrändern, Böschungen, auf Magerrasen und in Zwergstrauchheiden vor, ferner an grasigen, nicht zu trockenen Plätzen bis zur Baumgrenze.

Doch aus diesen skandalösen Vorfällen, die weit über Berchtesgaden hinaus Schlagzeilen machten, haben einige immer noch nichts gelernt. Das betrifft auch die Errichtung von Bauwerken in einem Naturreservat, wo eigentlich der Schutz der Natur absolute Priorität genießt. Erweiterungen für touristische Infrastrukturen sind also lt. Gesetz im Nationalpark nicht erlaubt. Dieses Verbot müsse sowieso schon mal an erster Stelle für öffentliche Einrichtungen gelten, die eine Vorbildfunktion haben, mokieren Naturschutzverbände, wie Deutscher Naturschutzring (DNR), Bund Naturschutz in Bayern (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV). Trotzdem besteht die Bundespolizei auf einem Neubau ihres Trainingszentrums am Kührointhaus im Nationalpark. Schon jetzt führt die Nutzung zu einem erheblichen Fahrzeugverkehr, der in den letzten Jahren stark zugenommen habe, kritisieren die Verbände. Sie bezweifeln die Notwendigkeit des Neubaus. Die Umwandlung und der Ausbau der Einrichtung in eine Art Tagungshotel seien völlig inakzeptabel. Der Präsident der Bundespolizei, Dieter Roman, wiegelt ab, versucht zu beruhigen (Quelle: Zeitschrift NATIONALPARK).

Schneehase: Vorkommen oberhalb der Baumgrenze, auch auf Grashängen, Krummholzzone, im Alpenrosengebüsch, gefährdet durch Klimaerwärmung – Foto: Nationalpark Berchtesgaden

Das ist die übliche Taktik der Erschließungsfanatiker hier und anderswo, wie man sie seit Jahrzehnten kennt. Fläche und Räume des bisherigen Gebäudes genügten nicht mehr den Anforderungen, so die Bundespolizei. Treuherzig wird versichert, daß es mit dem Neubau nicht mehr Verkehr geben werde; und es soll auch kein Tagungshotel entstehen. Vielmehr werde auf Hotelstandards und –Komfort ganz bewußt verzichtet. Es gebe keine Nutzungsänderung. Klingt gut. Diesen Worten jedoch Glauben zu schenken, wäre hochgradig naiv. Ob es wirklich so kommt, wird die Zukunft zeigen.

Das Kührointhaus war in den 1930er Jahren von der damaligen Wehrmacht als Gebirgsstützpunkt errichtet worden. Lt. der Zeitschrift NATIONALPARK erwägen die Naturschützer im Ernstfall eine Klage. Die Nationalparkverwaltung ist offenbar machtlos, wenn es darum geht, grobe Verstöße solcher Art in einem streng geschützten Naturreservat zu unterbinden. Zuständig wäre in diesem Fall das Umweltministerium in München als übergeordnete Behörde, der die Parkverwaltung in Berchtesgaden direkt unterstellt ist. Letzterer ist kein Vorwurf zu machen. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat die Nationalparkverwaltung unter ihrem noch nicht lange im Amt befindlichen Leiter, Herrn Dr. Roland Baier, bis jetzt alles unternommen, um die Schutzziele konsequent zu verfolgen und umzusetzen. So ist der Alpen- Nationalpark Träger zahlreicher Auszeichnungen. U.a. wurde er mit 2 Projekten im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt geehrt; außerdem erhielt er den Schutzwaldpreis für vorbildliche Projekte. Darüber hinaus verlieh man ihm das Europadiplom bis 2030.

Nicht in Berchtesgaden, wohl aber in anderen Nationalparken, Naturschutzgebieten, Weltnaturerbestätten usw. schießen heutzutage so genannte Baumkronenpfade wie Pilze aus dem Boden. Ihre Errichtung verschlingt horrende Kosten. Sie hat es früher nie gegeben. Auch Aussichtskanzeln oder Aussichtsplattformen sind fast überall zu finden. Sie sollen immer mehr Besucher anziehen, was zur Folge hat, daß die empfindliche Natur noch mehr unter Druck gerät.

Klettersteige, Kletterhilfen nehmen den Bergen ihre Würde und Erhabenheit. Sie sollen es auch „Halbschuh“-Touristen ermöglichen, in Bereiche vorzudringen, welche diese aus eigener Kraft nie erreichen könnten.

Alpenbock-Käfer: Besiedelt Buchenwälder der Kalkgebirge, gerne an geschlagenem Buchenholz, Larvenentwicklung in Buchen, seltener in Bergahorn und Bergulme. Auch dünnere Totholzstämme werden als Brutmaterial angenommen. Im NP  sehr vereinzelt anzutreffen bis 1.800 m Höhe. (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

Um die Natur im Nationalpark künftig wirksam und nachhaltig vor massiven Störungen durch ungezügelten bzw. ausufernden Tourismus zu bewahren, plädiere ich für folgende Maßnahmen:

Von jedem Besucher muß eine Eintrittsgebühr erhoben werden;

Zur Entlastung des Schutzgebietes vor übermäßiger Beanspruchung ist eine Begrenzung der Besucherzahlen unumgänglich. Nur ein bestimmtes Kontingent an Touristen kann noch akzeptiert werden, damit der Schutzzweck gewahrt bleibt.

Unerläßlich ist meiner Ansicht nach ein wenigstens zeitlich begrenztes Betretungsverbot für ökologisch besonders sensibler Gebiete.

Weiterhin muß eine Aufstockung des Nationalpark-Personals (Ranger) erfolgen, um flächendeckende Kontrollen im gesamten NP-Gebiet zu gewährleisten, insbesondere an neuralgischen Punkten, um bei Verstößen gegen die NP-Verordnung frühzeitig eingreifen zu können.

Außerdem sind mehr Streifen und Kontrollen an Wochenenden vonnöten.

Im tschechischen Nationalpark Sumava in der Nachbarschaft zum NP Bayerischer Wald werden schon bei leichteren Verstößen Bußgelder von bis zu 400,– € erhoben. Zelten und Campieren in der Kernzone gelten z. B. als schwerer Verstoß. Wer es dennoch wagt, dieses Verbot zu mißachten, wird übrigens auch im NP Bayerischer Wald mit 300,– € zur Kasse gebeten. Immer noch zu wenig, um einen wirksamen Abschreckungseffekt zu erzielen, meine ich.

An alle Besucher, die Jahr für Jahr scharenweise den Nationalpark bevölkern, sei eindringlich appelliert, sich überall in der Natur und erst recht in einem Naturreservat verantwortungsbewusst zu verhalten und zu akzeptieren, daß man der „Schöpfung“, biblisch gesprochen, mit hohem Respekt gegenübertreten muß. Wir Menschen müssen die Natur in erster Linie um ihrer selbst willen schützen, aber natürlich auch für uns selbst und im Interesse kommender Generationen. Schließlich sind wir alle auf Gedeih und Verderb vom Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen abhängig. Naturschutz ist nicht erst jetzt zu einer Existenzfrage geworden; sie war es immer. Das wird uns allen aber gerade in Zeiten von Klimawandel und einem dramatischen Rückgang der Biodiversität bewußt wie nie zuvor.

Ein Nationalpark bietet den Besuchern die Möglichkeit sich unmittelbar vor Ort davon zu überzeugen, wie natürliche Prozesse in verschiedenen Ökosystemen ablaufen, in die der Mensch nicht mehr eingreift. Solche Ökosysteme, in denen allein die Natur das Sagen hat, sind zugleich auch gegen die Folgen des Klimawandels weitaus besser gewappnet als jene, die von wirtschaftlicher Nutzung geprägt sind.

Der US-amerikanische Forstwissenschaftler, Ökologe und Wildbiologe Aldo Leopold, geboren am 11.1. 1887 im US-Bundesstaat Iowa, hat einmal gesagt: „Wildnis ist eine Absage an die Arroganz des Menschen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Nur brauchen wir viel mehr davon.

Karl Josef Knoppik, 16. Juli 2022

Siehe auch meine Artikel zum Thema Alpen und Klimawandel:

www.schiebener.net/wordpress/alptraum-alpen-bedrohtes-oekosystem-im-herzen-europas-ausverkauf-einer-urlaubslandschaft

erschienen am 25. Januar 2015

und

www.schiebener.net/wordpress/hochgebirge-sind-wie-polarregionen-vom-klimawandel-besonders-betroffen-wie-wird-sich-die-globale-erwaermung-aus-heutiger-sicht-auf-die-natur-unserer-alpen-auswirken? Teil 1 vom 24.8. 2015 und Teil 2 vom 2.9. 2015

2 Gedanken zu „Der Nationalpark Berchtesgaden – Ein Naturjuwel im südöstlichsten Winkel Deutschlands – Hotspot der Artenvielfalt – gefährdet durch Massentourismus“

  1. @Karl Josef Knoppik

    Ich habe am Wochende einen sehr schlechten Reisebericht über das Wandern am Watzmann und den Jenner im nd Die Woche gelesen.

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167225.wandern-am-watzmann-steil-bergauf-zum-enzian.html

    Kein Wort der Kritik, noch nicht einmal eine Erwähnung der Auseinandersetzung um den Bau der neuen Jennerbahn.

    Klimawandel mit dem Verschwinden der letzten Gletscher: kein Thema.

    Tödliche Leichtsinnsunfälle wie kürzlich am Hochkalter: keine Erwähnung.

    Für eine linke Zeitung ist das eigentlich ein Totalversagen. Oder bin ich da zu penibel?

    1. Lieber Herr Schiebener,
      Sie sind keineswegs zu penibel. Im Gegenteil. Ich bin vollkommen Ihrer Meinung. Einer „links“ angesiedelten Zeitung oder Zeitschrift ist das unwürdig. Solche ganz wesentliche Fakten dürfen einfach nicht unerwähnt bleiben und müssen harscher Kritik unterzogen werden!
      Leider geht es auch in Nationalparken vorrangig darum, immer mehr Touristen anzulocken, um an diesen möglichst viel Geld zu verdienen. Der Neubau der Jennerbahn mit erweiterten Beförderungskapazitäten ist dafür ein Paradebeispiel, freilich nicht das einzige. Obwohl die Jenner-Nordseite ja nicht zum Nationalparkgebiet zählt, bringen mehr Touristen, die in kurzer Zeit die Bergstation per Seilbahn erreichen, automatisch auch mehr Probleme für den unmittelbar angrenzenden Nationalpark. Schon jetzt bevölkern meiner Ansicht nach zu viele Menschen, unter ihnen auch Armeen von Mountainbikern, die bis in entlegenste Regionen vordringen, die sensible Bergwelt mit ihrem störungsanfälligen Naturpotenzial, obwohl lt. Verordnung der Schutz von Lebensräumen, Tier- und Pflanzenarten gegenüber Nutzungsansprüchen aller Art angeblich höchste Priorität genießt.
      Auch im Nationalpark Bayerischer Wald erliegt man der Versuchung, nicht nationalparkkompatible Begehrlichkeiten einer Minderheit im gewissen Umfang zuzulassen. Doch dies schafft neue Belastungen. Sie betreffen das Zelten, was in einem Schutzgebiet natürlich streng verboten ist. Da es Zuwiderhandlungen vermutlich schon des öfteren gegeben hat (Campieren mitten in der Kernzone), entschloss man sich als Zugeständnis an eine Clique von Uneinsichtigen, Wiesen im Umfeld des Nationalparks zum Zelten freizugeben. In meinen Augen eine katastrophale Fehlentscheidung, eine Kapitulation vor den egoistischen Interessen der Spaßgesellschaft! Ich frage mich: Ist es in dieser Republik nicht ein einziges Mal möglich Standhaftigkeit zu demonstrieren und klar NEIN zu sagen, wenn es um grundsätzliche Dinge geht? Man hat nicht den Mut, solchen Leuten die Einsicht abzuverlangen, daß es in einem Naturschutzgebiet der höchsten Kategorie auf einer Fläche von nahezu 250 km² keinerlei Kompromisse geben darf. Anderswo aber ja! Werfen wir einen Blick z. B. in die US-amerikanischen Nationalparks, wo z. B. nur einer bestimmten Anzahl von Besuchern überhaupt Zutritt gewährt wird. Für den Aufenthalt in diesen Naturreservaten gelten strengste Vorschriften, die jeder – ohne Ausnahme – respektieren muß.

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